Messe in Carl-Benz-Arena Im Bann von Erotikshows und spontanen Tattoos

Besucher:innen können sich teilweise ohne Voranmeldung auf dem Messegelände tätowieren lassen. Foto: /Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Erotik- und Tattoomesse in Stuttgart vereint Kunst und Erotik. Besucher können sich ohne Voranmeldung tätowieren lassen und Live-Shows erleben sowie ein Angebot an Fetischmode. Wir haben uns mal umgesehen.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

So ganz seien dem schwäbischen Publikum die Korsetts noch nicht geheuer, die sie an ihrem Stand anbiete. Verkäuferin Mel steht am Freitagabend auf dem Messegelände in Stuttgart und preist dort eine Auswahl erotischer Dessous und Kleidungsstücke für Frauen an. Auch sie selbst trägt an diesem Tag knappe Fetischmode mit einem kurzen Rock, Netzstrümpfen und einer Corsage. Auf Messen beispielsweise in Hamburg sei das Publikum aufgeschlossener. In Stuttgart bräuchten die Kundinnen eben mehr Überzeugungsarbeit, um sich wirklich für ein Produkt zu entscheiden.

 

Von Freitag bis Sonntag steht in der Carl-Benz-Arena aktuell alles unter dem Motto Sexshop, Erotikshows und Tattookunst. Besucher:innen können sich direkt vor Ort die Haut stechen lassen und nebenbei Fetischmode, Sextoys, Piercings und Schokolade in Phallusform kaufen.

Tattookunst hautnah: Spontane Stechmöglichkeiten auf der Messe

Die zwei Schwestern, die an diesem Abend neugierig an den Ständen vorbeischlendern, sind heute vor allem an den Tattooartists interessiert. Manchmal bräuchte man Monate, bis man einen Termin bei einem guten Künstler oder einer Künstlerin bekomme. „Auf der Messe kann man sich auch ganz spontan stechen lassen“, sagt die ältere Schwester. Normalerweise sei es ein schlechtes Zeichen, wenn man sich ohne Termin ein Tattoo von einem Studio stechen lassen könne. Es gelte eher als unprofessionell. Auf Messen sei das anders. Die Erotikstände finden sie eher makaber. Hinter einem Stand wird auf einem großen Fernseher gerade eine nackte Frau mit heißen Wachs übergossen.

Fast stündlich gibt es zudem auf der Bühne live Erotikshows zu sehen. Zwei Stars in der Szene sind die beiden Erotikmodels Gianina-TS und Larissa-TS. Sie stehen ihren Fans für Autogramme und Fotos an einem Stand direkt an der Bühne zur Verfügung. Sie sind aber auch selbst an diesem Wochenende öfter mal im Rampenlicht. Ihre Show sieht so aus: Sie kommen in sexy Dessous auf die Bühne und fangen an sich zur Musik langsam auszuziehen. Zum Schluss stehen sie nur noch in Unterhose da, die sie auch kurz darauf fallen lassen. Und Überraschung: Beide Frauen haben einen Penis. Aus dem Publikum kommt großer Jubel, eine Gruppe junger Männer zieht sich peinlich berührt wieder zurück. Die beiden Entertainerinnen kommen aus Villingen-Schwenningen und machen sich von dort aus aktuell einen Namen in der Pornobranche. „Wir leben dort sehr glücklich und fühlen uns von allen akzeptiert“, sagt Larissa auf Nachfrage.

Das Publikum auf der Messe ist sehr durchwachsen. Eine Gruppe von Männern, die offensichtlich schon ein paar Bier intus haben machen Bilder von den Riesendildos an einem Sexshop. Neben Männergruppen gibt es aber auch die Kategorie „Lone Wolf“: Männer mit grauem Haar, Jeans, T-Shirt und Rucksack, die sich ohne Gesellschaft vor allem vor der Bühne tummeln. Aber auch Frauen ohne männliche Begleitung sind unter den Besucher:innen. Ein großgewachsener Mann mit Sixpack läuft oben ohne spazieren und präsentiert sein riesiges Rückentattoo, auf dem der Totenkopf des Sensenmanns abgebildet ist.

Kunst und Schmerz im Einklang erleben

Der 29-jährige Lukas liegt ein paar Meter weiter auf der Liege von Tätowierer Thomas Pietsch. Er arbeitet schon seit Stunden an einem Motiv bestehend aus einem großen Schiff und zwei Adlern. „Die Schmerzpflaster wirken ganz gut, daher hält es sich mit den Schmerzen in Grenzen“, sagt er. Die Session endet, wenn seine Schmerzgrenze erreicht ist. Er hat sich alle seine Tattoos auf seinem Körper von Thomas stechen lassen. Daher macht er sich nur bei ihm Termine. Sein Oldschool-Stil würde ihm am meisten zusprechen.

Ganz ohne Termin und ohne große Planung ist Barbesitzer Andrea Petragallo unter der Nadel gelandet. Er lässt sich das Logo seiner Bar „Nine“ in der Gablenberger Hauptstraße auf den Unterarm tätowieren.

Künstlerin Valeria sitzt mit ihrem I-Pad an einem Stand und macht gerade die letzten Schattierungen an einem Entwurf, den sie am nächsten Tag einer Kundin stechen will. Sie bezeichnet ihren Stil als Neo-Traditional. Die 36-Jährige betreibt ihre Kunst seit zwei Jahren und arbeitet in dem Studio Art Quartal Tattoo in der Nähe des Marienplatzes bei dem Ehepaar Ruslan und Julia.

Zwei Frauen, die unter den Besucher:innen mit ihren ausgefallenen Outfits auffallen, sind Kia und Isa. Isa ist Designerin und Künstlerin, sie trägt einen selbst gemachten Piratenmantel. Ihre Freundin Kia ist in einen Lederharnisch gewickelt und hat Tierohren auf dem Kopf. Sie ist schon seit vielen Jahren in der Swingerszene in der Gegend aktiv. „Ich finde gerade die Clubs hier im Südwesten großartig“, sagt sie. Diese würden ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben, manche seien regelrecht familiär. Für sie ist daher auch Stuttgart ein Ort, an dem sie mit ihrem Lebensstil einen Platz gefunden hätten.

Besucher:innen können noch bis Sonntag ohne Anmeldung die Messe besuchen.

Weitere Themen