In Stuttgart selbst Beute gemacht, in Serbien wieder ausgeraubt? Im Verfahren gegen einen 39-Jährigen widerspricht eine Zeugin dessen Einlassung.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Wo ist die Million? Diese Frage steht zwar nicht wirklich im Zentrum des Prozesses gegen einen 39-jährigen Ex-Profihandballer aus Serbien, der sich am Stuttgarter Landgericht wegen Diebstahls verantworten muss. Sie zieht sich aber wie ein roter Faden durch die Verhandlungstage. Denn es ist der dritte Prozess im Fall eines aufsehenerregenden Millionencoups aus dem Herbst 2022. Der Ex-Profi, eine wasserstoffblonde Frau mit aufgespritzten Lippen und ein offenbar gutmütiger Dritter im Bunde erbeuteten damals 1,25 Millionen Euro aus den Räumen einer Stuttgarter Werttransportfirma. Die Frau, die dort arbeitete, packte das Geld in eine Sporttasche und verließ die Räumlichkeiten. Die Flucht führte sie über Wien nach Serbien.

 

Der Ex-Handballer ist laut der Anklage der Hauptdrahtzieher. Die Frau bezichtigte ihn, sie ohne Geld sitzengelassen zu haben. Doch vergangene Woche tischte der Mann eine Version der Ereignisse auf, die wohl nahelegen sollte, dass in Wahrheit die Frau das Geld besitzen könnte: In Serbien, wo man nach der Flucht gemeinsam in einem Haus gewohnt habe, seien des Nachts Räuber mit Waffen gekommen und hätten das Geld an sich genommen. Er sei geschlagen worden, sie habe ihn ausgelacht – was er als Zeichen deutete, dass sie mit den Räubern unter einer Decke steckte. Eine Freundin, mit der er in Sindelfingen eine Bar renovieren wollte, sei dabeigewesen. Auch diese sei vor Angst tausend Tode gestorben.

Daran müsste man sich doch erinnern können, meinte die Vorsitzende Richterin, als eben diese 46 Jahre alte Bekannte mit der Bar – vom Angeklagten als Retterin nach Serbien beordert, so seine Version – nun am Mittwoch als Zeugin aussagte. „Da unten kann alles passieren“, sagte die Frau, die ebenfalls serbische Wurzeln hat. „Da unten“, damit meinte sie Serbien. Aber an eine Grillparty, bei der in der Nacht Räuber in ein Haus gekommen seien, daran erinnere sie sich nicht. „Dann lügt also der Angeklagte?“ „Nein“, entgegnete sie. Sie war nicht in dem Haus, wisse nichts vom Überfall, und überhaupt: „Ich sage nichts.“ Freimütig erzählte sie hingegen, im Dezember 2022 in Belgrad den Geburtstag mit „Roberto“, dem Angeklagten, gefeiert zu haben. Auch sei er zwischendurch mal in Deutschland gewesen. Aber für die Nacht des Überfalls, „da bin ich die falsche Zeugin“.

Der Anwalt des Beklagten, Tobias Voggel, reagierte auf die Aussage. Es gehe schließlich um einige Jahre Haft, die für seinen Mandanten auf dem Spiel stünden. Doch auch ihm gab die Frau trotz hartnäckiger Nachfragen keine Bestätigung für die Geschichte, die den Angeklagten als Opfer eines Raubes darstellt. Der Anwalt stellte einen Beweisantrag. So will er den Mann hören, der mit den beiden nach Serbien gefahren sein soll nach dem Diebstahl. Er soll den Mann und die Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma zuerst nach Wien und von dort auf den Balkan gebracht haben. Dabei soll unter anderem ein Auto verwendet worden sei, das der am Mittwoch gehörten Zeugin gehört haben soll. Das sei nicht ihr Wagen gewesen, erzählte die Barbetreiberin. Er habe einem Bekannten gehört, der die Raten nicht mehr bezahlen konnte, deswegen habe sie dem Mann geholfen. Dadurch kam sie dazu, das Auto auch zu fahren. Und der Mann, der Fluchthelfer in dem diebischen Trio war, habe auch immer ihre Autos gefahren. eine Erklärung dafür, wie der Wagen nach Serbien gekommen sein soll, lieferte sie jedoch nicht.

Neben dem Fahrer will der Anwalt auch einen Online- TV-Moderator aus Sarajewo hören. Er hat mit der Millionendiebin nach deren Haftentlassung ein Videointerview gemacht. „Ich bin dort so eine Art Star – aber aus den falschen Gründen“, sagte die verurteilte Millionendiebin am ersten Prozesstag nach ihrer Aussage. Deswegen habe der Online-Sender sie angefragt. auf die Frage nach dem Geld gab sie dem Reporter eine geheimnisvolle Antwort: Sie könne nicht sagen, wo das Geld geblieben sei. Laut der Frau eine Übertreibung, mit dem Reporter abgesprochen, damit sich das Interview besser verkaufe. Ob das stimme, will der Anwalt direkt von dem Netzreporter wissen.

Rätselhafter Brief wirft neue Fragen im Millionencoup auf

Das Verfahren wird am 9. Februar fortgesetzt. Unter anderem soll dann noch ein rätselhafter Brief vorgelegt werden, der das Gericht erreicht hat. „Irgendwie wollen zu dem Fall ganz viele Leute etwas sagen“, kommentierte das die Vorsitzende Richterin. Um was es gehe, das wisse sie noch nicht – man müsse den Brief erst aus dem Serbischen übersetzen lassen. Über den 9. Februar hinaus sollen weitere Verhandlungstermine festgelegt werden.