Mord an Stuttgarter Studentin „Wir mussten uns zusammenreißen“ – Mutter spricht über Urteil und tote Tochter

Die Mutter der ermordeten Aleyna spricht vor der Urteilsverkündung bei einer Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude. Foto: Jürgen Bock

Der Mörder der Stuttgarter Studentin Aleyna muss lebenslang hinter Gitter. Ihre Mutter spricht über schwer erträgliche Prozesstage – und will Frauen Mut machen.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Der letzte Tag. Dann hat die 48-Jährige es geschafft. Am Tag zuvor hat sie Geburtstag gehabt, doch zum Feiern war ihr nicht zumute. Denn jetzt sitzt sie in Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts. Als Nebenklägerin erwartet sie das Urteil gegen den Mann, der ihre Tochter auf dem Gewissen hat. Der sitzt nur wenige Meter von ihr entfernt, bewacht von zwei Justizbeamten. Dann das Urteil: Der 34-Jährige muss wegen Mordes lebenslang in Haft. Was er nur unter Protest zur Kenntnis nimmt.

 

Die Frau, die da so tapfer steht und versucht, die Fassung zu behalten, ist die Mutter der Stuttgarter Studentin Aleyna. Die junge Frau ist nur 25 Jahre alt geworden. Das Gericht ist davon überzeugt, dass der 34-Jährige, eine flüchtige Bekanntschaft aus dem Fitnessstudio, Aleyna am 10. Januar 2025 vor ihrer Wohnungstür im Stuttgarter Osten abgepasst und mit zahlreichen Messerstichen umgebracht hat. Ein Femizid, begangen, so der Richter, weil der Mann Gefallen an der jungen Frau gefunden hatte und nicht akzeptieren wollte, dass sie nichts von ihm wissen wollte. Als er sie mit einem anderen im Fitnessstudio sah, fasste er den Mordplan.

Ein Kreuz in der Hand als Stütze

Die Details der Tat, die im Saal geschildert werden, sind für alle Zuhörer schwer zu ertragen – und erst recht für diejenigen, die das Opfer kannten. Aleynas Mutter hält durch. Ihr Name soll aus Respekt vor der Familie hier nicht genannt werden. Die Frau trägt ein Foto ihrer Tochter als Button, in der Hand hält sie ein Kreuz, das sie mit den Fingern bearbeitet, wenn die Schilderungen zu viel zu werden drohen.

Vor der Urteilsverkündung ist die 48-Jährige vor der Tür des Landgerichts bei einer Mahnwache gegen Gewalt an Frauen ans Mikrofon getreten. „Es geht nicht um Rache, sondern darum, dass Frauen keine Angst haben müssen“, hat sie da gesagt. Um dann im Saal dem Mörder ihrer Tochter entgegenzutreten, der sich auch an diesem Tag durch seine Äußerungen immer wieder den Unmut des Publikums zuzieht.

Nach der Verhandlung steht Aleynas Mutter vor dem Gerichtssaal und ringt um Fassung. „Angespannt, erleichtert, enttäuscht“ sei sie, alles zusammen. Erleichtert, dass es vorbei ist und der Mann lebenslang hinter Gitter muss. Enttäuscht, dass die besondere Schwere der Schuld nicht festgestellt worden ist. Darüber, sagt sie, wolle sie noch einmal mit ihrem Rechtsanwalt sprechen.

Das Urteil fällt einen Tag, bevor sich die Tat zum ersten Mal jährt. Die vergangenen Monate seien furchtbar gewesen, sagt die Mutter, „das ganze Jahr war eine einzige Anspannung für unsere Familie“. Über 20 Prozesstage folgten auf die Festnahme des Verdächtigen. „So, wie er sich die ganze Zeit über gegeben hat, war es nicht einfach. Es war schrecklich. Es ging immer nur um ihn. Wir mussten uns sehr zusammenreißen“, sagt sie. Aber sie habe für ihre Tochter gekämpft: „Wir waren uns sehr nah.“

Am Stuttgarter Landgericht ist der Femizid verhandelt worden. Foto: Imago/Arnulf Hettrich

Egal, ob das Urteil vom Freitag das letzte Wort in diesem Verfahren ist oder nicht: Für Aleynas Mutter steht fest, dass sie sich engagieren will. „Ich möchte Präventionsarbeit leisten und solche Taten in Zukunft nicht mehr sehen“, bekräftigt sie. Es gehe nicht an, dass Frauen bedrängt, belästigt oder gar umgebracht würden. „Ich möchte Frauen sagen: Sprecht darüber! Holt Euch Hilfe! Begebt euch nicht in Gefahr, aber handelt!“ Jeder könne Opfer werden – und jeder müsse bereit sein, Betroffene zu unterstützen.

Dann ist der Prozess vorüber. Was bleibt, ist der Schmerz der Familie und der Freunde über den Verlust, aber auch die Erinnerung an eine junge Frau, die als überaus beliebt, freundlich und fleißig galt. Germanistik und Philosophie auf Lehramt hat sie studiert. „Auf die erfolgreiche Bachelorprüfung sollte der Masterabschluss folgen. Mit ihrem Wunsch, als Lehrerin Wissen und Werte weiterzugeben, hat sie unsere Gemeinschaft bereichert“, heißt es in einer Stellungnahme der Universität Stuttgart. Bis zu jenem Tag, als der Besitzanspruch einer flüchtigen Bekanntschaft all dies zerstört hat.

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