Während des Volksfests geht die Wasenwache der Polizei in Betrieb. Auf dem Gelände treffen alle Gesellschaftsschichten aufeinander – und auf motivierte Einsatzkräfte.
Es ist noch früh an diesem Freitagabend. Die Festzelte auf dem Cannstatter Wasen füllen sich, vor den Eingängen bilden sich Schlangen. Zu Zehntausenden strömen die Menschen zum Volksfest. Viele tragen Dirndl oder Lederhosen. Manche sprechen Schwäbisch, andere Italienisch oder Arabisch. Die Hotels in Stuttgart sind voll. Auf dem Festgelände treffen sich Alt und Jung, Einheimische und Touristen, Wohlstand und Armut. Die einen lassen die Champagnerkorken knallen, die anderen kommen, weil es sonst nichts zu tun gibt. Ein eigener Kosmos, die Welt im Kleinen.
Für einige Jugendliche allerdings ist der Spaß zu Ende, bevor er richtig angefangen hat. Denn mittendrin beim zweitgrößten Volksfest der Welt zeigt die Polizei Präsenz. „Jugendschutz ist hier ein großes Thema“, sagt Marcel Koziara. Der Streifenführer ist gut gelaunt, gelassen und konzentriert zugleich. Die kleine Gruppe junger Männer ist den erfahrenen Einsatzkräften aufgefallen. Weil der Wasen rein rechtlich als temporär gefährdeter Ort eingestuft ist, darf die Polizei auch ohne konkreten Anlass Personenkontrollen machen.
Jugendliche werden gesucht
In diesem Fall ergibt sich ein Treffer. Nicht wegen des Alters der Jugendlichen. Auch ein Messer hat keiner dabei. Nein, einer der jungen Geflüchteten ist als vermisst gemeldet. Er war zuletzt nicht mehr in seiner Unterkunft aufgetaucht. Ein zweiter aus der Gruppe wird wegen illegalen Aufenthalts gesucht. Mit Handschuhen tasten die Einsatzkräfte aus der fünfköpfigen Streife die Jugendlichen ab. Bei der Personalienabklärung stellt sich heraus, dass einer von ihnen vor kurzem bereits in der Stuttgarter Innenstadt kontrolliert wurde und dabei Ecstasy-Pillen in der Unterhose versteckt hatte.
Anders als beim Münchner Oktoberfest, wo es mit Verdächtigen meist zu Fuß über das Gelände geht, rückt auf dem Wasen jetzt ein Polizeifahrzeug an, um die Gruppe zur Wasenwache zu bringen. Mit Blaulicht und Sirene. „Damit die Menschenmenge uns auch wahrnimmt“, sagt Koziara und lacht. Ohne gäbe es kaum mehr ein Durchkommen zu dieser Uhrzeit.
Besonders am Abend ist es auf dem Wasengelände voll. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
Bis zu 180 Polizistinnen und Polizisten sind jeden Tag auf dem Volksfest unterwegs. In Uniform oder in Zivil. Ein Teil davon kommt vom zuständigen sechsten Revier in Bad Cannstatt. Dessen Leiter Jörg Schiebe ist auch Chef der temporären Wasenwache direkt auf dem Festgelände. Der Rest wird mit Kräften der Bereitschaftspolizei und der Einsatzhundertschaft aufgefüllt. Im Dienst sind sie in zwei Schichten eingeteilt. Um 10 Uhr morgens geht es los, wer Spätdienst hat, verlässt das Gelände mitunter erst um 1.30 Uhr. „Wenn nachts keine fremden Menschen mehr auf dem Platz sind, geben wir ihn frei“, sagt Schiebe. Dann sorgt der Sicherheitsdienst, der auch tagsüber da ist, für Überwachung.
Die Beamtinnen und Beamten des sechsten Reviers sind Großereignisse wie Volksfest, Konzerte oder Spiele des VfB Stuttgart gewöhnt. Dennoch darf man nicht empfindlich sein, wenn man auf dem Wasen Dienst tut. „Das muss man wollen“, sagt Koziara und lacht. Er ist an diesem Abend mit einer Fünfer-Streife unterwegs. Er und eine Kollegin kommen vom Cannstatter Revier, drei weitere Leute von der Einsatzhundertschaft. „Man schaut, dass man immer welche dabei hat, die sich schon auskennen, und dazu ein paar Jüngere“, erzählt der Streifenführer. Und er betont: „Ich selbst freue mich schon seit Wochen aufs Volksfest. Wir haben alle richtig Bock auf den Wasen.“
Hälfte der Straftaten sind Aggressionsdelikte
Und das trotz allen Stresses. Denn auch für die Polizei ist reichlich was los, auch wenn in den vergangenen Jahren die Feste in Bad Cannstatt recht friedlich abgelaufen sind. „Etwa die Hälfte aller Straftaten hier sind Aggressionsdelikte“, sagt Jörg Schiebe auf der Wasenwache. Also Beleidigung, Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung. „Hier holt der Alkohol das Schlechteste aus manchen Menschen heraus“, so der Revierleiter. Manche Gruppen kämen extra aus der Innenstadt, nur um Stress zu machen. Die behält man genau im Auge, zeigt mit Präsenz und im Zweifel Platzverweisen, dass hier nichts geht. Und trotzdem sagt auch Schiebe in seinem achten Jahr Volksfest: „Sie sehen mich ganz entspannt.“
Nebenan sitzen inzwischen die jungen Geflüchteten. Eine Beamtin fotografiert sie. Einer nimmt seine Kappe ab und richtet sich noch schnell die Frisur. „Auf die Wasenwache kommen nur diejenigen, von denen wir mehr Daten brauchen“, erklärt Schiebe. Oder wer ausführlich vernommen werden muss. Die Polizei versucht ansonsten, so viel wie möglich schon draußen auf dem Festgelände abzuarbeiten. Abends sitzen trotzdem oft um die 20 Leute auf der Wache. Auf der berühmten u-förmigen Bank – mit Abfluss in der Mitte. Denn was an Bier in die Besucher hineinläuft, kommt bei manchen dann auch wieder heraus. Alles ist leicht abwaschbar. Und selbstreinigende Toiletten gibt es hier schon lange.
„Wir haben hier alles schon dagehabt“, erzählt Schiebe. Wer als Verdächtiger auf der Wasenwache lande, hänge nicht vom sozialen Stand ab, sondern vom Zustand. „Manche Menschen vergessen ab einem gewissen Pegel ihre gute Kinderstube“, sagt er nüchtern. Manchmal braucht man dabei auch das Stahlrohr unter der Holzbank, an dem besonders aggressive Kandidaten angeschlossen werden. „Wir hatten hier mal einen Zimmermann von der Schwäbischen Alb, einen Bär von Kerl“, erinnert sich Schiebe. Der habe es tatsächlich geschafft, eine der Handschließen abzureißen. „Da mussten wir mit fünf Mann draufgehen, um ihn zu bändigen.“
Im Ausrüstungskabinett der Wasenwache gibt es auch noch ein paar ganz spezielle Gegenstände. Etwa einen Helm, den manch ein Betrunkener verpasst bekommt, damit er sich nicht den Kopf anschlägt. Oder Spuckhauben, um die Einsatzkräfte vor Attacken der widerlichen Art zu schützen. „Manche schreien hier auch eine Stunde lang am Stück“, sagt Schiebe.
Ein Arzt kommt zu Hilfe
Ausnüchterungen übernehmen die Polizistinnen und Polizisten der Wasenwache allerdings nicht. Wer in Schutzgewahrsam muss, weil er volltrunken ist, wird von einem Arzt untersucht. Der muss die Haftfähigkeit feststellen. Dann geht es zum Polizeipräsidium am Pragsattel. „Das Gruppenverhalten hat sich aber geändert“, stellt Schiebe fest. „Viele nehmen ihre Leute wieder mit und kümmern sich um sie. Oder es kommt jemand, um den Betroffenen oder die Betroffene abzuholen.“
In der Wasenwache sitzen auch mehrere Beamte an Monitoren. Der Wasen ist schon lange videoüberwacht. Die Anlage der Stadt deckt rund 95 Prozent des Festplatzes ab. „Das ist eine ganz wichtige Grundlage“, weiß Schiebe. Man könne so viele Streitigkeiten im Ansatz verhindern und zusätzlich Beweismaterial sichern.
Das weiß auch Koziara, der inzwischen mit seiner Streife wieder unterwegs ist. Bei dem Mann etwa, der vor eineinhalb Jahren mit einer Machete auf dem Frühlingsfest aufgetaucht war und dank der Videobilder schnell festgenommen werden konnte, ohne dass etwas passiert ist. An einem Zelt stehen zwei aufgeregte junge Frauen im Dirndl. Sie sind offenkundig bestohlen worden. Andere wanken bereits sturzbetrunken über den Platz. Mit einem Schmunzeln erzählt der Streifenführer vom Zahnarzt, den sie mit vier Promille aufgelesen haben. „Der wusste nicht mehr, wo er war.“ Betäubung geht halt auch ohne Spritze. Zumindest das ist auf dem Wasen sicher.