Morris Dancyger ist am 12. Mai im Alter von 86 Jahren in Calgary gestorben Foto: Familie Dancyger
Morris Dancyger hat als Kind Auschwitz überlebt und als Erwachsener spät die Geschichte seines Vaters Shmuel Dancyger mit aufgerollt. Versöhnung hieß für ihn Aufarbeitung.
Nikolai B. Forstbauer
14.05.2026 - 16:34 Uhr
Noch zu seinem 86. Geburtstag am 1. Mai schrieb der als Marek geborene Morris Dancyger aus Calgary an die Stuttgarter Journalistin Tina Fuchs, er hätte nie gedacht, einmal so alt zu werden – der Tag sei deshalb wundervoll. Jetzt ist Morris Dancyger in seiner kanadischen Heimat gestorben.
Marek Dancyger gehörte zu den wenigen Minderjährigen, die am 27. Januar 1945 im deutschen Konzentrations- und Todeslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit wurden. In den ikonisch gewordenen Filmaufnahmen, in denen Jungen und Mädchen ihre tätowierten Arme zeigen, steht der damals Vierjährige im Zentrum. Ein Kind mit großen Augen. Gepeinigt, doch erwartungsvoll. Von seiner Familie weiß er nichts.
Der im polnischen Radom geborene Vater Shmuel Dancyger, Auschwitz-Überlebender auch er, sucht von Paris aus fieberhaft nach Hinweisen. Und Ende 1945 wird die Reinsburgstraße in Stuttgart, wie Tina Fuchs sagt, zu einem „Ort unendlichen Glücks, als sich die Familie Dancyger nach Auschwitz wiederfindet“. Sie ist zugleich „Tatort der größten Tragödie, als die Polizei aufmarschiert und der Vater erschossen wird, nachdem die Familie gerade erst wiedervereint war“. Shmuel Dancyger stirbt – aus nächster Nähe von einem Polizisten erschossen – am 29. März 1946. Im Jahre 1947 konnten Shmuel Dancygers Witwe und seine zwei Kinder nach Palästina emigrieren. Sie blieben bis 1952 in Israel und wanderten dann nach Kanada aus.
Unfassbares Leid: Ein Stuttgarter Polizist erschießt am 29. März 1946 Shmuel Dancyger aus nächster Nähe Foto: Jüdisches Museum Berlin
Sechs Jahre folgt Tina Fuchs den Spuren der Ereignisse am 29. März 1946. Der Film „Sechs Millionen. Und Einer“ entsteht, in Stuttgart wird „Der Fall Shmuel Dancyger“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) zu einer Ausstellung, die tief in das Geschehen am 29. März 1946 und den tödlichen Schuss auf Shmuel Dancyger zieht. Zum Finale der Schau ist an diesem Sonntag, 17. Mai, um 16 Uhr noch einmal der Film von Tina Fuchs zu sehen.
Vor einigen Jahren hat Morris Dancyger Fotografien und Zeitungsausschnitte zu den Ereignissen am 29. März 1946 dem Jüdischen Museum Berlin geschenkt. Erlebt hat er noch das enorme Engagement, den Tod seines Vaters aufzuklären und damit zugleich ein Stück wichtiger Nachkriegsgeschichte neu aufzurollen. Die Stuttgarter Konzeptkünstlerinnen Ann-Kathrin Müller und Judith Engel organisierten unweit des Tatorts im engen Dialog mit dem Künstlerhaus Stuttgart und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber eine „Summer School“ mit hohem Anspruch. Das Hören und Debattieren im quasi öffentlichen Hörsaal galt einem öffentlich wenig bewussten Teil der Stuttgarter Stadtgeschichte nach 1945: die Situation polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender.
Hinweisschild in der oberen Reinsburgstraße in Stuttgart Foto: swr
Als Kunstprojekt im öffentlichen Raum begonnen, wurde das Areal am 17. September 2025 zu einem Schlüssel in der Neubewertung jüdischen Lebens und Leidens in Stuttgart. Mit Reden von Baden-Württembergs Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Stuttgarts Erstem Bürgermeister Fabian Mayer als Shmuel-Dancyger-Platz eingeweiht – in Anwesenheit von Shmuel Dancygers Enkel Howard.
Morris Dancyger war in Calgary Förderer der Künste
In Calgary wird Morris Dancyger vor allem „großer Förderer der Künste“ in Erinnerung bleiben. In Deutschland mahnen die Bilder des vierjährigen Marek in Auschwitz und des mit weißem Leintuch überdeckten, erschossenen Vaters Shmuel an die immerwährende Aufgabe aktiver Erinnerungsarbeit.