Millennials werden 40 Keine Zeit für die Midlife Crisis
Millennials werden langsam alt. Viele von ihnen erleben das mittlere Alter anders als die Generationen vor ihnen. Wie kommt das, fragt sich unsere Autorin, die selbst Millennial ist.
Millennials werden langsam alt. Viele von ihnen erleben das mittlere Alter anders als die Generationen vor ihnen. Wie kommt das, fragt sich unsere Autorin, die selbst Millennial ist.
Dieser Artikel hätte eigentlich schon längst erscheinen müssen. Neulich fragte der Kollege: „Schreibst du den Text übers 40-Werden eigentlich noch?“ Dieses Alter habe ich nämlich seit vergangenem Jahr erreicht – und so lange steht die Idee schon auf der Themenliste. Die Wahrheit ist: Ich kam nicht dazu. Das bringt alles gleich auf den Punkt, worum es in dieser Lebensphase zu oft geht: Keine Zeit!
Viele um die 40 stecken in einer Sandwichposition: Sie haben kleine Kinder, manchmal schon pflegebedürftige Eltern, und im Beruf geht es um alles. Man strampelt sich ab, arbeitet in der ersten Position mit Führungsverantwortung oder baut eine Firma auf, während man versucht, den Liebsten zu Hause gerecht zu werden. Nebenbei wird uns Um-die-40-Jährigen erzählt, wir würden langsam alt und müssten dringend ins Fitnessstudio, um dem Schwinden der Muskelmasse entgegenzuwirken (zwei Prozent pro Lebensjahr!). Mit Schlagwörtern wie Longevity und Perimenopause macht man meine Generation vollends wahnsinnig.
Folgt jetzt der Zusammenbruch? Die Zahl 40 als Chiffre für die Krise in der Lebensmitte hat Tradition. Millennials, wie die zwischen 1980 und 1995 Geborenen genannt werden, haben aber meist eine ganz andere Biografie als die Generationen vor ihnen. „Midlife Crisis?“, sagte neulich eine Freundin. „Dafür habe ich gar keine Zeit.“
Tatsächlich zeigt sich in aktuellen internationalen Studien erstmals: Die U-Kurve hat ausgedient, die Krise in der Lebensmitte bleibt aus. Lange Zeit ergaben Befragungen und Studien einen Tiefpunkt, was die allgemeine Lebenszufriedenheit anging, bei zwischen 40- und 50-Jährigen. Heute hingegen findet sich dieses Tief offenbar eher bei Jüngeren. Noch wissen die Forschenden nicht genau, woran das liegt, die Lebenszufriedenheit begann bei Jüngeren jedenfalls schon vor der Coronapandemie zu sinken. Einige führen das auf die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien zurück. Während die Jungen also in Krisen feststecken, fehlt uns Mittelalten die Zeit dafür?
Wir waren bekanntermaßen die erste Generation der endlosen Möglichkeiten, im Gegensatz zur nachfolgenden Generation Z tragen wir aber meist schon viel Verantwortung. Unsere Lebensentwürfe spiegeln die Vielfalt unserer Angebote wider. Heute 40-Jährige können ganz unterschiedlich leben und aussehen. Manche haben graues Haar, andere stillen ihr Baby, und auf nicht wenige trifft beides zugleich zu. Mancher Karrierist hat die Familienplanung noch nicht einmal in Gedanken begonnen, andere setzen sich damit auseinander, wie es wohl sein wird, wenn die Teenager-Kinder bald ausziehen. Und einige interessieren sich gar nicht für ein traditionelles Familienleben, sondern propagieren Freiheitsliebe, offene Beziehung oder Working Remote in Portugal.
Trotzdem sind wir längst in einer Lebensphase, in der Freunde mit Augen-Yoga beginnen oder einem erzählen, wie wichtig es ist, die Faszien der Füße zu trainieren. Leider haben wir im Laufe der Jahrzehnte schon einzelne unserer Weggefährten verloren – an Krebs zum Beispiel. Und manchmal waren es sogar Menschen, die nicht einmal ungesund gelebt hatten. Sie hinterlassen uns neben tiefer Trauer auch die Frage danach, wie viel Askese zugunsten eines langen Lebens vertretbar ist gegenüber der glückstiftenden Unvernunft kleiner Fluchten, sollte alles doch schneller enden als gedacht.
Neulich habe ich ein Foto gefunden von der 40er-Feier meines Großvaters. Auf der großen Steintreppe einer Stadthalle haben sich 1965 ein paar Dutzend 40-Jährige sorgsam aufgereiht. Sie tragen Anzug und Krawatte, schicke Kleider und Spangenschuhe. Viele Männer haben Halbglatzen und dicke Bäuche, die Frauen, pardon, sehen in ihren Blumenkleidern aus wie 80-jährige Pfannkuchenbäckerinnen. Sie wirken so viel älter als meine Freundinnen.
Eine heutige 40-Jährige ist beispielsweise: Scarlett Johansson. Die derzeit umsatzstärkste Schauspielerin der Welt – keiner bringt den Studios mehr Geld als die US-Amerikanerin – befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Auch gerade 40 geworden: Cristiano Ronaldo, der immer noch Weltklassefußball spielt. Ich gebe zu, das sind Extrembeispiele. Trotzdem, 40 scheint schon länger nicht mehr der Eintritt in eine Art Vorruhestand zu sein. Wie auch? Den könnten wir uns gar nicht erlauben.
Bekamen frühere Jahrgänge in dieser Phase erste Lebenskrisen, lag das wohl daran, dass sie schon alles erreicht hatten, und die Frage stellen konnten: Kommt da noch was? Der österreichisch-ungarische Autor Gábor Fónyad, der 2024 ein Buch über Millennials in der Lebensmitte geschrieben hat, sagte in einem Interview: „Eine Midlife Crisis muss man sich erst mal leisten können.“ Den Status, den Menschen früher in unserem Alter hatten, haben viele von uns längst nicht, werden ihn vielleicht nie erreichen.
Unsere Generation, zumindest die Kinder der Mittelschicht, wurde in wachsendem Wohlstand groß. Wir sind so gut ausgebildet wie kaum ein Jahrgang zuvor. Mehrere Studienabschlüsse und Auslandsaufenthalte gehören zum Standard bei denjenigen, die in den Jahren nach der Jahrtausendwende Abitur gemacht haben. In unserer Studienzeit sammelten wir Praktika weltweit, promovierten oder studierten berufsbegleitend. Trotzdem waren wir auch diejenigen, die, noch bevor der Begriff Millennials aufkam, Generation Praktikum genannt wurden. Denn von der Jahrtausendwende an sind die Zeiten unruhiger geworden: Nine Eleven, die Wirtschaftskrise 2008, Globalisierung und Digitalisierung, Klimawandel und die Corona-Pandemie veränderten die Arbeitswelt und das Zusammenleben.
Für viele aus meiner Generation dauerte es länger, in ein festes Arbeitsverhältnis zu kommen. Im Vergleich hatten wir daher weniger Gelegenheit, Wohlstand aufzubauen, Immobilien zu kaufen, uns in Job oder Zuhause dauerhaft einzurichten. In einem viel beachteten Beitrag in der „New York Times“ schrieb die Autorin Jessica Grose 2023 sinngemäß: „Das ist alles nicht so, wie sich mittelständische Millennials das mittlere Lebensalter vorgestellt haben.“
Millennials wollen und sollen alles zugleich schaffen. Im Job erfolgreich sein, finanziell etwas aufbauen und sinnstiftend arbeiten, eine gute Mutter und ein noch besserer Vater sein, aber bitte das eigene Wohlbefinden nicht vernachlässigen, Stichwort Work-Life-Balance. Zur Wahrheit gehört: Ohne Hilfe wäre das gar nicht möglich.
Vielleicht hängt unsere Lebenszufriedenheit, die wir offensichtlich trotz all dem erhalten konnten, aber nicht nur mit unserer mangelnden Zeit für Krisen zusammen. Sondern damit, dass wir diese Hilfe meist bekommen haben. Und zwar von den vorangegangenen Generationen. Wir haben unsere Eltern gebraucht, als wir lange studierten und in teuren WGs in Barcelona oder London lebten. Wir brauchen sie jetzt, wenn die Kita um 16 Uhr schließt, wir aber bis 18 Uhr arbeiten müssen. Und es geht nicht nur um unsere Eltern. In der „Zeit“ stand diese Woche ein Artikel mit dem Aufruf: „Babyboomer, bitte helft uns!“ Darin hieß es: „Die Bundesregierung sollte ältere Menschen als Mentoren in die Schulen schicken.“
Wir benötigen Unterstützung, wenn wir unseren Kindern eine ähnlich gute Kindheit ermöglichen wollen, wie wir selbst sie hatten, weil wir alle jetzt Doppelverdiener sind und kaum eine von uns als Hausfrau rund um die Uhr die Kleinen betreut. Meine Generation hat im Gegensatz zu den in den 70ern Geborenen auch nicht ganz so viel übrig für konfrontative Schlagworte dieser Debatte wie etwa die „Care Arbeit“. Millennials verweigern sich der omnipräsenten Einordnung aller Lebensbereiche in eine kapitalistische Verwertungslogik. Oder kommt es nur mir so vor, als wären auch die rastlosen Nutzer von Botox und quälenden HIIT-Fitness-Kursen eher älter oder deutlich jünger als wir? Wir müssen doch nicht ständig alles optimieren!
Wir können jetzt Bundespräsident werden oder in eine polyamore WG ziehen. Wir zupfen graue Haare am Scheitel und schwarze am Kinn, aber wir wollen noch nicht dauernd an die Wechseljahre erinnert werden. Wir stehen zwischen Alt und Jung. Wir sorgen uns um die Weltpolitik, das Klima und die freie und tolerante Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind. Wir fürchten uns vor der ungewissen Zukunft am Arbeitsmarkt, der Gebrechlichkeit unserer Eltern und zunehmend vor den Ergebnissen unserer eigenen Gesundheitschecks. Aber sind wir mal ehrlich: Es geht uns gut.
Die Schauspielerin Scarlett Johansson sagte in einem Interview, ihr 40. Geburtstag fühle sich „so befreiend“ an: „Es ist dir egal, was andere denken.“ Das neue Lebensjahrzehnt eröffnet unserer Generation auch die Chance auf eine ganz neue Erfahrung: weniger Möglichkeiten. Die grauen Haare und der eigene 40. Geburtstag erlösen so manche Frau aus dem Jahrzehnt des Dauerrauschens rund um die Fortpflanzung. Willst du noch Kinder, noch mehr Kinder, warum keins?
Selbst wer glaubt, diese Frage in seinen Dreißigern schon vorläufig für sich beantwortet zu haben, blickt in der Zeit bis 40 immer wieder durch dieses offene Fenster, in dem er noch ein anderes Leben sieht: eines mit Kind oder mit noch mehr Kindern. Das näher rückende biologische Ende dieser Optionen bringt auch Erleichterung mit sich. Es kann eine Befreiung sein, wenn sich manches Fenster irgendwann schließt.
Lebensmitte
Im Alter zwischen 40 und 50, das zeigte sich lange Zeit in Studien rund um den Globus, kamen viele Menschen an einen Tiefpunkt, was die Lebenszufriedenheit angeht. Danach stieg das Wohlbefinden wieder, auch in der Jugend war es größer. Das gilt jetzt nicht mehr. Das Unglücksniveau jüngerer Jahrgänge liegt nun über dem aller anderen Altersgruppen. Das hat eine kürzlich im Fachmagazin Plos One publizierte, groß angelegte Studie von Forschenden aus den USA und Großbritannien belegt. Die Forschenden haben dabei auch Glück und Unglück von Erwachsenen aus 44 Ländern untersucht.
Ursachen
Das Unglückstief der mittleren Jahrgänge flacht dieser Studie zufolge ab, in vielen Ländern ist es ganz verschwunden. Doch die Gründe für das Unglück der Jüngeren sind noch unklar. Den Forschenden zufolge liegt es nicht an Corona allein und auch nicht nur an der Sorge Jüngerer über die Folgen des Klimawandels. Denn die hohe psychische Belastung der Jüngeren nahm offenbar schon vor mehr als zehn Jahren ihren Anfang. Ein möglicher Faktor könnte die Weltwirtschaftskrise 2008 gewesen sein, denn sie habe zu schlechteren Jobaussichten für die junge Generation geführt, heißt es. Medienkonsum Im Verdacht haben die Autoren der Studie aber vor allem Smartphones und soziale Medien. Es sei schwierig, diese Rückschlüsse zu ziehen, doch die entsprechenden Medien hätten einen negativen Einfluss auf das Selbstbild junger Menschen. Im Internet verglichen diese sich dauerhaft mit überzogenen Darstellungen vom Leben anderer. Die Einführung dieser neuen Technologien fällt ungefähr in die Zeit, in der die psychische Gesundheit Jüngerer anfing, schlechter zu werden. Zudem hätten zuletzt immer mehr Studien gezeigt, dass weniger Handynutzung auch zu mehr Wohlbefinden führte.