Mercedes-Mitarbeiterin Carmela Palumbo probiert bei der Mitfahraktion „Steig ein!“ die SUV-Variante des Spitzenmodells EQS aus. Foto: Ines Rudel
Das Unternehmen organisiert Probefahrten für die Mitarbeitenden. „E-Mobilität muss man selbst erleben“, sagt das Vorstandsmitglied Jörg Burzer. Was Carmela Palumbo und Daniel Adam aus der Produktion davon halten? Bericht von einer Mitfahrt.
Wer einen Mercedes baut, ist auch Experte fürs Mercedes-Fahren, oder? So kann man sich täuschen. Längst nicht alle Beschäftigten kennen die aktuellen Modelle aus eigenem Erleben. 69 Prozent derjenigen, die in den vergangenen beiden Jahren bei „Steig ein!“ mitgemacht haben, sind zuvor noch nie mit einem Elektro-Mercedes gefahren. Es ist die bisher größte Mitfahraktion, die das Unternehmen organisiert hat: 27 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland, Ungarn und Polen daran teilgenommen. Carmela Palumbo ist eine davon.
„Hey Leute, heute schon genickt?“ fragt die 48-Jährige lachend, als sie auf dem Weg vom Werk Mettingen hinauf zum Esslinger Jägerhaus die stärkste Stufe der Rekuperation eingeschaltet hat. Das System zur Rückgewinnung von Bremsenergie sorgt dafür, dass der Wagen bremst, wenn man vom Gas geht. Wenn das neu für die Fahrerin ist, wackeln schon mal die Köpfe der Passagiere etwas ruckartig vor und zurück.
Schon nach ein, zwei Versuchen aber wird die Fahrt sanfter. Und Carmela Palumbo, die normalerweise in Sindelfingen Werkzeuge für die Blechbearbeitung baut, freut sich über einen anderen Aspekt des Elektroantriebs: „Ich fahre gern schnelle Autos, zurzeit ist es sogar eines mit V-8-Motor. Aber beim Elektroauto spürt man noch mehr Power, und das direkt vom Start weg. Das ist faszinierend.“ Immerhin bewegt sie gerade einen SUV des Modells EQS und damit samt Insassen rund drei Tonnen Gewicht. Für die Aktion steht das ganze Elektroportfolio des Konzerns zur Verfügung. Unter den Teilnehmern wird gelost, wer eins der Autos übers Wochenende mit nach Hause nehmen kann.
Elektroautos sind in Deutschland kein Selbstläufer. Das zeigen die aktuellen Verkaufszahlen von Mercedes, die bei rund zehn Prozent des Absatzes verharren. Der Mercedes-Produktionsvorstand Jörg Burzer meint, dass die eigene Erfahrung mit der neuen Technik entscheidend ist: „E-Mobilität muss man erleben. Das gilt für unsere Kundinnen und Kunden, aber ganz besonders auch für unser Team.“ Die Personalvorständin Sabine Kohleisen nennt die Probefahrten eine „wertvolle Investition in den Erfolg unseres Unternehmens“. Man wecke damit Begeisterung, die man „unschwer an den strahlenden Gesichtern der Teilnehmenden“ sehen könne.
Daniel Adam, der in Hedelfingen Getriebe für Verbrenner produziert, und Carmela Palumbo. Foto: Ines Rudel
Daniel Adam (40) bestätigt das. „Ich war natürlich erst einmal skeptisch. Wenn man wie ich im Schichtbetrieb in der Herstellung von Getrieben arbeitet, die man für Elektroautos gar nicht braucht, ist das ja fast zwangsläufig so“, sagt der 40-Jährige. Nach der Probefahrt aber habe sich seine Haltung „um 180 Grad gedreht“. Der Komfort und die Technik seien beeindruckend – „und ich liebe die vielen kleinen Spielereien, die es in diesen Autos gibt“, sagt er und zeigt auf die Energieflussdiagramme im Display. Dass er privat bisher nicht auf Elektro umsteigt, hat andere Gründe: „In meinem Wohnort gibt es bisher nur eine Ladesäule beim Einkaufscenter. Und in einem Mehrparteienhaus ist es schwierig, eigene Ladeanschlüsse zu installieren, wenn nicht alle Eigentümer mitziehen.“ Auch bei Urlaubsreisen müsse man noch genau schauen, wie es um die Infrastruktur steht: „Kollegen berichten zum Beispiel, dass bis zur türkischen Grenze alles ok ist, aber dann wird es schwierig.“
Bei der Aktion „Steig ein!“ geht es darum, eigene Erfahrungen im E-Auto zu machen. Foto: Ines Rudel
Trotzdem steckt Adam mittendrin in der Transformation. Da auf lange Sicht die Herstellung von Getrieben wenig Zukunft hat, nimmt er an einem Umschulungsprogramm zum Datenspezialisten teil. Zwei Tage pro Woche ist er dafür vom Schichtbetrieb freigestellt. Weil in modernen Fabriken immer mehr Daten erzeugt werden, braucht es Mitarbeiter mit Produktionswissen, um diese Daten zu ordnen und zu interpretieren. Dafür baut Adam künftig spezielle „Dashboards“, in denen die wichtigsten Vorgänge visuell dargestellt werden.
Carmela Palumbo sagt, ihr komme es beim Auto sehr stark auf die Optik an. SUVs seien ihr lieber als Coupés. Beim Mitarbeiterleasing hat sie sich gerade für einen Plug-In-Hybrid entschieden, ein erster Schritt Richtung Elektro. Auch beim Hybrid kann die Rekuperation in drei Stufen verstellt werden, das hat sie bei der „Steig-ein“-Aktion gelernt. „Es ist ein bisschen wie beim Handy. Wenn dir jemand die besten Kniffe zeigt, tut man sich leichter“, sagt sie.