Missstände am Kunstturnforum Stuttgart „Wie Dreck behandelt worden“ – erster männlicher Turner packt aus

Das Turnen in Deutschland wird durch die Missstände in Stuttgart erschüttert. Foto: imago//Michael Weber

Die Enthüllungen vieler Athletinnen über die Missstände am Stuttgarter Kunstturnforum erschüttern die Sportwelt. Nun packt in Jan Gehrung erstmals ein ehemaliger männlicher Turner über die Zustände zu seinen Jugendzeiten aus.

Sport: Marco Seliger (sem)

Die Aussagen vieler Athletinnen über die Missstände am Stuttgarter Kunstturnforum (KTF) hallen mehr denn je nach. Die Lawine rollt. Nun spricht in Jan Gehrung erstmals ein ehemaliger männlicher Turner über die Verhältnisse zu seinen Jugendzeiten am Bundesstützpunkt. „Ich will auch meine Geschichte erzählen, weil es für künftige Generationen wichtig ist, dass so etwas nicht mehr vorkommt – im besten Sinne völlig unabhängig vom Geschlecht“, sagt der heute 22-Jährige unserer Redaktion: „Denn auch der Umgang mit mir und einigen meiner damals ebenfalls noch jungen Kollegen am KTF war oft nicht korrekt.“

 

Zahlreiche ehemalige und auch noch aktive Turnerinnen des KTF kritisierten in den vergangenen Wochen „systematischen körperlichen und mentalen Missbrauch“ sowie katastrophale Umstände – die Jan Gehrung aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Rückblick: Im Jahr 2014 kommt der gebürtige Esslinger als damals Elfjähriger ans KTF, er wird unter anderem Zweiter bei den württembergischen Meisterschaften. Am Ende wird er nur bis Mitte 2015 bleiben. Weil ihm, wie er es heute sagt, „die Lust am Turnen genommen wurde“. So sei er, wie viele Mitstreiter in der damaligen Trainingsgruppe, oft links liegen gelassen geworden von Trainerseite, berichtet Gehrung – „ohne Nennung eines Grundes, manchmal stundenlang“. Ganz schlimm sei es dann geworden, als er sich im Training verletzt habe.

„Dann geh’ heim“

Mitte 2015 verspürt der junge Athlet Schmerzen an der Leiste bei einer Einheit. Später stellt sich Gehrungs Angaben zufolge heraus, dass es sich um einen Muskelriss handelt. „Als ich meinem Trainer bei der Einheit gesagt habe, dass ich große Schmerzen habe, hat er sich nicht dafür interessiert“, sagt der ehemalige Turner heute: „Der Trainer hat mir gesagt: ‚Dann geh heim.‘ Wie ich heimkomme und wann ich wiederkomme, ob ich zum Arzt gehe, das war ihm egal.“

Jan Gehrung ist damals zwölfeinhalb Jahre alt. Er will trotz der Leistenverletzung im KTF im Kreis der Kollegen den Oberkörper trainieren. So zumindest der Plan. „Als ich vorbeigeschaut habe, hat mich der Trainer vor meinen Kollegen im gleichen Alter bloßgestellt und gesagt, dass ich nicht mehr zu kommen brauche, solange ich verletzt bin“, berichtet Gehrung: „Das war eine Demütigung vor der Gruppe und hat mir echt den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Danach hat Gehrung im Sommer 2015 genug, denn: „Ich kam mir vor wie eine austauschbare Nummer.“ Der junge Turner ist noch ein Jahr für den SV Ostfildern aktiv, dann hört er auf. Gehrung konzentriert sich auf die Schule, hat Zeit für Freunde und Hobbys. 2021 macht er das Fachabitur und arbeitet jetzt als Raumausstatter. Er sagt: „Heute bin ich ein zufriedener Mensch.“ Im Gegensatz zu den Zeiten am KTF.

Denn damals, vor knapp zehn Jahren, hätten bei ihm und in seiner Trainingsgruppe „Schimpftiraden und Demütigungen dazugehört“, sagt Jan Gehrung heute über seine Zeit am Stuttgarter Bundesstützpunkt: „Jeden Tag habe ich oder hat ein anderer Junge aus der Gruppe geweint.“

Extrem sei es oft bei den Dehnübungen gewesen: „Wenn man da vor Schmerzen schon geschrien hat, wurde von Trainerseite manchmal nochmal weiter nach unten gedrückt, sodass es noch viel schlimmer wurde mit den Schmerzen. Und als man das zum Ausdruck gebracht und geweint hat, hieß es nicht selten: ‚Stell dich nicht so an, du bist ja gar kein echter Junge.’“ In dem Alter, so Jan Gehrung weiter, stelle man sich aber nicht vor den Trainer und frage ihn, ob er noch alle Tassen im Schrank habe: „Man hat Angst. Und man hat irgendwann gedacht, dass dieser Umgang normal ist. Es wurde im KTF nicht auf unser körperliches und mentales Wohlbefinden geachtet – man ist oft wie Dreck behandelt worden.“

Der Schwäbische Turnerbund (STB), der das KTF betreibt, betont nun auf Anfrage unserer Redaktion, dass er keine Kenntnis über die von Gehrung geschilderten Vorfälle hatte – und die ihm nun bekannten Vorwürfe „umgehend an die im STB und DTB (Deutscher Turner-Bund) zuständigen Vertrauenspersonen gemeldet werden“. Das weitere Vorgehen werde nun gemäß des vorhandenen Interventionsleitfadens überprüft. Dieser ist ein Handlungsfaden, unterteilt in konkrete Fragen an betroffene Athleten – an deren Ende unter anderem übergeordnet festgestellt werden soll, wie akut der Fall ist (oder war), welche Schutzmaßnahmen nötig sind und ob die Polizei eingeschaltet wird.

Die Maßnahmen des STB

Der STB betont auf die Anfrage, welche Maßgaben die Trainer am KTF im Zuge der Äußerungen über die Missstände von vielen Turnerinnen und Turnern haben, dies: „Es gab in den vergangenen Jahren unter anderem folgende Maßnahmen am Trainingssystem durch den STB: Die vier Themenbereiche „Umgang mit Verletzungen“, „Kommunikation“, „pädagogische Steuerung“ und „Belastungssteuerung“ wurden angegangen. So wurden beispielsweise die medizinische Steuerung und Weisungsbefugnis von den Trainerinnen und Trainern an eine übergeordnete Person übertragen (…).“

Außerdem, so der STB weiter, bedienten Turnerinnen regelmäßig ein RPE-System, anhand dessen die Belastungssteuerung im Training stattfinde – männliche Bundeskader-Athleten bedienen hierfür eine übergeordnete, Datenbank-gesteuerte Plattform des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft. „Wir sind davon ausgegangen“, so der STB, „dass diese Maßnahmen jedenfalls in den letzten drei Jahren greifen würden. Aufgrund der jüngsten Meldungen und Veröffentlichungen müssen wir aber die Wirksamkeit und den Erfolg der bislang eingeleiteten Maßnahmen erneut auf den Prüfstand stellen – und zwar sehr kritisch.“

Zwei freigestellte Trainer

Eine Trainerin und ein Trainer aus dem weiblichen Bereich des KTF sind vom STB inzwischen dauerhaft freigestellt worden. Der DTB hat eine Frankfurter Kanzlei mit anwaltlichen Untersuchungen zu den Zuständen am Stützpunkt beauftragt. Der Trainer wiederum, der Jan Gehrung nach dessen Angaben einst betreut hat, ist nach Informationen unserer Redaktion seit einiger Zeit nicht mehr am KTF: er ging aus freien Stücken – vor und unabhängig von den Enthüllungen der Missstände in den vergangenen Wochen.

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