Im Mercedes CLA durch Peking: Die Hände sind immer griffbereit – denn bei Level 2 trägt noch immer der Fahrer die Verantwortung. Das ist auch auf chinesischen Straßen so. Foto: Mercedes-Benz
Mehrere Spuren, Gegenverkehr, Fußgänger: In Chinas Hauptstadt demonstriert Mercedes im neuen CLA sein Assistenzsystem für teilautomatisiertes Fahren auf Level 2++. Wie schlägt es sich?
Pekings Straßen sind voll, unübersichtlich, oft hektisch – und genau hier überlässt Mercedes-Benz dem System das Steuer. Was in Europa noch Zukunftsmusik ist, fährt in China bereits im Alltag: der „MB.Drive Assist Pro“. Der Stuttgarter Autobauer setzt die teilautomatisierte Fahrassistenz, die von A nach B navigieren kann, dort seit einigen Monaten in vier Städten ein. Die Rede ist von einem System auf Level 2++.
Es handelt sich somit um eine sogenannte Punkt-zu-Punkt-Assistenz, die auf dem Weg zum Ziel eigenständig bremst, lenkt und beschleunigt. Wer auf dem Fahrersitz Platz nimmt, trägt aber nach wie vor die Verantwortung. Die Person muss aufmerksam bleiben und das Lenkrad berühren, zumindest alle paar Sekunden, um dem Fahrzeug zu signalisieren, potenziell jederzeit das Steuer übernehmen zu können.
Mit dem Mercedes CLA und L2++ durch Pekings Straßen
Im Vorfeld der diesjährigen Auto China, der wichtigsten Automesse der Welt, demonstriert Mercedes das System bei Testfahrten – inmitten der Hauptstadt Peking. Die bietet durchaus Herausforderungen, etwa wegen der zahlreichen Fahrspuren und dem Linksabbiegen bei Gegenverkehr. Wie meistert das System, für das Mercedes mit dem Momenta, einem Anbieter von autonomen Fahrtechnologien, kooperiert, eine exemplarische Fahrt durch die Metropole?
Die Route lässt sich im Vorfeld per App eingeben, erklärt Yunfei, Ingenieur im Bereich fortschrittliche Assistenzsysteme bei Mercedes in China und Fahrer an diesem Vormittag. AMap, eine chinesische Navigations- und Kartenapp, spielt die Route aus. Drückt man das Plus am Lenkrad, rollt der CLA assistiert los.
Der Mercedes CLA kann teilautomatisiert fahren – hier das chinesische Modell, in der Langversion. Foto: Mercedes-Benz
Dass ein System und kein Mensch das Fahrzeug steuert, fällt in diesem rund 30-minütigen Einblick in die L2++-Welt nicht auf. Der CLA weicht dank des Assistenten an entscheidenden Stellen – etwa beim Vorbeifahren an stehenden Autos – selbst aus, an anderen klappt dann das Abbiegen, nach links wie nach rechts, ohne Probleme. Auffällig ist auch die gezielte Tempoanpassung. Als sich etwa ein Fußgänger der Straße nähert, aber noch ein gutes Stück weg ist, beschleunigt das System kurz, weil es erkennt, dass der Mercedes noch vorbeifahren kann. Als es später einen ungeschickt geparkten Transporter kurz nach einer Einmündung bemerkt, bremst es – schließlich könne hinter dem Fahrzeug ein Fußgänger warten, löst Yunfei auf.
Mercedes-System überzeugt bei Testfahrt
Der Assistent meistert die mehrspurigen Strecken wie auch die Bereiche, in denen es enger zugeht, bei der Fahrt fehlerfrei. Die letzten rund 250 Meter zum Parkplatz muss der Mercedes-Ingenieur übernehmen, da das System nicht auf Privatgelände steuern kann. Das Einparken dort übernimmt es dann wieder.
Insgesamt greift der „MB.Drive Assist Pro“ laut Mercedes auf eine Vielzahl von Sensoren zurück: zwölf Ultraschall-, fünf Radarsensoren und zehn Kameras. Interessanterweise verzichtet das System dabei auf vorab hinterlegte Karten. Die Rohdaten dieser insgesamt 27 Sensoren werden an „Intelligence Drive Control“ gesendet – einen von Mercedes als „Supercomputer“ bezeichneten Rechner, der mit Künstlicher Intelligenz arbeitet.
Trotz der Autonomie bleibt die Hand des Fahrers stets leicht am Lenkrad. Auch wenn es in China (noch) keine gesetzliche Pflicht dafür gibt, verfolgt Mercedes-Benz einen klaren Sicherheitsansatz, wie Bernd Woltermann, Leiter Assistenz- und Parksysteme aus der Mercedes-Forschung und -Entwicklung in China, betont: „Wir legen Wert darauf, dass der Fahrer seine Hände am Lenkrad hat und aufmerksam ist.“ Lenkt der Fahrer aktiv, bleibt das System im Hintergrund aktiv; wird jedoch gebremst, beendet es seine Funktion.
Mercedes-Benz ist mit seinem L2++-System in China keineswegs allein. Die Punkt-zu-Punkt-Assistenz sei dort „bei praktisch allen chinesischen Marken Standard – aber das Niveau ist unterschiedlich“, sagt Woltermann und ergänzt: „Unser System kann mit denen der top-chinesischen Hersteller mithalten.“ Unter den Angeboten der internationalen Hersteller sieht Mercedes das eigene als das beste an. Der Autobauer mit dem Stern sei der einzige deutsche Autobauer, der in China mit L2++ unterwegs ist.
Mercedes will L2++ chinaweit anbieten
Seit Dezember ist er dort damit auf dem Markt. Derzeit kann das System in vier Städten, darunter Shanghai und Peking, genutzt werden. Wie Mercedes-China-Chef Oliver Thöne in der chinesischen Hauptstadt verkündet hat, will der Autobauer es beginnend von diesem Quartal an landesweit ausrollen. Ende 2026 ist zudem der Auftakt in Amerika geplant.
Und in der EU? Hierzulande müssen sich Interessenten noch etwas länger gedulden. „Die entsprechenden Vorschriften wurden kürzlich finalisiert und sollen Anfang 2027 in Kraft treten“, teilt Mercedes mit.
Level-3-Einsatz pausiert bei Mercedes
Der Autobauer hatte 2021 als erster Hersteller überhaupt die Zulassung für ein Level-3-System (Fahrer muss jederzeit eingreifen können) erhalten und es bei der S-Klasse und dem vollelektrischen EQS eingesetzt. Es agiert autonom – und nicht mehr der Fahrer, sondern der Hersteller trägt die Verantwortung.
Wie seit Anfang des Jahres bekannt ist, pausiert Mercedes damit nun aber. Das Management begründete diesen Schritt mit immens hohen Kosten, geringer Nachfrage und einem regulatorischen Flickenteppich. In der neuen S-Klasse liegt der Fokus wieder auf L2. An L3 und L4 (Fahrer muss System nicht überwachen) arbeitet Mercedes dennoch weiter.
Hinweis: Die Reise für diese Recherche wurde von Mercedes-Benz finanziert. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt unserer Berichterstattung.