Verstehen sich gut: Michael „Mimi“ Kraus (li.) und Stefan Kretzschmar. Foto: imago/wolf-sportfoto
Der Göppinger Handball-Weltmeister Michael „Mimi“ Kraus spricht über das Beben bei den Füchsen Berlin und sagt, warum er Stefan Kretzschmar für den geeigneten Mann beim DHB hält.
Der Göppinger Handball-Weltmeister Michael „Mimi“ Kraus spricht über sein neuestes Laufprojekt, das Beben bei den Füchsen Berlin und die Zukunft von Stefan Kretzschmar.
Herr Kraus, „jetzt läuft er auch noch“, heißt es in Göppingen – ist Ihnen womöglich langweilig geworden?
Ganz sicher, mit meinen ganzen Projekten und vier Kindern (lacht). Aber ernsthaft, es stimmt, ich habe den NICE Running Club Göppingen initiiert und beim Göppinger Stadtfest laufe ich am 12. September die 5,7 Kilometer lange Strecke selbst mit.
Was steckt dahinter?
In Zeiten, in denen die Menschen und vor allem auch Kinder mehr Zeit an Handys, iPads und Spielekonsolen verbringen, als sich zu bewegen, will ich Menschen jeder Fitness- und Altersstufe zweimal pro Woche zusammenbringen. Es geht nicht um Wettkampf, sondern um den Spaß an der Bewegung und den gemeinschaftlichen Austausch.
„Bob Hanning ist bekannt für unpopuläre Entscheidungen“
Wo liegt der Unterschied zu einem normalen Lauftreff in einem Sportverein?
Die bunte Mischung, die Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, neudeutsch: Community feeling zu pflegen, Socialising zu betreiben und dabei etwas für die Gesundheit zu tun. Die Teilnahme ist kostenlos, ich stelle Coaches und Pacemaker zur Verfügung. In Großstädten kommt das glänzend an. Bei einem Running Club in Berlin bin ich schon mal gemeinsam mit 700 Leute mitgelaufen.
Stichwort Berlin. Wie haben Sie denn die Turbulenzen bei den Füchsen miterlebt?
Zunächst einmal steht außer Frage, dass das, was Bob Hanning als Geschäftsführer in den vergangenen 20 Jahren aus den Füchsen gemacht hat, einzigartig ist und er durchaus bekannt dafür ist, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Zwei Monate nach der ersten deutschen Meisterschaft den jüngsten Trainer der Liga und den Sportvorstand rauszuwerfen, damit hat er viel Kredit verspielt, das macht unsympathisch.
Im Topspiel gab’s prompt ein 32:39-Debakel.
Das war sowas von klar. Der Zeitpunkt war total dämlich gewählt. Wer so ein Feuer entfacht, bekommt gegen einen Gegner wie den SC Magdeburg ein Brett. Doch unabhängig davon ist dies eine fatale Entscheidung und eine Respektlosigkeit vor allem gegenüber Kretzsche, der viel Herzblut reingesteckt hat und wie die Faust aufs Auge zu Berlin gepasst hat. Seine Strahlkraft wird fehlen. Das kann einen Knick in der Entwicklung zur Folge haben. Ich glaube, dass das den Füchsen die Champions-League-Plätze kosten kann. Bis der neue Trainer sein System findet, dauert das seine Zeit. Die Mannschaft muss sich komplett umstellen, das ist wirklich ein Risiko.
„Jaron Siewert und Stefan Kretzschmar harmonierten perfekt“
Wie erklären Sie sich die Entscheidung?
Jaron Siewert wurde zum Trainer der Saison gewählt, er harmonierte mit Kretzsche perfekt. Sie galten als Väter des Erfolgs. Vielleicht spielten auch persönliche Befindlichkeiten eine Rolle und Hanning kam es zu kurz, dass eigentlich er hinter all dem steht. Denn dass er danach hascht, im Mittelpunkt zu stehen, zeigen nicht zuletzt seine schrillen Outfits. Aber noch etwas könnte dazu gekommen sein.
Mimi Kraus beim Sprungwurf im April 2025 beim Abschiedsspiel von Jogi Bitter Foto: imago/Eibner
Was?
Gut möglich, dass Hanning unter Druck stand. Wenn er den Trainer Nikolej Krickau haben wollte, musste er jetzt zuschlagen. Krickau ist der Ziehvater von Mathias Gidsel und möglicherweise bauen sie in Berlin eine dänische Achse auf, und es kommen bald noch weitere Topspieler wie Simon Pytlick (Anm.: SG Flensburg-Handewitt) und Torwart Emil Nielsen (FC Barcelona) hinzu. Nikolej Krickau hatte jedenfalls einige andere Angebote. Es hieß, auch der THW Kiel habe die Fühler ausgestreckt.
Dort werden die Gummersbacher Gudjon Valur Sigurdsson als Trainer und Christoph Schindler als Geschäftsführer gehandelt.
Ich glaube sogar fest daran, dass das in der neuen Runde so kommen wird. Ich glaube nicht, dass der THW um die deutsche Meisterschaft mitspielen wird, da viel zu viel Unruhe herrscht.
Krickau ist nun in Berlin Trainer und Sportchef in Personalunion.
Und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob er dafür die richtige Lösung ist. Beim SC Magdeburg funktioniert dieses Modell, weil Bennet Wiegert von Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt komplett den Rücken freigehalten bekommt.
Er wird dem Handball treu bleiben. Es heißt ja immer, er soll unsere Sportart in der bayrischen Metropole nach vorne bringen. Aber Kretzsche hat keinen Bezug zu München, zudem glaube ich nicht, dass er seinen Lebensmittelpunkt Berlin verändern möchte. Wenn der Deutsche Handballbund aber nicht ganz dumm ist, werden sie versuchen, ein Gebilde um ihn herum zu schaffen und binden ihn ein. Mit Blick auf die Heim-WM 2027 könnte nichts besseres passieren.
Die offiziellen Posten sind mit Sportvorstand Ingo Meckes und Teammanager Benjamin Chatton aber erst seit kurzem besetzt.
Stimmt schon, aber kein anderer Handballer aus Deutschland hat in Europa eine größere Strahlkraft als Stefan Kretzschmar, jeder in der Handballwelt kennt ihn. Zudem kommt er super gut mit Bundestrainer Alfred Gislason klar. Wenn das beim DHB nichts wird, kommt vielleicht Geschäftsführer Karsten Günther vom SC DHfK Leipzig nach Berlin und fährt Kretzsche mit der Rikscha nach Leipzig (lacht).
Wer wird Gislasons Nachfolger, wenn er 2027 aufhört?
Bennet Wiegert hat ja schon einmal ein Angebot abgelehnt. Ich denke Florian Kehrmann ist der große Favorit und wird Gislason ablösen. Flo macht Hammerarbeit in Lemgo.
Wann steigt ihr Abschiedsspiel und wo landen TVB Stuttgart und Frisch Auf Göppingen?
Mein Abschiedsspiel plane ich für 2026 in der EWS-Arena. Frisch Auf landet zwischen Platz acht und zwölf, der TVB zwischen zehn und 13.
Zur Person
Vita Michael Kraus wurde am 28. September 1983 in Göppingen geboren. Nach Jugendstationen bei der TSG Eislingen, der Turnerschaft Göppingen und dem TSV Deizisau wechselte er 2003 zu Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Seine weiteren Stationen: TBV Lemgo (2007 bis 2010), HSV Hamburg (2010 bis 2013), erneut Frisch Auf Göppingen (2013 bis 2016), TVB Stuttgart (2016 bis 2019) und SG BBM Bietigheim (2019 bis Sept. 2020). Kraus warf in 128 Länderspielen 401 Tore für Deutschland. Größte Erfolge als Spieler: WM-Titel 2007, deutscher Meister 2011 und Champions-League-Sieger 2013 jeweils mit HSV Hamburg.
Persönliches Kraus hat vier Kinder Zoe (9), Marlo (7), Maddox (4) und Lima (3). Der Göppinger ist Unternehmer und Inhaber von zwei Fitnessstudios, einer Kaffeerösterei und einer Boulderhalle. Mehrere Padel-Tennis-Anlagen sind in Planung. (jüf)