Karlsruhe - Eine lange Flucht von Türen, dahinter, eins am anderen, die Klassenzimmer mit Tafel und Schülertischen. So sahen Schulen vor hundert Jahren aus – so sehen viele Schulen heute aus. Auch wenn sie sich im Schneckentempo bewegt: Die Pädagogik ist im Wandel und mit ihr der Schulbau. Lernen und Lehren hat heute viele Gesichter, die Trichter-Methode, also das Abfüllen von Stoff in Schülerköpfe im Frontalunterricht, ist nurmehr eines. Zumindest in Schulen, die pädagogisch die Steinzeit überwunden haben. Lernlandschaften, Lernhaus-Module, Cluster-Prinzip – so heißen Modelle, die auf neue Unterrichtsformen reagieren.
Eine Architektur, maßgeschneidert für die Pädagogik
Mit einem zeitgemäßen Schulbau macht das Stuttgarter Büro Wulf Architekten auf sich aufmerksam: In Karlsruhe hatten die Planer bereits 2018 die Grundschule der Evangelischen Jakobusschule errichtet. Nun ist auf dem Gelände eine Gemeinschaftsschule hinzugekommen. Die Schulleiterin Heike Schassner-Weber und ihr Team haben den einzelnen Schüler im Blick; die Jungen und Mädchen lernen, ihr Lernen selbst zu organisieren, Team- und Einzelarbeit ergänzen sich – so lässt sich das komplexe, inklusive Pädagogikkonzept grob umreißen. Die Architektur ist passgenau darauf zugeschnitten. Klassischen Schulfluren und Klassenzimmern hat man in der Jakobusschule den Laufpass gegeben. Denn die Privatschüler sind nicht in Klassen, sondern in Lerngruppen zusammengefasst, in den Stufen 5 bis 7 jahrgangsübergreifend. Und statt eines Klassenstundenplans hat jeder Schüler einen individuellen Wochenplan, den er mit Unterstützung der Lehrer, die hier Lerncoaches heißen, aufstellt.
Wulf Architekten verstehen es, die Spielräume zu nutzen
Alles anders als gewöhnlich also, doch äußerlich hebt sich der Bau durch seine Kubatur noch wenig von konventionellen Schulbauten ab. Die umlaufenden Laubengänge mit ihren geschosshohen Aluminiumlamellen weisen ihn dabei auf Anhieb als Zwilling der Grundschule aus. Die gelben und roten Lamellen, die durch einen Rückspiegelungseffekt weitere Farbtöne erzeugen, paaren raffiniert Distanzierung mit Offenheit, im Innern vermitteln Beton und Holz Ruhe und Klarheit. Die Laubengänge sind als Fluchtweg nutzbar – ein der skandinavischen Baupraxis abgeschauter Kniff, durch den die Planer bei den Brandschutzanforderungen an die Innenräume abspecken konnten. Die sich eröffnenden architektonischen Spielräume verstehen Wulf Architekten zu nutzen, um den Wunsch der Schule nach „Offenheit und räumlichen Verknüpfungen“ zu entsprechen, wie Ingmar Menzer von Wulf Architekten sagt.
Ein mit Holzbänken gesäumtes Foyer im Erdgeschoss nimmt die Schüler in Empfang, es führt zur offenen Treppenanlage, die als Scharnier für die beiden Gebäudeteile dient. Deren drei beziehungsweise vier Geschosse sind um ein Halbgeschoss versetzt, wodurch sich Blickbeziehungen in alle Richtungen ergeben, die Innenräume kommunizieren können – eine Anlehnung an die Apollo-Schulen des Niederländers Herman Hertzberger. So rückt auch treppabwärts die Mensa in den Blick, die zum darüberliegenden Halbgeschoss geöffnet ist und dort über eine Galerie verfügt – sicher ein Hotspot bei Schulveranstaltungen.
Ein „Lernhaus“ als Herz
Die lichte Mitte dient als vielfältig nutzbarer Lernort. So sind etwa zwei in die Treppenfluchten integrierte Sitzstufen-Zonen aus Holz ein idealer Platz für Gruppenarbeit. Das eigentliche Lernzentrum findet sich in den beiden obersten Geschossen, die jeweils zwei sogenannte Cluster beherbergen: eine Raum-Agglomeration, für die 72 Schüler einer Lerngruppe konzipiert, mit einem großzügigen „Lernhaus“ als Herz, das mit Computerarbeitsplätzen an einem PC-Board sowie einer Tischgruppe und Regalen für Gruppenarbeit und ansonsten viel freier Fläche ausgestattet ist. Auf zwei Sofas sind während des Besuchs drei Jungs in eine Englisch-Lektüre vertieft; an einem Tisch geht ein Lehrer mit zwei Schülern noch mal Newton durch.
An diese pädagogische Mehrzweckzone gliedern sich auf der einen Seite zwei „Input-Räume“ mit verglasten Fronten an, in denen frontal Wissen vermittelt wird. Auf die gegenüberliegende Seite haben die Architekten die „Lernbüros“ gelegt: Jeder Schüler verfügt über einen persönlichen Schreibtisch, an den er sich für Stillarbeiten zurückziehen kann.
Das Split-Level-Konzept verschränkt das Cluster organisch mit den angrenzenden Fachräumen. Diese sind mit ihren großen Sichtfenstern zum Schulinneren hin und den Holzbänken davor eine Einladung zum Zuschauen. „Hier ist jeder Ort pädagogische Programmfläche“, sagt Architekt Menzer. Architektur ist der dritte Lehrer – die Karlsruher Gemeinschaftsschule wird diesem Diktum vollauf gerecht. Mit ihrer räumlichen Vielfalt kann sie sich auch neuen Anforderungen in der Zukunft anpassen. Der konventionelle Schulbau mit seinen wenigen festgelegten Raumfunktionen ist dazu nur schwer in der Lage; gerade in der Corona-Pandemie dürften viele Rektoren die Starre ihrer Gebäude beklagen. Die deutsche Architektenschaft hat jüngst laut nach Investitionen in einen zukunftsfähigen Schulbau gerufen. Die Jakobusschule kann gut als Anschauungsmodell herhalten.