Frank Gugenberger hat „Schön hier! Oder?“ auf den Weg gebracht, Carmen Probst und Katharina Miller (rechts) sind seine Mitstreiterinnen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Eine ganze Woche lang ist die Gruppe „Schön hier! Oder?“ am Bismarckplatz präsent, um auf das Müllproblem aufmerksam zu machen. Anwohner und Gastronomen finden das gut.
Ungefähr 5000 Zigarettenkippen stapeln sich in einem transparenten Behälter, den die Gruppe „Schön hier! Oder?“ an ihrem Infostand aufgestellt hat. 5000 weggeworfene Kippen, die die Helferinnen und Helfer seit Sonntag auf dem Bismarckplatz im Stuttgarter Westen eingesammelt haben. 15 Menschen waren am Sonntag sechs Stunden im Einsatz, haben fünf große Säcke mit Müll gefüllt – Dosen, Flaschen, Getränkebecher, Pizzakartons. „Viele Passanten und ganz viele Kinder haben uns spontan geholfen, das hatte richtigen Eventcharakter“, sagt Frank Gugenberger, der Initiator von „Schön hier! Oder?“.
Erfolgsbeispiel Bismarckplatz
Es war der Auftakt für eine Aktion, welche die ganze Woche dauern soll. Jeden Tag stellen sich für ein paar Stunden Freiwillige an den Stand, um mit den Passanten ins Gespräch zu kommen und für das Thema Müllvermeidung zu sensibilisieren. An diesem Morgen sind es Katharina Miller und Carmen Probst, die zusammen mit Gugenberger im für den Verkehr gesperrten unteren Teil der Bismarckstraße stehen, wo sich an lauen Sommerabenden die Menschen tummeln, ein Bier trinken, sich eine Pizza oder ein Eis schmecken lassen. Auch Tischtennis wird hier manchmal gespielt oder sogar getanzt. Der Bismarckplatz, da sind sich alle einig, die man am Dienstagmorgen fragt, ist ein Erfolgsbeispiel für eine lebenswerte Stadt.
Etwa 5000 Zigaretten hat die Gruppe seit Sonntag gesammelt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Bloß: Von den schönen Abenden bleiben nicht so schöne Hinterlassenschaften. Zwar stehen zusätzlich zu den festen Mülleimern zwei große orangene Tonnen bereit, aber nach einem Wochenende stapelt sich der Müll daneben. Vincenzo Napoli, der Wirt des italienischen Restaurants Piloni, erzählt, dass er manchmal Sonntagmorgens seine eigenen Pizzakartons wieder einsammelt, um sie in seiner großen Tonne zu entsorgen.
Die Helferinnen und Helfer am Sonntag auf dem Bismarckplatz. Foto: Andreas Schöning
Weil er auf seinem Weg zur Arbeit täglich an so viel achtlos weggeworfenem Müll und überquellenden Mülleimern vorbeikam, tippte Frank Gugenberger eines Tages einen Beitrag in die Nachbarschafts-Plattform nebenan.de, um seinem Ärger Luft zu machen. Darauf bekam er so viele Reaktionen, dass er beschloss, „Schön hier! Oder?“ zu gründen. Die Gruppe gibt es erst seit ein paar Wochen, sie hat inzwischen ungefähr 30 Mitglieder, dies ist ihre erste größere Aktion. Das Echo ist positiv: „Die Leute finden es prima.“
Aber, das ist dem 58-Jährigen wichtig: „Wir sehen uns nicht als Putztrupp.“ Vielmehr wolle man die Menschen auf das Müllproblem aufmerksam machen. Viele würden nur mit dem Finger auf die Stadt zeigen und mehr Mülleimer und häufigere Leerung fordern. „Die Menschen bei der Abfallwirtschaft Stuttgart machen einen guten Job, aber es fällt einfach auch viel zu viel Müll an“, findet Gugenberger. „Fingerpointing bringt nichts“, sagt der studierte Physiker, der bei einem Software-Hersteller arbeitet. „Es geht nur im Zusammenspiel: Die Stadt muss was tun, aber auch der Einzelne ist gefragt.“ Wenn man sehe, dass ein Mülleimer bereits überquillt, müsse man seinen Kaffeebecher eben noch bis zur nächsten Tonne oder gleich bis nach Hause mitnehmen. Oder – noch besser – auf Mehrwegsysteme setzen.
Das Müllproblem auf dem Bismarckplatz im Westen ist bekannt
Mit der Abfallwirtschaft Stuttgart steht die Gruppe in gutem Kontakt, sagt Gugenberger. Eine Ortsbegehung mit einem AWS-Mitarbeiter gab es schon, Frank Gugenberger war im April auch bei einem „Müllgipfel“ der Stadt. „Das Feedback der Stadt ist sehr positiv, aber nicht alles passiert eben so schnell wie man es sich vielleicht wünschen würde.“ Vernetzt ist die Gruppe auch mit dem „Cleanup Network“, das bundesweit Ehrenamtliche mit Politik und Wirtschaft zusammenbringt, um eine Lösung für das Müllproblem zu finden.
Von den Gastronomen gab es Pizza und Eis
Auch die Gastronomen rund um den Bismarckplatz finden die Initiative von „Schön hier! Oder?“ gut. Alle haben die Helferinnen und Helfer am Sonntag mit Kaffee, Pizza, Getränken oder Eis gratis versorgt. Der Wirt der Metzgerei, Yilmaz Yogurtcu, findet den Einsatz „eine schöne Sache. Das Viertel gehört uns allen, wir müssen es sauber halten.“ Sein Restaurant habe wenig To-Go-Kundschaft, wenn doch, gebe man die Speisen in einer Zuckerrohrverpackung mit. Im Eiscafé Fragola denkt der Eigentümer Angelo Carbone darüber nach, bei seinen Eisbechern ein Pfandsystem einzuführen. Das Piloni hat schon Mehrwegbehälter für die To-Go-Pizza, sagt Vincenzo Napoli, aber seine Kundschaft nehme diese eher zögerlich an.
Mit Zange und Eimer – Carmen Probst in Aktion. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
„Oh ja“, sagt die Anwohnerin Astrid Chwoika, danach gefragt, ob der Bismarckplatz denn ein Problem mit zu viel Müll habe. „Manchmal ist der Platz wirklich mit weggeworfenen Verpackungen gepflastert.“ Bestimmt nicht alle, die auf dem Platz vor der Elisabethenkirche feierten, seien daran schuld, betont Chwoika. „Viele nehmen ihren Müll auch mit, aber eben leider nicht jeder.“
Müll-Sammel-Aktion auf dem Bismarckplatz kommt gut an
Katharina Miller kam über Frank Gugenbergers Aufruf auf nebenan.de zu „Schön hier! Oder?“. „Ich habe mich schon lange daran gestört, dass in der Stadt so viel Müll rumliegt.“ Besonders schlimm, sagt die Lehrerin, die im Westen wohnt, sei es auch am ehemaligen Südwestbank-Gebäude an der Rotebühlstraße. Das Feedback der Leute auf den Einsatz am Bismarckplatz sei „durchweg positiv“, erzählt die 44-Jährige. Manche Gäste des Fragola geben ihnen zum Dank einen Kaffee aus. Fürs neue Schuljahr plane sie, mit ihrer Klasse Müll sammeln zu gehen.
Carmen Probst würde sich wünschen, dass Stuttgart sich von den Städten „etwas abguckt, wo’s funktioniert – Wien zum Beispiel.“ Die 64-Jährige, die am Botnanger Sattel wohnt, hört aus den vielen Gesprächen, die sie im Rahmen der Aktion führt, heraus, „dass das Thema viele umtreibt.“ Sie selbst ist in der Vergangenheit immer wieder privat zum Müllsammeln gegangen – zum Beispiel im Kräherwald. „Aber ein noch besseres Gefühl ist es, wenn man das zusammen wuppt.“
Initiative sucht Mitstreiter
Schön hier! Oder? Die Gruppe „Schön hier! Oder“ ist noch jung und freut sich über weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Mehr Infos gibt es unter https://schoen-hier-oder.de