Millionen-Diebstahl in Stuttgart Neue abenteuerliche Geschichte: Wurden die Diebe ausgeraubt?

Wo sind die Millionen? Alle Beteiligten sagen vor dem Landgericht Stuttgart, dass sie von nichts wissen. Foto: IMAGO/Wilhelm Mierendorf

Im Fall eines Millionendiebstahls aus einer Sicherheitsfirma in Stuttgart hat ein Angeklagter neue Details berichtet. Dabei kommt eine erstaunliche Wendung zur Sprache.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Drei Personen planen gemeinsam einen Millionencoup in Stuttgart – und am Ende will niemand von ihnen wissen, was mit dem vielen Geld geschehen ist: Seit zwei Jahren befasst sich das Landgericht immer wieder mit dieser abenteuerlichen Geschichte. Nun ist eine neue Wendung eingetreten. Ein 32-Jähriger, der als Hauptdrahtzieher verdächtigt wurde, hat sich am Freitag ausführlich zu dem Fall eingelassen. Dabei gab er Hinweise, wie das Geld verschwunden sein soll. Offenbar macht er sich aufgrund der Geschichte auch Sorgen um seine kleine Familie in Serbien. Demnach sei das diebische Trio selbst Opfer von Räubern geworden, noch bevor klar war, wie die drei die Beute untereinander aufteilen würden. Man konnte die Ausführungen des Angeklagten so verstehen, als vermute er seine Komplizin als Anstifterin hinter dem Überfall, der sich am Ziel der Flucht in Serbien zugetragen haben soll.

 

1,25 Millionen Euro trug eine Mitarbeiterin im Oktober 2022 aus den Geschäftsräumen einer Werttransportfirma in Wangen heraus – in einer Sporttasche. Sie wolle noch zu einer Massage nach Feierabend, deswegen habe sie die Tasche dabei, das hatte sie ihrer Chefin erzählt. Am Nachmittag nutzte sie die Kaffeepause der anderen Mitarbeitenden, schaufelte Geld in einen Karton und trug diesen aus dem Raum. Dann leerte sie die Sporttasche und stopfte sie mit Scheinen voll – 1,25 Millionen Euro, das zählte sie auf dem Rücksitz des Fluchtwagens, welchen der 32-jährige Angeklagte fuhr.

Die Flucht führte über Wien nach Serbien. Beteiligt gewesen waren die heute 45-Jährige Minersa S., die ihre Haftstrafe bereits abgesessen hat, der 32-jährige als Fahrer und ein dritter Mann, der von Wien aus mit Schleusern die Flucht der Diebin über den Balkan bis nach Serbien organisierte. Die Frau beschuldigte den Fahrer, er sei der Drahtzieher und habe ihr ein Leben in Saus und Braus versprochen – und habe sie dann mittellos auf dem Balkan sitzen lassen. Der Mann sagte, die Frau habe ihn fallengelassen, weil er sich nicht auf eine Affäre oder gar Beziehung mit ihr eingelassen habe.

Nach der Zwischenstation in Wien hausten die Geflüchteten zunächst im Haus des Mannes, der die Schleusung organisiert haben soll. Nur die Frau wurde illegal über die grüne Grenze gebracht, da sie direkt nach der Tat als Verdächtige aufgrund der Videos aus der Firma identifiziert worden war.

In Serbien zogen sie dann nochmal um – und waren auf einem Grillfest. „Es wurde viel getrunken, aber ich weiß auch, wenn ich was getrunken habe noch, was ich gemacht habe“, sagte der Angeklagte über jenen Abend. Wie immer auf der Flucht habe er alles daran gesetzt, nicht mit der Komplizin in einem Zimmer zu übernachten: „Ich fand sie nicht attraktiv, aber sie wollte dauernd Sex von mir“, sagte der Ex-Profi-Handballer. So habe er in jener Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Eine weitere Bekannte aus Deutschland, mit der er in Sindelfingen eine Bar renoviert hatte, teilte sich das Schlafzimmer mit der Ex-Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma.

Bewaffnete Räuber überfallen die Millionen-Diebe

Dann geschah der Überfall. „Ganz viele Männer mit Pistolen“, seien ins Haus gekommen, hätten ihn auf den Boden geworfen, ihm mit den Schusswaffen auf den Kopf geschlagen und ihn mit den Knien auf den Boden gedrückt. Sie zwangen ihn, den Komplizen anzurufen, bei dem die Sporttasche mit dem Geld noch lag, und diese herzubringen, schilderte er. Um sein Leben fürchtend habe er getan, was man mit vorgehaltener Waffe von ihm verlangte.

Die Beute betrug 1,25 Millionen Euro. * Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Die bereits verurteilte Komplizin, die das Geld aus der Firma getragen hatte, sei von den Tätern nicht bedroht worden. Sie habe gelacht und eine Ansage gemacht, die ihn wohl vermuten ließ, dass sie den Überfall initiiert haben könnte: „Das hast Du Dir so ausgesucht, weil Du nicht mit mir zusammen sein willst“ , soll sie in der Situation gesagt haben. Die andere Frau, die mit im Haus war, nahm er hingegen in Schutz. Er habe sie um Hilfe gebeten, worauf sie von Sindelfingen nach Serbien geeilt sei, um ihn nach Deutschland zurückzuholen. „Sie hat an nichts schuld“, betonte er. Sie habe den Männern lediglich ihr Auto für die Fahrt mit der Komplizin ausgeliehen, nicht wissend, dass sie auf der Flucht nach einem Millionencoup sein würden.

Indes war auch sie zwischendurch mal ins Visier der Ermittlungen geraten. Es tauchte im Laufe der Ermittlungen ein anonymer Brief auf, der die Betreiberin der Bar als Initiatorin des Millionen-Diebstahls bezichtigte. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft konnte im Gerichtssaal aufklären: Das Schreiben gebe es, das Verfahren sei eingestellt worden. Aufgrund eines anderen Aktenzeichens fand der Brief keinen Eingang in die Akten des aktuell verhandelten Falles.

Die Staatsanwaltschaft lässt sich nicht auf einen Deal ein

Mit seiner Einlassung hatte der Angeklagte auf einen Deal mit dem Gericht und der Staatsanwaltschaft gehofft. Darüber wurde am Freitagmorgen vor Beginn der öffentlichen Verhandlung ein Gespräch hinter verschlossenen Türen geführt. Die Richterin machte danach öffentlich, was dessen Inhalt war: Der Mann hatte sich erhofft, dadurch einen Strafrahmen von höchstens drei Jahren aushandeln zu können. Die Staatsanwaltschaft signalisierte, dass sie dabei nicht mitgehen konnte. Deswegen wurde weiterverhandelt. Die Richterin betonte, dass auch bei Nichtzustandekommen des Deals ein Geständnis strafmindernd berücksichtigt werde.

Das Verfahren wird am Mittwoch, 21. Januar, fortgesetzt.

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