Die Jugendlichen lernen in der Bäckerei Schultheiss von den Profis, wie man Brote formt. Foto: Frederic Feicht
In der Backstube der Bäckerei Schultheiss in Nellingen stellen 32 Jugendliche mehr als 120 Brote her. Die Spenden gehen an „Brot für die Welt“ – doch es geht um mehr als Geld.
Frederic Feicht
23.03.2026 - 09:15 Uhr
Es ist mehr als eine kleine Spendenaktion: Konfirmanden haben am Samstag in Ostfildern Brot gebacken, um Geld für einen wohltätigen Zweck zu sammeln. Solche Aktionen sind vielen aus ihrer eigenen Konfirmations- oder Kommunionsvorbereitung bekannt. Aber neben der Schaffung nostalgischer Erinnerungen und der guten Tat an sich zeigt diese Aktion: Es geht um den Zusammenhalt im Ort und die Vermittlung moralischer Werte.
Jakob und Jonas stehen in der Backstube der Bäckerei Schultheiss in Nellingen. Sie haben ihre Brote bereits fertig verziert. Das Kneten und Formen der Laibe empfanden die beiden 13-Jährigen als etwas schwierig. „Es hat Spaß gemacht“, sagen aber beide. Brot gebacken haben die beiden vorher noch nie. Ob sie das Lebensmittel wohl zukünftig besser wertschätzen werden, nachdem sie selbst erlebt haben, wie es hergestellt wird? „Ja“, sagt Jonas, „es steckt echt viel Arbeit drin.“ 32 junge Menschen stellen an diesem Tag mehr als 120 Brote her, die gegen eine Spende am abendlichen Filmgottesdienst und am Sonntag in der Kirche ausgegeben werden. Die Spenden gehen an Brot für die Welt. Die Aktion „5000 Brote – Konfis backen Brote für die Welt“ findet deutschlandweit statt.
Jugendliche lernen neue Lebenswelten kennen
Wie nachhaltig ist eine solche Erfahrung für junge Menschen? „Es sind Jugendliche, die vergessen manche Sachen auch wieder“, sagt Pfarrer Bernd Schönhaar, einer der vier Pfarrer der Gemeinde Nellingen, Scharnhauser Park und Parksiedlung. Allerdings, so sagt er, wenn man Erfahrungen einen Raum gibt, mit denen man Erinnerungen verknüpfen kann – in diesem Fall die Backstube – seien sie nachhaltiger. Und letzten Endes gehe es hauptsächlich darum, den jungen Menschen im Rahmen der Konfirmandenschulung andere Lebenswelten zu zeigen. „Die kennen das nicht“, erklärt der evangelische Theologe. „Aber das ist nicht ihre Schuld, sie haben schlicht nicht die Möglichkeiten dazu.“ Für ihn mit ein Grund, warum vielleicht zu wenige junge Menschen ins Handwerk gehen würden. Deswegen hätten sie beispielsweise auch die Schreinerei eines örtlichen Bestatters besucht. Junge Menschen lernen den Ort, in dem sie Leben, besser und von einer anderen Seite kennen.
Nach dem Formen werden die Brote verziert. Foto: ff
Dass sie heute das Backen ausprobieren können, verdanken sie der Bäckerei Schultheiss, die ihre Backstube für die Konfirmanden geöffnet hat. „Das Familienunternehmen ist eng mit der evangelischen Gemeinde verbunden“, sagt Nicole Schultheiß, die für PR und Werbung des Betriebs zuständig ist. Johannes (77) und Wolfgang Schultheiß (72), die beiden Brüder und Senior-Chefs, würden sich schon lange beispielsweise bei Brot für die Welt, als Kirchengemeinderat oder gar in der Landessynode ehrenamtlich engagieren. Johannes Schultheiß habe das Konfirmanden-Backprojekt, das es seit 2014 gibt, mitentwickelt, erklärt Wolfgang Schultheiß, der an diesem Tag selbst mithilft. Den Vorteig habe die Familie bereits am Vortag angesetzt. Die Kosten für die Zutaten übernehme die Bäckerei. Schon seit mehreren Jahren dürfen Konfirmanden aus den umliegenden Gemeinden bei ihnen backen. Vielleicht ist dieses Engagement auch ein Geheimnis des nachhaltigen Erfolgs der Bäckerei, die in diesem Jahr ihren 140. Geburtstag feiert und die bereits 25 Filialen in der Umgebung hat.
Von links: Frank und Christian Schultheiß Foto: ff
Lernen von den Profis der Bäckerei Schultheiss
Auch die beiden Cousins und jetzigen Geschäftsführer Christian (44) und Frank (49) Schultheiß packen mit an und erklären den Jugendlichen, worauf es ankommt. „Man muss Spannung in den Teig bringen, damit das Brot nachher auch schön rund wird“, erklärt Frank Schultheiß gerade der zweiten Konfirmandengruppe, die an diesem Tag an der langen Backtafel steht. Keine Streitereien oder Geschubse unter den Jugendlichen. Alle sind motiviert am Werkeln. „Es geht auch darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, was es heißt, versorgt zu sein“, sagt der Jugendreferent der evangelischen Kirche Anastasios Leontopoulos, „sonst ist alles ja einfach da.“ Natürlich gehe es auch darum, das Grundnahrungsmittel Brot als christliches Symbol einmal anders zu erleben. „Und es ist schöner, als einfach nur Spenden zu sammeln“, sagt er.
Bevor die Weizenmischbrote gebacken werden, wird jedes zu einem Unikat gemacht: Sie werden verziert mit allerlei Formen und Mustern oder christlichen Symbolen. Danach wandern sie noch kurz in den Gärschrank, bevor Frank Schultheiß vorführt, wie man dank moderner Maschinen unzählige Brote gleichzeitig in den riesigen Ofen schiebt.
Die Mühe hat sich am Ende des Tages gelohnt: Insgesamt haben die Jugendlichen an diesem Tag rund 600 Euro erbacken.
Gebacken wir weltweit
Jubiläum Das Familienunternehmen Schultheiss feiert in diesem Jahr 140-jähriges Bestehen. Die Bäckerei hat 25 Filialen. Vor dem Umzug nach Nellingen hat sich der Stammsitz in Esslingen befunden. Laut Nicole Schultheiß ist keine Filiale mehr als zwölf Kilometer Luftlinie vom Produktionsstandort entfernt, um regional arbeiten zu können. Auch bei den Zutaten werde Wert auf regionale Herkunft gelegt.
Aktion 5000 Brote Die Aktion der Evangelischen Kirche Deutschland und des Zentralverbands des deutschen Bäckerhandwerks wurde 2014 ins Leben gerufen. Bislang haben knapp 70 000 Konfirmanden mehr als 250 000 Brote gebacken und so mehr als 1,3 Millionen Euro an Spendengeldern gesammelt. Das Geld geht in diesem Jahr nach Mosambik an das Projekt „Ein Ofen für den Neustart“ und nach Argentinien. Dort werden bei „Freundschaft in der Backstube“ Jugendliche unterstützt. Mehr Informationen unter: https://www.5000-brote.de/