Menopause in den Zwanzigern „Ich hab doch noch gar keine Kinder“ – mit 23 in den Wechseljahren

Normalerweise sind Frauen in ihren Fünfzigern, wenn sie in die Wechseljahre kommen. Aida ist nicht mal halb so alt. Foto: privat

Mama zu werden war in Aidas Lebenskonzept fest verankert. Dann erfährt sie mit 23, dass bei ihr bereits die Wechseljahre begonnen haben. Und jetzt? Welche Folgen hat die Diagnose für ihre Gesundheit? Für ihre Beziehung?

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

Wie genau Aidas Leben mit Ende zwanzig aussehen soll, konnte sie sich nicht vorstellen. Nur eines war immer klar: eigene Kinder kommen darin vor. Fünf Kinder würde sie haben, so stand es in ihrer Abizeitung. Aida verbrachte ihre Jugend mit Babysitten, wollte lange Lehrerin werden. „Ich liebe Kinder, auch andere Menschen haben mich immer in dieser Rolle gesehen, weil ich mich gerne um Andere kümmere“, erzählt sie.

 

Doch mit 23 war der Kinderwunsch für die gebürtige Freiburgerin ein Wunsch für die Zukunft. Erst einmal wollte sie sich um sich selbst kümmern, ihr Studium beenden, sich in ihrem Job verwirklichen. Keine Gedanken an später. Ein Leben im Jetzt, in der Selbstverständlichkeit, dass das Später irgendwann eintreffen wird.

Dann bleibt Aidas Periode zum ersten Mal aus. Es ist Januar 2020 und Aida hangelt sich in ihrem Alltag von Studium, zu Job, zu Hobbys, zu Freuden und Familie. Sie hat gerade begonnen ihre Bachelorarbeit zu schreiben, ist für ihre Arbeit viel unterwegs, oft gestresst. Da kann die Periode schon mal ausbleiben. Zur Sicherheit macht Aida mehrere Schwangerschaftstests. Doch das Ergebnis bleibt gleich: ein Strich, negativ. Das pendelt sich bald wieder ein, ist sich Aida sicher – auch noch im Februar, auch noch im März.

Während der Bachelorarbeit suchen sie innere Unruhe und Herzrasen heim

Als sie im Frühsommer immer noch auf ihre Blutung wartet, vereinbart sie einen Termin bei ihrem Gynäkologen. Er findet schnell eine Erklärung: die Nebenwirkung einer starken Entzündung der Eierstöcke von vor einem Jahr. Der Arzt ist unbesorgt und verschreibt Aida vorübergehend das Gelbkörperhormon, das Frauen im Normalfall ab der zweiten Zyklushälfte von selbst produzieren. Das soll Aidas Periode ankurbeln. Es funktioniert. Doch nach dem Absetzen bleibt die Blutung wieder aus.

Einige Monate geht Aida davon aus, dass ihre Periode von alleine wieder kommt. Foto: privat

Ihren Alltag wie gewohnt zu gestalten, wird für die 23-Jährige immer mehr zur Herausforderung. Aida ist müde, unkonzentriert, hat mit innerer Unruhe und Herzrasen zu kämpfen. Ihr Gynäkologe beginnt verschiedene Test zu machen, unter anderem wegen des Verdachts auf Endometriose, weil die Symptome ähnlich sind. Es folgen Untersuchungen, eine Ernährungsumstellung, ein Blutdruckmessgerät. Viele Versuche endlich Gewissheit zu bekommen. Doch niemand kann Aida sagen, was in ihrem Körper vor sich geht.

Aida löst sich nur langsam aus der Schockstarre

Im August 2020 schlägt der Gynäkologe einen letzten Test vor. Nur um das Unwahrscheinlichste auszuschließen. Doch dann die Klarheit: Aida ist in den Wechseljahren. „Das war ein riesengroßer Schock. Ich wusste nicht, dass das eine Option ist“, erzählt die heute 28-Jährige, „Ich dachte die ganze Zeit, das kann nicht sein, ich hab doch noch gar keine Kinder.“ Aida dachte bis zu diesem Zeitpunkt, dass Frauen erst in die Wechseljahre kommen können, wenn sie bereits Kinder haben.

Die Informationen zur Diagnose rieseln auf Aida ein, sie versucht sie aufzusaugen, irgendwo abzuspeichern, schafft es aber nur langsam, sich aus der Schockstarre zu lösen. Wie geht es weiter? Was bedeutet das für mein Leben? Nach dem Termin setzt Aida sich ins Auto, ruft ihre Mutter an. Erstmal langes Schweigen am Telefon. Da habe Aida das erste Mal verstanden, dass ihre Krankheit nichts ist, das wieder geht.

Circa sechs Millionen Eizellen werden in den Eierstöcken angelegt. Etwa 400 000 davon sind im Jugendalter noch übrig – und sie werden immer weniger. Ist die Reserve an Eizellen vor dem 40. Lebensjahr aufgebraucht, also die Eierstockfunktion erloschen, spricht man von verfrühten Wechseljahren, besser gesagt von einer prämaturen Ovarialinsuffizienz (POI) erklärt die Stuttgarter Gynäkologin Roswitha Engel-Széchényi, die POI regelmäßig in ihrer Praxis diagnostiziert. In der Regel seien die Frauen in ihren Dreißigern. Die Menopause in den Zwanzigern sei eine Rarität, die Wahrscheinlichkeit 1:1000.

Vaginale Trockenheit, Schlaganfall, Rollstuhl?

Aida beginnt sich einzulesen und sucht auf Social Media nach anderen Betroffenen. Das große Loch kommt erst ein paar Monate später. Es ist November 2020: Aida fühlt sich überfordert, hilflos, allein. Die eigentlich aktive Studentin zieht sich wochenlang zurück, sagt immer wieder Treffen ab, spricht von Trauer. Auch weil sie lernen musste, sich von ihrer Lebensvorstellung zu verabschieden. Würde es noch möglich sein, mit sieben Prozent fruchtbaren Eizellen Kinder zu bekommen?

Vor der Diagnose war Aida viel unterwegs. In den ersten Monaten danach zieht sie sich zurück. Foto: privat

Die möglichen gesundheitlichen Folgen hatten erst einmal Vorrang. Denn eine ausbleibende Periode beeinflusst nicht nur die Fruchtbarkeit, sondern kann auch andere Folgen mit sich bringen: Schlafstörungen, vaginale Trockenheit, Osteoporose, aber auch Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Wenn sie nichts unternehme, könne es sein, dass sie in ein paar Jahren im Rollstuhl sitzt, sagte Aidas Gynäkologe zu ihr.

Er verschreibt ihr die Pille, um so ihrem Körper eine Periode vorzutäuschen. Später stellt sich heraus: Wahrscheinlich war es die Pille, die bei Aida ein Lipödem verursachte. Das führte wiederum dazu, dass sie fast zwei Jahre lang keinen Sport machen konnte. Die Folge: ein Bandscheibenvorfall. Außerdem entwickelte sie einige Unverträglichkeiten, weil ihre Leber durch die Hormone stark beansprucht wird. Die gesundheitlichen Auswirkungen beschäftigen die Studentin sehr, zeitweise sogar mehr als das Babythema. Die Pille sei eine Möglichkeit die verfrühte Menopause zu behandeln, doch es gebe auch andere, betont Aida. Wichtig sei es, sich immer eine zweite Meinung einzuholen.

Die Ursache für die Krankheit wurde bei Aida nicht gefunden. Selten sei das nicht, erklärt Engel-Széchényi. Eine verfrühte Menopause könne verschiedene Ursachen haben. In 60 bis 70 Prozent der Fälle sei diese aber unbekannt.

Aida lernt mit der Diagnose zu leben, doch mit den Jahren wird eine Frage immer lauter: die nach dem Kinderkriegen. Zu dem Zeitpunkt ist Aida Mitte zwanzig, lebt mit ihrem Freund in Ludwigsburg und gibt Workshops für Führungskräfte in ganz Deutschland. Immer noch sehnt sie sich danach, mit ihrem Partner ein eigenes Kind zu bekommen. Doch die Chance auf natürlichem Wege schwanger zu werden, ist sehr gering. „Für mich war das schmerzhaft“, erzählt sie, „die Frage, ob ich schwanger werden kann, hab ich mir vor der Diagnose nie gestellt.“

Aida hat Angst, dass ihr Partner sie verlässt

Doch durch die Wechseljahre muss Aida lernen verschiede Optionen zu erwägen: künstliche Befruchtung, Eizellenspende im Ausland, Adoption – oder vielleicht doch gar keine Kinder? „Das war ein langer Prozess. Ich musste erst einmal realisieren, wie sehr es mein Lebenskonzept ist, Kinder zu kriegen“. Aida beginnt, das was sie immer für selbstverständlich hielt, zu hinterfragen – wird dabei aber auch immer von einer Angst begleitet. Welche Auswirkungen hat die Entscheidung auf ihre Beziehung?

Ihr Partner war überzeugt: Sie finden schon einen Weg, Eltern zu werden. „Mir hat das signalisiert, dass er noch weiterhin am Kinderkriegen festgehalten hat“, sagt Aida und erzählt von Schwierigkeiten mit ihrem Partner, auch von der Angst, verlassen zu werden. Als die Angst zu groß wird, nimmt sie Abstand. Doch die beiden finden wieder zusammen, geben sich Zeit, reden viel. „Ich musste meinen Weg gehen und mein Partner musste seinen gehen. Das Schöne ist, dass wir am gleichen Punkt ankamen.“

Mittlerweile kann Aida auch etwas Positives aus ihrer Diagnose ziehen. Dass sie sich so intensiv mit dem Mutterwerden und damit auch mit dem Frauenbild in der Gesellschaft auseinandersetzen musste, ist für sie eine Bereicherung. In den letzten Jahren reifte ein Gedanken in ihr: „Ich mag es mit Kindern zusammen zu sein, wegen der unvoreingenommenen Sicht, das gibt mir voll viel. Dafür brauche ich keine eigenen.“

Diese Erfahrung sei für sie heilsam gewesen. Sie spricht mit Menschen, die keine Kinder haben und fragt sich immer wieder, wie viel Anteil sie selbst an ihrem Kinderwunsch hatte und wie viel sie eine Rolle von außen angenommen hat. Eine eindeutige Antwort darauf habe sie noch nicht, aber im Moment fühle sich der Gedanke, keine Kinder zu bekommen zumindest okay an.

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