Jede Nacht fährt Klaus Andermann oder ein Mitarbeiter des Frischmarkts Knittel aus Schönaich auf den Großmarkt nach Stuttgart. Es ist der drittgrößte Warenumschlagplatz in Deutschland. Wir waren mit dabei.
Klaus Andermann steht mit einem Klemmbrett in der Hand vor seinem Lastwagen und zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette. Es ist dunkel, konkreter: halb drei in der Nacht. In den Garagen, die sich auf dem riesigen Platz in Stuttgart aneinanderreihen, wuselt es nur so vor Menschen, die Kisten schleppen oder Listen prüfen. Ein Gabelstapler fährt vorbei – beladen mit mindestens 20 Kisten voller Artischocken. Der Großmarkt in Stuttgart, auf dem sich über 200 Anbieter tummeln, gleicht einem Ameisenhaufen: auf den ersten Blick chaotisch.
Doch auch hier geht jeder zielstrebig seinem Geschäft nach. Ebenso Klaus Andermann. Jede Nacht fährt er um zwei Uhr mit seinem Lastwagen los, um die Regale seines Frischmarkts Knittel in Schönaich mit frischem Obst, Gemüse und Kräutern zu befüllen. Es ist ein echtes Familiengeschäft und wird mittlerweile in der dritten Generation von Wolfgang Knittel, Klaus Andermann und seinem Bruder Christoph geführt.
Gegründet wurde der Frischmarkt Knittel vor 90 Jahren
Jost Reborn (links) ist über 80 Jahre alt, aber um drei Uhr nachts so fit wie eh und je. /Stefanie Schlecht
Im Stechschritt läuft Klaus Andermann durch die Reihen mit Kisten voller Lebensmittel: Paprika, Orangen, Zwiebeln, Salat, Mangos – hier hat es alles, was das Herz begehrt. Schon als kleiner Junge war er regelmäßig auf dem Großmarkt mit dabei: Lebensmittel einkaufen, das wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Die Verkäufer, die an diesem frühen Morgen ihre Ware anbieten, kennen ihn alle. Da ist Jost Rebhorn, der tatkräftig beim Abladen der Lebensmittel anpackt. 85 Jahre alt ist der Verkäufer und bezeichnet sich selbst als „Urgestein am Großmarkt“.
Er läuft geschäftig zwischen den Stapeln an frischer Ware, schleppt Kisten, schwenkt Listen und ruft beim Anblick von Klaus Andermanns ungewohnten Begleiterinnen einem Mitarbeiter zu: „Biete den Damen einen Espresso an!“
Der Enthusiasmus und die Freude am Geschäft stehen Jost Rebmann auch mitten in der Nacht ins Gesicht geschrieben. „Das Einkaufen macht einfach richtig Spaß“, sagt Klaus Andermann. Jede Nacht begibt er sich auf die Jagd nach der besten Ware. Deshalb ist er auch immer einer der ersten auf dem Großmarkt. In der Nacht ist die Auswahl größer als später, wenn gegen 4 Uhr der große Ansturm anrollt.
„Das Einkaufen macht einfach richtig Spaß“
Klaus Andermann inspiziert seine Ware genau, bevor er sie kauft. /Stefanie Schlecht
Klaus Andermann weiß genau, wo es die besten Kartoffeln, den besten Ackersalat, die besten Tomaten und Gurken gibt. Trotzdem überprüft er alles, was er kauft, mit eigenen Augen. Und nicht nur das: Ananas, Orangen, Trauben, Clementinen – bevor gekauft wird, wird probiert. Alle Händler haben stets kleine Messer griffbereit, um Früchte aufzuschneiden und anzubieten.
Der Großmarkt in Stuttgart Wangen ist der drittgrößte Warenumschlagplatz Deutschlands für Frischprodukte. Von diesem Zentrum aus werden zwölf Millionen Menschen in einem Umkreis von 300 Kilometern versorgt. Vielleicht ist es das Flair des Großmarkts oder die Tatsache, dass das Obst so frisch ist: Alles schmeckt saftiger, süßer, fruchtiger – ein Händler bietet grüne Trauben an, so groß wie kleine Äpfel.
„Ich bin gnadenlos“, sagt Klaus Andermann, darüber, wie er die Ware für den Laden aussucht. „Wenn mal was nicht gut ist, sehen die mich ein halbes Jahr nicht mehr.“ Bei den Kartoffeln winkt er in dieser Nacht ab: „Die gefallen mir nicht.“ In den meisten Fällen jedoch heißt das Urteil: „Mega.“
Auf dem Großmarkt herrscht ein direkter, aber humorvoller Ton
Über 20 000 Schritte bekommt Klaus Andermann zusammen, wenn er auf dem Großmarkt von Garage zu Garage geht, um das Sortiment für den Laden in Schönaich zusammenzustellen. Der Ton auf dem Großmarkt ist direkt – aber immer freundlich und ordentlich humorvoll. „Was ist mit Knoblauch?“ – „Habe ich schon.“ – „Aber sag’ wenigstens, dass er schön ist.“
1935 öffneten sich zum ersten Mal die Türen des Frischmarkts Knittel. Zu Hochzeiten betrieb die Familie 18 Filialen. Diese Zeiten sind schon lange vorbei. Die letzte Filiale in Steinenbronn ist seit vorigem Jahr geschlossen – nun gibt es nur noch das Stammhaus in Schönaich. Das jedoch laufe gut, sagt Klaus Andermann. Nicht zuletzt, weil Kunden selbst längere Reisen auf sich nehmen, um in den Genuss der Ware direkt vom Großmarkt zu kommen. Aber auch, weil der Einkauf ein Erlebnis sein soll. Bei den Obst- und Gemüseregalen etwa steht eine freundliche Verkäuferin, die das Wiegen und Verpacken übernimmt. „Unsere Mitarbeitenden halten wir lange, das sind bekannte Gesichter bei den Kunden“, sagt Klaus Andermann, der nicht nur weiß, worauf es bei Obst und Gemüse ankommt.
Die Energiekosten sind in die Höhe geschnellt
Trotzdem, der Frischmarkt Knittel ist keine Insel der Seligen. Seit dem Ukraine-Krieg sind die Energiekosten enorm in die Höhe geschossen. Diese zusätzlichen Kosten belasten den selbstständigen Supermarkt. Und die viele Krisen samt Inflation wiederum gehen an der Kundschaft wohl auch nicht spurlos vorüber. Ja, Klaus Andermann hat schon auch mal Sorgen gehabt, dass Geschäfte wie sein Frischmarkt mal aussterben könnten. Aber aktuell nicht. Das Stammhaus, sagt er, stehe auf einem festen Fundament. Im Herbst wird mit dem traditionellen Knittelfest auch groß der 90. Geburtstag gefeiert.
Gegen halb sechs – und zwei Espressi später – ist beinahe alles gekauft und auf der beheizten Ladefläche des Knittel-Lastwagens verstaut. Der Trubel auf dem Großmarkt hat noch nicht abgenommen – im Gegenteil: Als Klaus Andermann vom Gelände fährt, hat sich am Eingang zum Gelände eine lange Fahrzeugschlange gebildet.
Im Laden in Schönaich brennen bereits die Lichter, die ersten Mitarbeitenden bereiten sich auf den neuen Verkaufstag vor. Das frische Obst und Gemüse vom Großmarkt wird abgeladen und in die Regale geräumt. Nicht mehr lange, dann zeigt sich, ob Klaus Andermann die richtige Wahl getroffen hat.
Frischmarkt Knittel und Infos zum Großmarkt
Jubiläum Dieses Jahr wird der Frischmarkt Knittel 90 Jahre alt. Das traditionelle Knittelfest im Herbst wird deshalb in diesem Jahr etwas größer ausfallen und gleichzeitig als Jubiläumsfest genutzt: Zwar sind es noch einige Monate hin, doch auf kulinarische Spezialitäten und Livemusik kann man sich nie zu früh freuen.
Großmarkt Nach Hamburg und München, ist Stuttgart der drittgrößte Warenumschlagplatz in Deutschland. Dort befinden sich rund 100 Großhandelsfirmen, 80 Erzeuger und 45 Blumenhändler.