Mercedes-Benz Werk Sindelfingen Roboterküche versorgt Mercedes-Beschäftigte rund um die Uhr mit frischem Essen

Im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen soll ab dem Sommer 2026 eine KI-Roboterküche für frische Mahlzeiten am Tag und in der Nacht sorgen. Foto: Circus SE

Im Mercedes-Werk in Sindelfingen kocht ab Sommer ein Roboterarm warme Mahlzeiten in wenigen Minuten – unabhängig von Schichtzeiten. Die normale Kantine bleibt bestehen.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Nachtschicht, Frühschicht, Spätschicht – wer im industriellen Takt arbeitet, hat selten die gleichen Essenszeiten wie die Tagschicht in der Kantine. Mercedes-Benz will dieses Versorgungsproblem nun technisch lösen: mit KI‑gestützten Roboterküchen des Start-ups Circus aus München. Dessen Gründer, der 29‑jährige Hamburger Serienunternehmer Nikolas Bullwinkel, war zuvor an der Gründung des Lieferdiensts Flink beteiligt und setzt nun auf eine Technologie, die frische Gerichte ähnlich zuverlässig zubereiten soll wie ein überdimensionierter, industrieller autonomer Thermomix.

 

Ein Gespräch über Essensqualität ohne Personal, schwäbische Klassiker aus dem Automaten – und die Frage, ob die Zukunft der Werksküche autonom ist.

Nikolas Bullwinkel, 29 Jahre alt, ist der Gründer von Circus. Foto: Circus SE

Herr Bullwinkel, viele können sich unter einer KI Roboterküche wenig vorstellen. Was erwartet die Beschäftigten bei Mercedes in Sindelfingen?

Ab dem Sommer gibt es am Standort in Sindelfingen rund um die Uhr eine frische, warme Mahlzeit für die Mitarbeiter. Unser CA-1 ist ein sieben Quadratmeter großes System, das eine komplette Großküche ersetzen kann: Zutaten lagern, dosieren, kochen, rühren, reinigen und ausgeben – alles in einem geschlossenen Gerät. Bei Mercedes wird CA-1 als Ergänzung zur Kantine eingesetzt, um Schichtarbeitende zu versorgen und die Kantine zu entlasten.

Und wie funktioniert das?

Ein Roboterarm holt die Zutaten, mischt sie und kocht sie über Induktion. Wir arbeiten mit permanent gekühlten Zutaten, also im Prinzip in einem Kühlschrank – dadurch bleibt alles durchgängig frisch. Wir beladen das System einmal am Tag komplett neu und nutzen die Daten aus den Abverkäufen. So lernen wir schnell, was nachgefragt wird. In Supermärkten arbeiten wir zum Beispiel mit Dynamic Pricing, um Reste zu vermeiden. In Unternehmen wie Mercedes legt der Kunde den Preis selbst fest, wir liefern nur Empfehlungen.

Über ein Touchpad können sich Mercedes-Beschäftigte ein Essen auswählen und dann bei der Zubereitung zuschauen. Die „normale“ Kantine wird dadurch nicht ersetzt. Foto: Circus SE

Was kann das System konkret kochen?

Pro Tag bieten wir 10 bis 15 verschiedene Gerichte an. Beliebt sind etwa Pasta, Currys, Salate oder Desserts wie Kaiserschmarrn. Auch Fisch und Fleisch wie beispielsweise Gulasch funktionieren problemlos. Grenzen setzen lediglich Größe und Garverfahren – ein Steak etwa kann das System nicht grillen.

Funktionieren auch schwäbische Klassiker?

Ja, selbstverständlich. Linsen und Spätzle oder Maultaschen sind kein Problem. Wir passen die Menüs ohnehin an die Region und die Mitarbeitenden an.

Wie lange wartet man auf ein Gericht?

Drei bis vier Minuten. Bestellt wird am Terminal direkt am Gerät, bei der Zubereitung kann man zuschauen.

Sie sind bereits bei Rewe, Meta und Tankstellenbetreibern vertreten. Was macht den Produktionsstandort von Mercedes in Sindelfingen für Sie interessant?

Die Schichtarbeit. Menschen rund um die Uhr mit gleichbleibender Qualität zu versorgen, ist in klassischen Kantinen schwer. Wir finden: Jede Schicht sollte denselben Zugang zu frischem, warmem Essen bekommen und unsere Geräte können das Leisten. Zudem ersparen wir Mitarbeitenden lange Wege über große Werksgelände – das Essen kommt näher an den Arbeitsplatz. Zu den konkreten Vertragsdetails, einschließlich der Anzahl und des geplanten Einsatzortes, können wir derzeit keine Angaben machen.

Welche Zukunft sehen Sie für klassische Kantinen?

Wir sehen unsere Roboterküche als zusätzliche Unterstützung während Stoßzeiten oder Schichtbetrieb, ohne Kantinenpersonal zu ersetzen. Aber: Automatisierung ersetzt im Grundsatz immer Mitarbeiter. Die Frage ist doch: Gibt es diese Mitarbeiter überhaupt? In Deutschland fehlen im Gastro und Großküchenbereich hunderttausende Fachkräfte. In der klassischen Kantine kann ein Roboter die Qualität stabilisieren, weil weniger Improvisation nötig ist als etwa in einem Restaurant.

Vom Schnell-Lieferdienst zu Roboterküchen

Gründer
Nikolas Bullwinkel, 29, ist ein Hamburger Serienunternehmer und war 2020 einer der Mitgründer des Schnelllieferdiensts Flink, den er innerhalb eines Jahres zu einem Milliardenunternehmen skalierte, bevor er 2021 ausstieg. Kurz darauf gründete er in Hamburg die Circus Group, aus der Idee heraus, den Food Service durch KI und Robotik neu zu denken – als Antwort auf Fachkräftemangel und ineffiziente Großküchenstrukturen.

Potenzial
Zu den Kunden der Circus Group gehören unter anderem die Supermarktkette Rewe, Meta, Tankstellen und die Bundeswehr. Perspektivisch sieht der Gründer auch großes Potenzial für die den Einsatz der Technologie on einer Vielzahl von Verpflegungssituationen wie etwa die Versorgung von Patienten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Hotels, Schulen, Universitäten und Flughäfen.

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