„Wir sind eine kleine, schlagkräftige Mannschaft mit einer tollen Kultur, die stolz auf ihre Ergebnisse ist“, sagt Mathias Geisen, der seit eineinhalb Jahren an der Spitze der Van-Sparte steht. Der drahtige Mann mit dem dunklen Cäsarenbart ahnt aber auch: Neben der großen Pkw-Sparte kommt sein Bereich in der öffentlichen Wahrnehmung gerne einmal etwas zu kurz. Und das, obwohl er gerade mit 218 400 verkauften Vans das beste erste Halbjahr vermelden konnte, das es je gab. Aber es stört ihn nicht. „Ich kann mir keinen besseren Job vorstellen“, sagt Geisen.
Von der Strategieabteilung ins operative Geschäft
Dabei kann er durchaus vergleichen. Der 45-Jährige hat schon viele Stationen absolviert, seit er nach Kindheit, Abitur und Zivildienst in Essen 1998 als Dualer Student zur damaligen Daimler AG nach Stuttgart kam. Ausgebildet in Marketing, Finanz- und Rechnungswesen befasste er sich unter anderem mit neuen Audio- und Navigationssystemen und leitete den Vertrieb der Geländewagen, als die revitalisierte G-Klasse gerade vom Auslauf- zum Erfolgsmodell mutierte. Dann der erste Einsatz bei den Vans und verschiedene Auslandsjobs – unter anderem drei Jahre in New York und Atlanta.
Ein paar Erinnerungsstücke an die „beruflich und privat großartige Zeit in den USA“ liegen im Regal seines sonst schmucklosen, grau grundierten Büros im neunten Stock. Die bilderbuch-bunte Aussicht auf Weinberge und Bahnbaustellen nimmt er kaum noch wahr, sagt Geisen. Stattdessen: Fakten, Zahlen, Ziele. Geisen redet im Rapper-Tempo, spult druckreif Marktpositionierung (Luxus für Privatkunden, Premium fürs Gewerbe), Geschäftsziele (eine dauerhaft zweistellige Umsatzrendite) und die Elektro-Roadmap ab: bis zu 20 Prozent soll der Anteil der batteriebetriebenen Transporter bis 2026 erreichen, über 50 Prozent bis 2030.
Es ist kaum zu überhören: Bevor er die Verantwortung für die Vans übernahm, war Geisen Leiter der Konzernstrategie mit direktem Draht zum Vorstandschef Ola Källenius – und hat dort die Leitplanken für Digitalisierung und Elektrifizierung des Konzerns mit eingezogen. Was steht als nächstes auf dem Plan? Kein Gedanke daran, sagt Geisen. Er schätze es, als Chef der Van-Sparte „maximale Verantwortung, aber auch große Gestaltungsmöglichkeiten“ zu haben. „Ich bin gekommen, um zu bleiben.“
Geisen fährt seit Jahren auch privat die V-Klasse
Auch privat kann er sich für die Großraum-Autos begeistern. Die aktuelle V-Klasse, in denen er die beiden Söhne zu ihren Fußballspielen bringt, ist schon Geisens siebte. Gelegentlich steigt er auf eine Elektro-Vespa um. Auch seine Frau – eine Gelsenkirchenerin, die er in Stuttgart kennengelernt hat und ebenfalls im Konzern tätig ist – ist mit einem EQA elektrisch unterwegs.
Der Weg zum Stromantrieb ist auch bei den Vans vorgezeichnet. 2026 startet die Produktion von Vito, V-Klasse und Sprinter auf einer neuen, ausschließlich für Elektroantriebe ausgelegten Plattform, wobei die großen Modelle im polnischen Jawor gebaut werden. „Die Entwicklung wird je nach Branche und Region sehr unterschiedlich verlaufen“, sagt Geisen. Besonders groß sei derzeit das Interesse an elektrischen Lieferwagen für die Paketzustellung, insbesondere auch in den USA. Und Mercedes sei aktuell der einzige Anbieter, der für jedes Modell ein elektrisches Pendant liefern kann.
Die im Vergleich zu Verbrennungsmotor-Modellen höheren Kosten sind im Van-Bereich eine besonders große Herausforderung. 80 Prozent gehen an gewerbliche Kunden, die Autos müssen sich schlicht rechnen. „Das tun sie trotz gestiegener Stromkosten schon heute“, sagt Geisen. Er weiß aber auch: „Die Transformation ist kein Sprint oder Marathon, sondern eher ein Iron-Man-Wettbewerb.“
Die Van-Sparte von Mercedes-Benz
Erfolg
2022 erzielte Mercedes Benz Vans mit den Modellen Citan, T-Klasse, Vito, V-Klasse und Sprinter einen Umsatz von 17 Milliarden Euro. Daraus resultierten 1,9 Milliarden Gewinn vor Steuern und eine Umsatzrendite von elf Prozent. Zum Vergleich: Mit den Pkw erlöste Mercedes 111 Milliarden Euro (16 Milliarden Gewinn vor Steuern, 14,6 Prozent Umsatzrendite.)
Mitarbeiter
In der Van-Sparte arbeiten 20 000 der insgesamt 170 000 Mercedes-Beschäftigten, davon 9400 in Deutschland. Das Werk Düsseldorf hat rund 5600 Mitarbeiter, das Werk Ludwigsfelde 1800. Am Stammsitz in Stuttgart sind es in zentralen Funktionen und in der Entwicklung etwa 2000 Beschäftigte.