Merz-Schule Stuttgart Ist ihre Schule eine Eliteschule, Herr Merz?

„Wir wollen durch hochwertige Bildung einen tieferen Sinn erfüllen“, sagt Schulleiter Frederik Merz. Die Bilder rechts zeigen den Campus an der Geroksruhe und das Internat. Foto: Merz-Schule/Michael Steinert

Die Merz-Schule in Stuttgart ist deutlich teuerer als andere Privatschulen. Warum zahlen Eltern so viel Geld für die Bildung ihrer Kinder und was zeichnet die Merz-Schule aus?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Merz-Schule in Stuttgart hat den Ruf, eine Eliteschule zu sein. Seit dem Sommer wird sie gemeinsam von Frederik Merz und Sabine Zertani geleitet. Im Interview reden sie darüber, warum Privatschulen boomen und vor welchen Herausforderungen sie aktuell stehen.

 

Herr Merz, Frau Zertani, welche Aufgaben stehen aktuell an?

Merz: Im Wesentlichen sind wir geprägt durch die Neuerungen, welche die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium mit sich bringen. Darum kümmern wir uns, aber mit der nötigen Ruhe. Denn vieles ist noch gar nicht klar. Wir sind eingestiegen in die Innovationselemente, die das Kultusministerium vorgesehen hat. Wir fühlen uns da insgesamt auch sehr wohl.

Warum?

Zertani: Das neunjährige Gymnasium ist eine Entlastung. Wir haben mehr Zeit. Man hat die Kernfächer gestärkt. Die Fremdsprache startet weiter in Klasse 6, das ist gut, weil so mehr Raum zum Üben und für Kommunikation bleibt. Die Zahl der Klassenarbeiten reduziert sich, das ist eine Erleichterung für Kinder und Eltern. Dadurch entsteht ein bisschen mehr Freizeit.

Es passt auch zum Konzept der Merz-Schule, in dem die ganzheitliche Bildung im Vordergrund steht.

Merz: Genau. Im Vergleich zu anderen Gymnasien haben wir fünf zusätzliche Stunden, die für unsere Schülerschaft verbindlich sind: zwei Handwerksstunden, der musische Nachmittag mit zwei Schulstunden und eine Stunde Rhetorik. Das braucht Zeit.

Das erste Schulgebäude der Merz-Schule in der Gänsheide 119 aus dem Jahr 1918. Den Campus an der Geroksruhe gibt es seit 1969. Foto: Merz Schule

Allgemein ist zu beobachten, dass Privatschulen bei Eltern immer beliebter werden. Woran liegt das?

Zertani: Das hat viele Gründe. Ein wichtiger Grund ist das Unterrichtsangebot und die Atmosphäre. Aber es geht auch um den Ganztag. Schulen in freier Trägerschaft bieten flexiblere Modelle an. Viele Kommunen verabschieden sich vom Hort. Wir sind noch eine Schule in der klassischen Kombination: vormittags Schule, nachmittags Hort. Bei uns kann man an einzelnen Tagen Nachmittagsbetreuung buchen. Diese Flexibilität ist im Sinne der Familien. Allerdings zahlen die Eltern für das Nachmittagsangebot. Der Ganztag an den staatlichen Schulen ist kostenlos.

Viele Eltern glauben aber auch, dass die Klientel an der Privatschule besser ist, oder?

Zertani: Es geht sicher auch um die soziale Durchmischung. Wobei ich denke, dass wir eine gute soziale Durchmischung haben. Schulen in freier Trägerschaft haben nicht nur Kinder aus sehr wohlhabenden Familien. Das ist ein Klischee, das nicht durchgängig zutrifft.

Merz: Den Boom der Privatschulen muss man differenziert betrachten. Nicht alle Privatschulen haben großen Zulauf. In erster Linie gibt es einen großen Run auf die Grundschulen. Das merken wir an unserem Einzugsgebiet, das bis nach Leinfelden-Echterdingen und Kornwestheim reicht. Die Eltern kommen zu uns mit der klaren, bewussten Entscheidung: Ich möchte für mein Kind die bestmögliche Schule, weil ich der örtlichen Grundschule nicht traue, weil ich die Gegebenheiten dort nicht akzeptiere und ich eine Alternative möchte. Da ist eine enorme Diskrepanz zwischen dem, was die Kommunen teilweise anbieten können und den Erwartungshaltungen ihrer Bürger.

Aber auch die privaten Realschulen boomen.

Merz: Mit der neuen Grundschulempfehlung ist ein Bruch durch die Systematik gegangen. Das merken viele Privatschulen. Klasse 5 am Gymnasium ist schwierig im Moment. Das sind lange nicht die Zahlen wie man sie in der Vergangenheit hatte, und gleichzeitig ist der Run auf die privaten Realschulen verrückt. Wo Eltern auch versuchen, unter dem Eliteaspekt, für das eigene Kind das Bestmögliche herauszuholen. Zudem haben Privatschulverbünde oft eine höhere Durchlässigkeit zwischen Realschule und Gymnasium, was sie attraktiver macht.

Wie ist bei Ihnen das Interesse an der Grundschule?

Merz: Wir hatten mehr als 100 Teilnehmer bei unserem Informationsabend für die Grundschule auf voraussichtlich 30 Plätze, die wir frei vergeben. Das ist schon ein klares Zeichen.

Wie wählen sie aus? Wer bekommt einen Platz?

Merz: Wir versuchen innerhalb der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, die Familien kennenzulernen. Wir informieren und gehen in kurze Gespräche, um herauszufinden, mit welcher Motivation kommt jemand. Wir wollen herausspüren: Hat jemand grundsätzlich Interesse an uns und steht hinter dem Konzept? Oder versucht jemand, sich einfach nur vom staatlichen Apparat zu lösen? Gleichzeitig haben wir das Programm „Fit für Klasse 1“, in dem wir die Kinder noch einmal genauer kennenlernen.

Worum geht es in diesem Programm?

Merz: Wir wollen den motorischen und sprachlichen Entwicklungsstand der Kinder kennenlernen. Damit wollen wir einschätzen, ob Schule jetzt schon möglich ist. Häufig sind Entwicklungen noch nicht auf dem Stand, wie wir sie an der Grundschule erwarten müssen.

Aber der Auswahlprozess ist insgesamt kein Assessmentcenter?

Merz: Ich würde es nicht so nennen, aber ich sage auch ganz klar: Am Ende steht eine Entscheidung unsererseits. Das jetzt kleiner zu machen, wäre auch nicht sauber formuliert.

Sehen Sie sich als Eliteschule?

Merz: Wir sehen uns als Eliteschule in dem Sinne, dass wir einen hohen Anspruch an uns selbst und unsere Schülerinnen und Schüler haben. Weil wir in gewisser Weise höhere Ziele verfolgen, ohne das jetzt zu pathetisch werden zu lassen. Wenn es um Verantwortung für die Gesellschaft geht, haben wir natürlich an uns die Erwartung, dass wir die Kinder bestmöglich darauf vorbereiten, ihren Teil an der Gemeinschaft zu leisten. Und wir haben die Möglichkeiten, den Kindern genau das auch mitzugeben.

Und im finanziellen Sinne?

Merz: Im finanziellen Sinne sehe ich uns definitiv nicht als Eliteschule, weil wir das im Alltag ganz anders erleben. Wir haben Familien, die sich ganz bewusst für die Merz-Schule entscheiden und bereit sind, das Schulgeld zu investieren und dafür auf das ein oder andere zu verzichten. Aber wir haben natürlich überwiegend Familien, denen es ohne Probleme möglich ist, mehrere Kinder auf unsere Schule zu schicken.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Schule?

Zertani: Ich hoffe, vielleicht auch mit G9, dass wir wieder Spielräume für eigene Entwicklungen gewinnen. Denn wir müssen uns überlegen, wo wir hinwollen. In der Schule wird es immer um den Erwerb von Basiswissen gehen. Aber das muss korrespondieren mit dem Erwerb von Kompetenzen, vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung. Wir müssen den Kindern das Handwerkszeug zeigen, um die modernen Medien einerseits handhaben und andererseits kritisch damit umgehen zu können.

Merz: Ich wünsche mir, dass wir unseren Ansprüchen weiter gerecht werden können. Weil mich das persönlich immer sehr motiviert, dass wir gewisse Dinge anders machen als man sie vom staatlichen System kennt. Wir leisten als Privatschule unseren Beitrag in diesem Bildungswesen. Sicherlich mit eigenen und besonderen Ideen, und diese Besonderheiten sollen bei unseren Schülern Wirkung zeigen und vor allem die Charakterbildung unterstützen. Wir wollen nicht nur Schule machen, sondern durch hochwertige Bildung einen tieferen Sinn erfüllen. Damit wollen wir unsere Kinder und Jugendliche auf ihre Zukunft vorbereiten.

Zahlen und Fakten zur Merz-Schule

Zur Person
Sabine Zertani (65) ist Oberstudienrätin und unterrichtet seit 1989 an der Merz-Schule Geschichte und Theologie. Frederik Merz (41) hat auf Lehramt Sport und Englisch studiert (erstes Staatsexamen), in Sportsoziologie promoviert und einen Master of Arts Bildungsmanagement absolviert. Seit 2020 ist er an der Merz-Schule. Bereits seit 2024 war er geschäftsführender Schulleiter neben seinem Vater Konstantin Merz, der sich im Sommer mit 70 Jahren in den Ruhestand verabschiedete. Seitdem leitet Frederik Merz die Schule zusammen mit Sabine Zertani.

Merz-Schule
Im November 1918 gründete Albrecht Leo Merz an der Gänsheidestraße das „Werkhaus mit Werkschule und Freie Akademie für Erkennen und Gestalten“. Seit 1969 befindet sich der Schulcampus an der Geroksruhe. Zum Merz-Bildungswerk gehören neben der Grundschule und dem Gymnasium, das Merz-Internat mit Krippe, Kindergarten, Hort und Vollinternat, die Merz-Akademie und das Merz-Berufskolleg.

Schulgeld
Die Merz-Schule kostet. In der Grundschule beträgt das monatliche Schulgeld 200 Euro. Hinzu kommen 225 Euro für die Merz-Pädagogik, das sind freiwillig wählbare Sonder- und Profilleistungen. Der Hort kostet 335 Euro im Monat, die Ferienbetreuung pro Tag 50 Euro, einschließlich Mittagessen und Veranstaltungen. Für Fünft- und Sechstklässler fallen 124 Euro Schulgeld, 360 Euro für die Merz-Pädagogik und 310 Euro für die flexible Nachmittagsbetreuung an.

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