Die Stuttgarter Realschulen erfreuen sich wachsender Schülernachfrage (hier die Bad Cannstatter Jahn Realschule). Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die neue Grundschulempfehlung zeigt Wirkung: Während die Stuttgarter Gymnasien weniger Anmeldungen verzeichnen, legen Gemeinschaftsschulen und vor allem Realschulen zu. Die Schulreform blutet die Werkrealschule aber noch schneller aus.
Während die staatlichen Gymnasien für das kommende Schuljahr 7,3 Prozent weniger Anmeldungen registriert haben (minus 166 Schüler), konnten die Schularten des Sek-I-Bereichs in vergleichbarem Umfang zulegen. Laut dem Staatlichen Schulamt Stuttgart wurden 1589 Schülerinnen und Schüler an Realschulen, Gemeinschaftsschulen sowie an Haupt- und Werkrealschulen angemeldet. Im Schuljahr davor waren es 1459 Schüler. Das ist ein Zuwachs von 130 Schülern (plus 9,5 Prozent).
Haupt- und Werkrealschulen sind die Verlierer
Von dieser Zunahme profitieren nicht alle. So haben die sieben verbliebenen Haupt- und Werkrealschulen, die seit Längerem Verluste verzeichnen, nochmals ein beträchtliches Minus hinnehmen müssen. 138 Schüler wurden dort angemeldet, 43 weniger als im Vorjahr (minus 23,8 Prozent). Stark zugelegt haben dagegen die 15 Realschulen, wo dieses Mal 978 Schüler hinwollen. Das sind 139 mehr als voriges Schuljahr (plus 16,5 Prozent). Zuwachs bekommen auch die acht Stuttgarter Gemeinschaftsschulen. Sie verzeichnen aktuell 473 Neuanmeldungen, das sind 34 mehr als voriges Mal (plus 7,7 Prozent).
Die Entwicklung hat verschiedene Gründe. Klar ist der Fall bei den Werkrealschulen, wo nach der jüngsten Bildungsreform des Landes künftig kein mittlerer Bildungsabschluss mehr möglich sein wird. „Dann wählen die Eltern gleich die Realschule oder die Gemeinschaftsschule für ihr Kind“, sagt Thomas Schenk, der Leiter des Staatlichen Schulamts. Zumal man an Real- und Gemeinschaftsschulen schon seit geraumer Zeit auch den Hauptschulabschluss machen kann. Überdies ist offen, wie es mit den Standorten von Haupt- und Werkrealschulen weitergeht. Die Stadt Stuttgart hat bereits angekündigt, dass man bald keine reinen Werkrealschulen mehr haben will, weil man sie so nicht für überlebensfähig hält.
Alle sieben Werkrealschulen „werden nicht überleben“
An der Haupt- und Werkrealschule Ostheim hat man seit einigen Jahren nur noch eine Eingangsklasse, nicht mehr zwei. Daran ändert nichts, dass die Anmeldungen dort von 18 im Vorjahr auf 21 gestiegen sind. Derzeit laufen Gespräche bei der Stadt, wie es mit den Standorten weitergehen soll. „Jede Werkrealschule wird einzeln geprüft“, sagt Jürgen Alber, der Leiter der WRS Ostheim. Jeder Standort habe seine Eigenheiten. „Mitte Mai bekommen wir die Rückmeldung, was die Stadt vorhat“, sagt der Schulleiter. Bei den Gesprächen gehe es „um die Weiterentwicklung der Sek-I-Landschaft“, erklärt Schulamtsleiter Thomas Schenk. Sicher sei: Alle sieben Werkrealschulen „werden nicht überleben“.
Ganz anders die Lage der Realschulen mit 139 Anmeldungen mehr. „Das ist nicht wenig“, findet Thomas Schenk. Auch die Realschulen hatten in den vergangenen Jahren Einbußen hinnehmen müssen. Neben dem Aus für den mittleren Abschluss an der Werkrealschule sieht der Schulamtsleiter einen Grund für den Zuwachs auch „in der neuen Grundschulempfehlung, die eine Trendwende verursacht haben könnte“. Die ist nach mehr als einem Jahrzehnt wieder verbindlich.
Verbindliche Grundschulempfehlung als Ursache?
Das glaubt auch Vanessa Kieser. Sie leitet die Neckarrealschule an der Heilbronner Straße, die einen Zuwachs von 35 Anmeldungen im Vorjahr auf nunmehr 58 verzeichnet. Das ist ein Plus von fast 66 Prozent. Etwa ein Drittel der Anmeldungen kämen von Schülern mit Gymnasialempfehlung, ein Drittel habe eine Realschulempfehlung, das weitere Drittel eine Empfehlung für die Werkrealschule. Das entspreche der Verteilung der Vorjahre, sagt Vanessa Kieser. Die Schulleiterin freut sich über den Zuspruch. Vor allem findet sie gut, wenn Schüler auf die Realschule gehen, statt in der sechsten, siebten oder achten Klasse dorthin zu wechseln, weil es auf dem Gymnasium nicht mehr klappt. Das sei dann für alle Beteiligten schwierig.
Zu den Realschulen, die stark zugelegt haben, gehört die private Waldschule in Degerloch (in der Statistik der staatlichen Realschulen nicht enthalten). Während man am dortigen Gymnasium mit 97 Bewerbungen wenig mehr hat als im Vorjahr, sind es für die 48 Realschulplätze dieses Mal 146 gewesen, plus 43 Prozent. „Das erklärt sich eindeutig durch die neue Grundschulempfehlung“, sagt Schulleiter Kai Buschmann. Nicht zuletzt weil die Waldschule einen sogenannten „Realschul-Aufsetzer“ anbietet, der den Schülern den Weg zum Abitur offenhält.
Schlechtes Kompass-4-Ergebnis verunsichert Eltern
„Die Oberstufe ist das A und O“, sagt Schulamtsleiter Thomas Schenk mit Blick auf den hohen Schülerzuwachs, über den sich die Schickhardt-Gemeinschaftsschule freuen kann. Sie ist die derzeit einzige Gemeinschaftsschule in Stuttgart mit einer Oberstufe und die einzige im Land mit bilingualem Profil. Von den 34 Anmeldungen mehr, welche man für die acht Stuttgarter Gemeinschaftsschulen registriert hat, gehen 26 auf das Konto der Gemeinschaftsschule im Süden. „Das ist krass“, findet Schulleiterin Sandra Vöhringer. Aus 82 Anmeldungen im Vorjahr sind 108 geworden, plus 32 Prozent.
Sandra Vöhringer sieht neben der wieder verbindlichen Grundschulempfehlung eine weitere Ursache für die Veränderungen bei den Anmeldezahlen. „Die Verunsicherung in der Elternschaft durch Kompass 4 war eklatant“, hat die Schulleiterin festgestellt. Bekanntlich ist der Test als neue dritte Komponente der Grundschulempfehlung bei den allermeisten Viertklässlern in Mathematik extrem schlecht ausgefallen. Viele Eltern hätten sich deshalb selbst bei einer Gymnasialempfehlung für ihr Kind gesagt: „Das machen wir lieber nicht.“
Das könne nächstes Jahr aber wieder anders sein, denkt sich die Schulleiterin. Dass der Zulauf zur Schickhardt-Gemeinschaftsschule dann wieder stark abnehmen könnte, fürchtet sie indessen nicht. Sandra Vöhringer glaubt, dass Schulen Eltern und Schüler künftig stärker durch überzeugende Konzepte gewinnen müssten. Und das sei der Schickhardt-Gemeinschaftsschule mit ihrem neuen Konzept eines sehr selbstständigen Lernens in sogenannten „Lernateliers“ gelungen. „Das hat uns und das hat die Eltern begeistert“, sagt Vöhringer. Und das sei eben ein weiterer entscheidender Grund für den starken Zuspruch.