Es klingt ganz harmlos. „Wir wollten eine Belehrung vornehmen“, sagt der junge Mann in Saal 6 des Stuttgarter Landgerichts. Die endet Mitte September vergangenen Jahres mit einem durch mehrere Messerstiche Schwerverletzten. Auf der Anklagebank sitzt ein mehrfach vorbestrafter 23-jähriger Stuttgarter wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Er schweigt – wie so viele in diesem Prozess. Der taucht in eine Welt ein, in der junge Männer die Dinge am liebsten selbst regeln. In der man zwischen Stadtteilen rivalisiert und mit niemandem darüber redet, der nicht dazu gehört. Schon gar nicht mit der Polizei oder vor Gericht.
Doch am zweiten Verhandlungstag bricht ein 25-Jähriger das Schweigen. Er belastet sich selbst, sagt aus, er sei bei der Tat dabei gewesen – ohne sich darüber erst große Gedanken gemacht zu haben. Er beschreibt, wie eine Gruppe junger Männer in ziemlich zufälliger Besetzung im Hallschlag in einem Café sitzt. Man redet darüber, dass der kleine Bruder eines Bekannten von drei jungen Männern aus dem Osten verprügelt worden sei, weil er Drogen „abgezogen“ habe. „Wir haben beschlossen, kurz rüberzufahren und das zu regeln“, sagt der Mann.
Man besorgt zwei Fahrer, die angeblich von gar nichts wissen, und lässt sich in die Parkstraße bringen. Dort passt man das Opfer auf dem Heimweg von der Arbeit ab, holt es von seinem E-Bike, schlägt und tritt zu. Auch Pfefferspray ist im Einsatz. Als die Gruppe aus sechs, sieben Leuten schließlich flüchtet, liegt das Opfer mit vier Messerstichen in Brust und Arm auf dem Boden, schwer verletzt, aber nicht lebensgefährlich. „Das war keine geplante Aktion. Dass das so ausartet, konnte ich mir vorher nicht vorstellen“, sagt der Mann. Ein Messer hätte nicht im Spiel sein sollen. Gleichwohl ist er vor der Abfahrt noch schnell nach Hause gegangen, um eine Sturmhaube zur Maskierung zu holen. In diesem Umfeld offenbar nichts Ungewöhnliches.
Warum er derart umfänglich auspackt, dafür hat der 25-Jährige vor Gericht eine Erklärung parat. „Ich stehe kurz vor Abschluss meiner Ausbildung, ich will wegen so einer Scheiße nicht mein Leben wegwerfen“, sagt er. Es gibt dabei aber offenkundig ein Detail, das ihm die Entscheidung erleichtert hat: Der junge Mann saß selbst in Untersuchungshaft und galt offenbar erst als Hauptverdächtiger. Er hatte am Tatort ein Armband verloren, das die Polizei gefunden hat.
Während seiner Zeit im Gefängnis ist in ihm wohl die Erkenntnis gereift, dass er sich auf seine Kumpels nicht verlassen kann. „Ich habe monatelang stillgehalten und hätte vom Angeklagten erwartet, dass er Manns genug ist, sich zu stellen“, sagt er. Erst als ihm klar wurde, dass das nicht passiert, hat er mit den Ermittlern gesprochen. Mit allen Konsequenzen. Er werde als Verräter bezeichnet, erzählt er. Ob dazu auch Drohungen gehören, sagt er nicht – er erscheint im Gerichtssaal aber mit drei Männern als Begleitung, die hinten Platz nehmen. Inzwischen ist er aus Stuttgart weggezogen, hat alle Kontakte zu den anderen Beteiligten abgebrochen.
Dass der 23-jährige Angeklagte tatsächlich mit dem Messer zugestochen hat, kann auch sein auskunftsfreudiger Ex-Kumpel nicht bezeugen. Man sei nach der Tat in den Hallschlag zurückgefahren und habe dort – ohne den Angeklagten – über den Verlauf geredet. Dabei sei angesprochen worden, dass offenbar ein Messer im Spiel gewesen sei und der 23-Jährige es verwendet habe. Direkt gesehen haben will das aber keiner.
Drohanrufe und Internetrecherche
Schon gar nicht die anderen jungen Männer, die an diesem Tag als Zeugen geladen sind. Sie verweigern die Aussage, kommen erst gar nicht oder reden sich um Kopf und Kragen. So ein 20-jähriger Freund des Opfers, der zur Tatzeit offenbar in dessen Wohnung war und danach über soziale Netzwerke versucht haben soll herauszufinden, wer die Täter sein könnten. Daraufhin bekam er zwei Drohanrufe, er solle bloß nicht zur Polizei gehen. Mit wem er gesprochen hat? Das weiß er nicht. Worum es genau ging? Daran kann er sich nicht erinnern. Woher der Anrufer seine Nummer hatte? Keine Ahnung. Und von den Angreifern, na klar, kenne er keinen. Das gelte auch für seinen bei der Attacke schwer verletzten Freund.
Doch auch mehrere Zeugen, die die Tat zufällig mitbekommen haben, sind im Detail wenig hilfreich. Ein Ehepaar zum Beispiel, das die Gewaltorgie wohl mit lauten Rufen gestört hat, hat zwar die jungen Männer wegrennen sehen, aber nicht beobachten können, wer zugestochen hat – und auch keine Gesichter erkannt. Es wird wohl sehr auf die Aussagen des Opfers ankommen, das offenkundig die Hintergründe kennt, sich aber selbst belasten könnte. Es bleibt abzuwarten, was das Gericht da zu hören bekommt aus einem Milieu, in dem man Dinge lieber selbst regelt.