Krankenhaus im Raum Stuttgart Tödliche Lungenspiegelung – Frau stirbt nach misslungenem Routineeingriff

Margit Pressel lässt der Tod ihrer Mutter nicht los. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Iris Pressel stirbt bei einem Routineeingriff im Krankenhaus. Seitdem treibt die Tochter eine Frage um: Haben die Ärzte einen Fehler gemacht?

Stuttgart - Margit Pressel zieht einen roten Terminkalender von 2017 aus ihrer Tasche, blättert bis zum Monat September und blickt auf die letzten Tage im Leben ihrer Mutter zurück. Am Montag fuhr sie Iris Pressel in die Radiologie, am Mittwoch zur Augenärztin und am nächsten Tag zum Friseur. Am Freitag stand frühmorgens eine Untersuchung beim Lungenfacharzt an. Ganz normal sei diese Woche gewesen, sagt Margit Pressel und scheint darüber selbst etwas verwundert. Sie trägt einen schwarzen Schal zur Bluse, die Augen huschen durch eine Brille über die Einträge. Ja, sagt sie, die Mutter habe viele Arzttermine gehabt, immerhin sei sie schon 86 gewesen. „Aber zäh war sie und tapfer.“

 

Gut möglich, dass sie nach dem Arztbesuch am Freitag wie so oft gemeinsam einkaufen waren. Margit Pressel erinnert sich nicht mehr. Den Abend jedoch wird sie nie vergessen. Gegen acht rief der Vater an, damals selbst schon 91. Die Mutter sei schwer gestürzt. Margit Pressel eilte zur Wohnung der Eltern und fand ihre Mutter am Boden liegend vor, heulend vor Schmerzen. Ein Krankenwagen brachte Iris Pressel in eine Klinik im Raum Stuttgart. Vier Tage später war sie tot. Dieser Tod lässt die Tochter nicht los. Seit mehr als drei Jahren quält sie die Frage, ob die Ärzte einen Fehler gemacht haben.

Ein bewegtes Leben

Iris Maria Hauser wurde 1930 in Göppingen geboren. Sie verguckte sich in den Kanada-Auswanderer Kurt Pressel, als der gerade auf Heimaturlaub seine Eltern in Stuttgart besuchte. Sie folgte ihm nach North Bay, einer Stadt 300 Kilometer nördlich von Toronto gelegen. Eine kalte, schneereiche Gegend, wo der Winter direkt in den Sommer überging, wie sie gerne erzählte. Die beiden heirateten und bekamen zwei Töchter. Iris Pressel wurde krank vor Heimweh. Als die kleine Margit ins Schulalter kam, kehrte die Familie nach Stuttgart zurück. Kurt Pressel träumte bald von Südafrika, seine Iris sagte: „Nix, wir bleiben jetzt hier.“

Mutter und Tochter bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft. Als Iris Pressel nicht mehr selbst zum Shoppen in die Stadt fahren konnte, steckte sie ihrer Ältesten Bestellnummern aus Katalogen zu – heimlich, denn Kurt Pressel war in solchen Dingen geizig. Die neuen Klamotten schmuggelte Margit Pressel am Vater vorbei in die Wohnung.

Angeschlagene Gesundheit

Mit dem Alter ging es mit Iris Pressels Gesundheit bergab. Der jahrelange Zug an der Zigarette war nicht ohne Folgen geblieben. Sie litt an COPD, umgangssprachlich Raucherlunge genannt. Die verschleimten Atemwege machten das Luftholen zur Qual. Manchmal fürchtete sie zu ersticken. Sie sah kaum noch und stürzte schnell. Margit Pressel mahnte oft: „Mama, wenn du nicht besser aufpasst, brichst du dir das Genick.“ Stattdessen brach sie sich an jenem Freitag, dem 15. September 2017, den linken Oberschenkel.

Am Wochenende wurde sie operiert. Montags sah Margit Pressel nach ihr. „Meine Mutter saß im Bett und hat Wurstsalat gegessen“, erzählt sie und denkt heute mit Wehmut an dieses Bild zurück. Schmerzen verspürte Iris Pressel keine. Gut gelaunt diktierte sie, welche Blusen und Hosen die Tochter einpacken sollte. Nach der Klinik sollte es direkt zur Rehabilitation gehen. Doch zunächst stand eine weitere Untersuchung an.

Auf Iris Pressels Lunge lag ein Schatten, dem wollten die Ärzte nachgehen. Ursprünglich war für Ende der Woche ein ambulanter Eingriff geplant gewesen. Nun wurde die Bronchoskopie, wie die Lungenspiegelung genannt wird, bereits am Dienstag in der Klinik vorgenommen. Das Bronchoskop ist ein dünner Schlauch, den der Arzt durch Mund oder Nase in die Luftröhre einführt. An der Schlauchspitze sitzen eine Lichtquelle sowie eine Kamera, die Bilder von der Lunge liefert. Iris Pressel hatte schon mehrere Lungenspiegelungen hinter sich. Sie sorgte sich nicht. Eine Bronchoskopie gilt als Routineeingriff. Nur selten kommt es zu Komplikationen. Trotzdem hatte Margit Pressel ein ungutes Gefühl, als sie auf der Arbeit einen Anruf erhielt. Die Tante war dran: „Setzt dich besser mal.“

Das Unfassbare wir zur Gewissheit

Margit Pressel stockt beim Erzählen und kramt nach einem Taschentuch. Dieser Teil der Geschichte kommt ihr am schwersten über die Lippen. Schon während des Eingriffs seien starke Blutungen aufgetreten. Zunächst bekamen die Ärzte die Situation in den Griff. Doch auf der Intensivstation musste die Mutter auf einmal viel Blut spucken, so wird es Margit Pressel später erzählt. Die Mutter stirbt trotz Wiederbelebungsversuchen.

Margit Pressel fuhr mit ihrer Schwester sofort in die Klinik. „Mama sah aus, als würde sie schlafen“, erinnert sie sich. Die Hände seien noch warm gewesen. „Ich habe gehört, manchen Toten sieht man den Todeskampf an. Aber sie lag ganz friedlich da. Ich habe immer auf den Brustkorb geschaut, ob der sich nicht doch auf und ab bewegt.“ Eine halbe Stunde saß Margit Pressel neben ihr, bis das Unfassbare zur Gewissheit geworden war.

Erst durch die Bestatterin erfuhr Margit Pressel, dass eine Obduktion angeordnet worden war. Der Tod der Mutter warf Fragen auf.

Schockierender Obduktionsbericht

Gut zehn Tage später traf ein Brief der Staatsanwaltschaft ein. Zur Todesursache stand dort nur ein Satz, aber der haute Margit Pressel um. Bei der durchgeführten Lungenspiegelung sei laut Rechtsmedizin mit dem Bronchoskop die Lunge durchstoßen und der Herzbeutel verletzt worden. Der Vater sagte nur: „Die haben sie umgebracht.“

17 Seiten umfasste der Obduktionsbericht, den Margit Pressel wenig später in Händen hielt. Beim Lesen wurde die Mutter vor ihrem inneren Auge noch einmal seziert. Eine harte Lektüre. Wer möchte wissen, wie viel das Gehirn eines geliebten Menschen wiegt oder was die Obduzenten im Magen vorfanden?

Iris Pressel war innerlich verblutet. Unbeantwortet blieb die Frage, ob ein Behandlungsfehler vorlag. Ein Gutachten eines Lungenfacharztes sollte Klarheit bringen. Den Laien mag das angesichts der dramatisch klingenden Verletzungen verwundern. Doch einem Arzt einen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht nachzuweisen, ist schwierig. Zumal jeder Patient vor einer Operation einen seitenlangen Aufklärungsbogen unterschreiben muss, in dem auf mögliche Risiken hingewiesen wird.

Offenbar ein Einzelfall

In dem Bogen, der vor einer Bronchoskopie ausgehändigt wird, heißt es etwa, eine Lungenspiegelung könne stärkere Blutungen auslösen, die zu einem Sauerstoffmangel führen können. Dennoch spricht die Unterschrift Ärzte nicht automatisch von allem frei. Der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin war auf Nachfrage kein anderer Fall bekannt, in dem eine Bronchoskopie eine derart gravierende Verletzung am Herzbeutel verursachte.

Am 11. Oktober 2017 wurde Iris Pressel beerdigt. Margit Pressel setzte eine Anzeige in die Zeitung: „Völlig überraschend ist meine liebe Ehefrau, unsere gute Mutter und liebe Oma bei einem Routineeingriff gestorben. Wir sind fassungslos und sehr traurig.“ Sie wollte ihren Schmerz mit der Öffentlichkeit teilen. Allerdings schien der ungeklärte Tod einer 86-Jährigen mit vielen Vorerkrankungen niemanden zu interessieren. Zumindest gewann Margit Pressel in den folgenden Jahren diesen Eindruck. Als wäre ein fast ausgehauchtes Leben weniger wert als ein anderes.

Margit Pressel hat sich nie an die Klinik gewandt. Sie hat nie gefragt, welcher Arzt oder welche Ärztin ihrer Mutter mit dem Bronchoskop die Lunge durchstieß. Sie vertraute darauf, dass der Rechtsstaat seine Arbeit machte. Aber Justitia hatte bereits anderweitig alle Hände voll zu tun.

Warten auf das Gutachten

Mehr als ein Jahr verstrich, ohne dass es mit den Ermittlungen voranging. Margit Pressel rief mehrmals bei der Staatsanwaltschaft an, schickte zwei Briefe ab. Sie hörte: nichts. Im Februar 2019 nahm sie sich eine Anwältin. Sie bezahlt sie aus eigener Tasche, eine Rechtsschutzversicherung hat sie nicht.

Von der Familie bekommt sie wenig Unterstützung. Die jüngere Schwester habe genug mit sich selbst zu tun. Der Vater sagte: „Lass es gut sein.“ Ohnehin, erzählt Margit Pressel, habe er nach dem Tod seiner Frau den Lebenswillen verloren. 60 Jahre waren die beiden verheiratet. Ein ganzes Leben. Vergangenes Jahr im Dezember starb er im Pflegeheim. Die Todesumstände seiner Frau waren da noch immer nicht geklärt.

Auch Pressels Anwältin Anna Grub, die Patienten bei Klagen wegen Kunstfehlern und in anderen medizinischen Streitfragen vertritt, lief mit ihren Anfragen ins Leere. Im Mai 2019 wurde ihr versichert, dass zeitnah ein Gutachten eingeholt werde. Dann herrschte erneut Sendepause. „Das ist leider eher die Regel als die Ausnahme“, sagt Grub. In vielen ihrer Fälle vergingen Jahre, bis die Staatsanwaltschaft überhaupt ein Gutachten in Auftrag gebe. „Für die Beteiligten ist das äußerst unbefriedigend.“

Das zuständige Dezernat ist überlastet, das räumt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf Nachfrage ohne Umschweife ein. Neben ärztlichen Fehlern landen Fälle von Mord und Totschlag auf den Schreibtischen. Fälle, bei denen es um Haftstrafen geht und die eine höhere Priorität genießen.

Die Tochter gibt nicht auf

Grub blieb hartnäckig, und im Juli 2020 kam endlich Bewegung in die Sache. Das Todesermittlungsverfahren zum Nachteil von Iris Maria Pressel wurde einem anderen Staatsanwalt in einem anderen Dezernat übertragen. Der Neue war allerdings gerade Vater geworden und hatte erst mal frei. Anfang Oktober schließlich erreichte Grub die Nachricht, dass nun ein Gutachten beauftragt worden war. Gut drei Jahre waren da seit dem Tod von Iris Pressel vergangen.

Margit Pressel könnte auf eigene Faust klagen, doch solche zivilrechtlichen Verfahren sind langwierig und teuer. Zudem hat sie kaum Aussicht auf Schmerzensgeld. Maximal 5000 Euro hat ihr die Anwältin als Angehörige in Aussicht gestellt. Aber ums Geld geht es Margit Pressel nicht: „Ich möchte wissen, ob jemand Schuld trägt am Tod meiner Mutter.“ Ohne Klarheit lässt ihr der Tod keine Ruhe. Und wenn sie als Tochter nicht für Aufklärung kämpft, wer schert sich sonst darum?

Wann das Gutachten des Lungenfacharztes eintreffen wird, weiß die Staatsanwaltschaft nicht. Margit Pressel wartet weiter.

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