Schlechte Auftragslage, sinkende Umsätze, Angst um den Job: Deutschland steckt in einer Wachstumskrise – und die Aussichten für die Wirtschaft sind trübe. Vor diesem Hintergrund ist die Stimmung in vielen Betrieben in Baden-Württemberg nicht die beste. Doch allen Sparmaßnahmen zum Trotz – bei Weihnachtsfeiern wollen viele Firmen nicht den Rotstift ansetzen, wie eine Umfrage unserer Redaktion zeigt. Wir haben uns bei Unternehmen in der Region umgehört.
Bei Porsche gibts ein Drei-Gänge-Menü
Sie ist mit 770 000 Beschäftigten Deutschlands Schlüsselindustrie und gemessen am Umsatz die mit Abstand größte Industriebranche: Doch die Autoindustrie ist wegen einer schwachen Nachfrage, Flaute bei E-Autos und neuer Konkurrenz in China in die Krise gestürzt. Allen voran Volkswagen, wo Lohnkürzungen, Werksschließungen und Stellenabbau drohen. Die Krise ist aber auch in der Autostadt Stuttgart angekommen.
Beim zum VW-Konzern gehörenden Luxusautohersteller Porsche schwächelte zuletzt der Absatz. Dennoch will der Autobauer bei seiner betrieblichen Weihnachtsfeier nicht sparen. „Dieses Jahr laden wir unsere Mitarbeitenden zu einem gemeinsamen, kostenfreien Weihnachtsessen in unsere Betriebs-Casinos ein“, sagt eine Sprecherin. Rund 20 000 Beschäftigte dürfen sich auf ein Drei-Gänge-Menü freuen.
Bosch streicht Stellen – aber nicht die Weihnachtsfeiern
Der Zulieferer Bosch will Tausende Stellen abbauen – auf die Weihnachtsfeierlichkeiten habe das aber keine Auswirkungen, sagt eine Sprecherin. Eine zentrale Feier gebe es zwar nicht, selbstverständlich werde aber in vielen Abteilungen gefeiert. So ähnlich sieht es beim Autobauer Mercedes-Benz aus, der die Kosten in den kommenden Jahren um mehrere Milliarden Euro drücken will. „Bei Mercedes-Benz wird es Weihnachtsfeiern geben“, sagt ein Sprecher.
„Selbstverständlich achten wir in der aktuellen Wirtschaftslage besonders auf die Kosten“, sagt eine Sprecherin des Reinigungs- und Gartengeräteherstellers Kärcher aus Winnenden. Dennoch sei es zum Ende eines schwierigen Jahres wichtig, seine Mitarbeitenden zusammenzubringen und ihnen Dank auszusprechen. „Dafür richtet Kärcher schöne Weihnachtsessen in den eigenen Räumen aus, die vom Betriebsrestaurant bewirtet werden“, so die Sprecherin.
Stihl-Beschäftigte bekommen Essensgutscheine
Die Zurückhaltung beim Konsum trübt auch das Geschäft beim Motorsägenhersteller Stihl aus Waiblingen – gefeiert wird trotzdem. Weihnachtsbäume zieren die Werksgeländen und auch die Betriebsrestaurants sind feierlich geschmückt. Wie üblich lädt die Firma die Belegschaft zum Essen in ein Betriebsrestaurant. „Die Mitarbeitenden erhalten dafür einen persönlichen Essensgutschein, den sie flexibel einsetzen können“, sagt eine Sprecherin. Daneben gibt es Weihnachtsfeiern auf Abteilungsebene.
„Trotz der aktuell wirtschaftlich angespannten Situation“ lädt der Handelskonzern Würth alle Mitarbeitenden aus Logistik und Verwaltung am Standort Gaisbach zur Weihnachtsfeier ins Carmen Würth Forum ein. „Die große Weihnachtsfeier bietet einen schönen Anlass, um gemeinsam das Jahr ausklingen zu lassen“, sagt eine Sprecherin.
Bei Breuninger gibt es keine zentrale Feier
Beim Schokoladenriesen Ritter Sport aus Waldenbuch wird selbstverständlich mit den Mitarbeitenden Weihnachten gefeiert, sagt eine Sprecherin. „Trotz aktuell wirtschaftlich schwieriger Zeiten unterstützt Ritter Sport auch weiterhin die von den Abteilungen selbst organisierten Weihnachtsfeiern finanziell“, fügt sie hinzu. Insbesondere jetzt sei die Investition in Teamzusammenhalt besonders wichtig.
Die Stuttgarter Warenhauskette Breuninger veranstaltet keine zentrale Weihnachtsfeier, wie ein Sprecher sagt. Als Gründe nennt er die für den Einzelhandel traditionell arbeitsintensive Vorweihnachtszeit und die dezentrale Struktur des Unternehmens. Selbstverständlich aber werde in vielen Abteilungen und Standorten in ganz Deutschland Weihnachten gefeiert.
Hugo Boss schnallt den Gürtel enger
Der Modekonzern Hugo Boss aus Metzingen schnallt den Gürtel infolge der anhaltenden Konsumflaute enger. „Vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Lage haben wir insgesamt unsere Ausgaben angepasst und dementsprechend auch ein neues Konzept für die Weihnachtsfeier ausgearbeitet“, sagt eine Sprecherin. Statt an einem externen Veranstaltungsort steigt die Sause für alle Angestellten nun auf dem firmeneigenen Campus – was gut ankomme. „Wir laden die Mitarbeitenden zu einem hauseigenen Weihnachtsmarkt mit verschiedenen Speise- und Getränkeständen ein.“
Der Discounter Lidl aus Neckarsulm finanziert in Deutschland jedes Jahr bundesweit die Weihnachtsfeiern der Teams. Doch das war es noch nicht: „Darüber hinaus erhalten alle rund 100 000 Kollegen in Deutschland jährlich ein Weihnachtspaket mit vielen Überraschungen direkt nach Hause geschickt“, sagt ein Sprecher.
Wichteln bei der EnBW
„Die Weihnachtszeit ist eine intensive Zeit im Handel, daher bevorzugen es einige Teams, stattdessen ein Sommerfest zu feiern“, sagt Christian Harms, Personal-Geschäftsführer bei der Drogeriemarktkette dm in Karlsruhe. Die Veranstaltungen werden aber von den jeweiligen Teams selbst organisiert.
„Bei der EnBW gibt es keine zentral organisierte Weihnachtsfeier“, sagt eine Sprecherin von Baden-Württembergs großem Energieversorger. Ob und in welcher Form Weihnachtsfeiern stattfinden, werde in den Teams unterschiedlich gehandhabt. „Üblich sind Weihnachtsessen im Team, Weihnachtsaktionen wie ‚Wichteln’ oder gemeinsame Besuche von Weihnachtsmärkten.“ Eine angemessene Bezuschussung beziehungsweise eine Kostenübernahme sei üblich und liege im Ermessen der jeweiligen Führungskraft.
SAP lädt zum Wintermarkt ein
Europas größter Softwarehersteller SAP aus Walldorf lädt alle Beschäftigten zu einer großen Weihnachtsfeier ein. Dazu gehören Ruheständler oder Mitarbeitende in Elternzeit, ebenso alle Werkstudenten und Praktikanten. Die Feierlichkeiten finden in den fünf Kantinen in Walldorf und St. Leon-Rot statt. Zusätzlich wird es noch einen Wintermarkt auf der Festwiese am Campus in Walldorf geben. Neben der musikalischen Untermalung durch das SAP Symphonieorchester gibt es mehrere DJs.
Auch der Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (W&W) organisiert einen Weihnachtsmarkt für seine Angestellten – auf dem Areal ihres neuen Campus in Kornwestheim. Das Angebot werde vom Unternehmen „umfangreich bezuschusst und kann auch für Abteilungs- oder Gruppenfeiern genutzt werden“, sagt ein Sprecher. Bei der LBBW oder der BW-Bank organisieren die Abteilungen und Filialen ihre Weihnachtsfeiern selbst, wie eine Sprecherin sagt.
Gastronomiebetriebe feiern im Januar
„Die wirtschaftliche Lage im Handwerk ist derzeit herausfordernd“, sagt Peter Haas, Hauptgeschäftsführer von Handwerk BW. Ob es Weihnachtsfeiern gebe, hänge stark von der wirtschaftlichen Situation des jeweiligen Unternehmens ab. „Einige Betriebe feiern wie gewohnt, während andere eventuell kleinere oder kostengünstigere Varianten wählen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Haas.
Für die 27 000 Gastronomiebetriebe in Baden-Württemberg bricht vorm Fest die arbeitsreichste Phase an. „Da ist häufig keine Zeit für eigene Feiern. Das wird in der Regel im Januar nachgeholt“, sagt Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) im Südwesten. Obwohl das Geschäft von Restaurants und Cafés gerade nicht gut laufe und die Umsätze sinken, werde an Firmenfeiern nicht gespart. „Solche Events sind wichtig. Betriebe haben Interesse, gute Mitarbeiter zu halten.“ Für gewöhnlich beteilige sich die Firma an den Kosten.