Mentalität der Württemberger Bürgerkinder sollten in die oberen Schichten aufsteigen

Von Werner Birkenmaier 

Von 1538 an bestand die „Landschaft“ nur noch aus evangelischen Mitgliedern. Da auch etwa sechzig Prozent der Pfarrer sich geweigert hatten zu konvertieren und außer Landes gingen, wurde es schwierig, die Pfarrstellen zu besetzen. Als Ausweg blieb nur ein landeseigenes Bildungssystem, das die Herzöge mit Entschiedenheit etablierten. Es war ein Ausbildungsgang in drei Stufen: Lateinschule, Klosterschule, Evangelisches Stift in Tübingen. Um Begabungsreserven auszuschöpfen, wurde das „Landesexamen“ eingeführt, das nach dem Bestehen den Übertritt in die Klosterschule ermöglichte und zu einem kostenlosen Studium in Tübingen berechtigte.

Das damals entscheidende Theologiestudium sollte auch nicht zur Ehrbarkeit zählenden Bürgerkindern die Chance bieten, in die obere Schichten aufzusteigen. Entsprechend groß war der Andrang von Kindern, die nicht zu den legendären „vierzig Familien“ gehörten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Andrang so groß, dass in einem Generalreskript festgelegt wurde, möglichst keine „gemeiner Leute Kinder“ zum Landexamen zuzulassen. Auf den Schülern lastete ein enormer Leistungsdruck. Die Prüfungen führten auch zur Konkurrenz zwischen den ehrbaren Familien. Versagte einer ihrer Söhne, wurden die Väter stigmatisiert. Der Fortbestand der Familien war ja nicht wie beim Adel durch Geburt vorgegeben, sondern hing von der Leistung ab, die immer wieder bewiesen werden musste. So prägte sich der Leistungsgedanke tief in den schwäbischen Charakter ein.

Im Jahr 1565 wurde die evangelische Lehre quasi zum Landesgrundgesetz. Die Führung in Landschaft und Landtag ging auf die Prälaten über. Dank seiner umfassenden Kenntnisse war der Prälat von Bebenhausen, Christoph Friedrich Stockmeyer, in der Lage, die Stellung der Ehrbarkeit und der großen Familien insgesamt zu fördern. Damit gewann der Landtag jenen bürgerlich-theologischen Charakter, der die altwürttembergische Sonderart ausprägte. Das führte auch zu einer dem Lande eigentümlichen konfessionellen Enge und rigiden Haltung. Bestimmend für die Entwicklung waren die Sittengerichte. Dass sie überhaupt entstanden, hatte gewiss auch mit der allgemeinen Verwahrlosung durch den Dreißigjährigen Krieg zu tun.

Im Jahr 1643 ergingen Landesgesetze zur Förderung der Sittlichkeit. Sie waren entscheidend für die Herausbildung einer spezifisch württembergischen Mentalität mit ihren Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Ordentlichkeit. Diese bis heute nachwirkende Sittsamkeit war das Ergebnis einer zwei Jahrhunderte langen Disziplinierung im engen Zusammenwirken von kirchlicher und weltlicher Obrigkeit. Die Überwachung der Sitten, auch „Kirchenzucht“ genannt, erfolgte durch den Kirchenkonvent. In jeder Pfarrei wurde ein Sittengericht gebildet, das aus dem Pfarrer, dem Ortsvorsteher und einigen Beiräten gebildet wurde. Anklänge daran finden sich schon in Herzog Christophs Kirchen- und Schulordnung. In der Landesordnung von 1567 gab es ein Kapitel: „Wer und wie man Laster angehen soll.“ Auch gab es die Aufforderung, Mitbürger, die man beim Begehen von „Sünden“ beobachtete, zu melden, also zu denunzieren. Jedermann im Lande war zum Sittenwächter bestellt.

Genf als Vorbild

Das Vorbild dafür hatte man in Genf gefunden, wo der Reformator Calvin versucht hatte, einen Gottesstaat zu errichten. Die Sittenkontrollen haben das Leben der Württemberger über sechs Generationen hinweg nachhaltig geprägt. Gemildert und abgeschafft wurden sie erst im Jahr 1889. Die negativen Auswirkungen dieser Gesetzgebung werden immer noch dem Pietismus angelastet. Aber die Pietisten waren nicht deren Verursacher. Die Folgen waren das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit von Staat und einer zentralistisch aufgebauten Kirche und der daraus folgenden strengen Überwachung der Sitten durch den Kirchenkonvent.

Als der Pietismus aufkam, war die schwäbische Mentalität bereits vorgeprägt. Es lässt sich nicht genau sagen, ob die pietistische Bewegung eine Reaktion auf den lutherischen Dogmatismus und die besonderen württembergischen Verhältnisse war. Er trat auch andernorts in Erscheinung, etwa in Preußen. Die berühmten Franckeschen Anstalten in Halle sind von dem pietistischen Geist geprägt. Pietismus – das ist eine Form der subjektiven Frömmigkeit, mehr nach innen gerichtet als nach außen. Nicht von ungefähr spricht man von den „Stillen im Lande“. Allein schon ihrer Zurückhaltung wegen können die Pietisten nicht als Gegenelite zur Ehrbarkeit gelten. Voraussetzung dafür wäre eine Abspaltung von der Landeskirche gewesen.