Ballons und Girlanden erinnern an den zehnten Geburtstag des Sohnes, die kunterbunte Spielküche der bald dreijährigen Tochter steht in einer Ecke des Wohnzimmers, und am Kühlschrank hängen jede Menge Fotos und Erinnerungsstücke. Im Haus der Jaissles in Neckartailfingen steckt ganz viel Leben, und Mutter Andrea Jaissle, das merkt man gleich, ist eine echte Vollblutmama. Liebevoll erzählt sie vom Familienleben. Was sie dabei aber nicht verhehlt: Manchmal ist es viel mit zwei Kindern. Vor allem nach der Geburt der Kleinen sei sie froh um jede familiäre Unterstützung gewesen. Nicht jede Frau habe dieses Glück. „Man hat oft Oma und Opa nicht in der Nähe.“
Seit dem vergangenen Herbst hilft die 36-Jährige Frauen in einer ähnlichen Lage. Als zertifizierte Mütterpflegerin bietet sie werdenden und frischgebackenen Mamas ihre Unterstützung an. Im Zentrum steht die Bewältigung des Alltags. Das fängt ganz banal bei einfachen hauswirtschaftlichen Dingen an wie dem Kochen einer Mahlzeit, dem Einräumen der Spülmaschine oder einer Erledigung bei der Apotheke.
Hilfe bei Pflege des Babys durch die Mütterpflegerin
Sie setzt sich mit der Neumama zum Reden hin, wenn die in den ersten Wochen von der Überforderung übermannt wird, sie greift bei der Pflege des Babys unter die Arme und beantwortet Fragen zum Stillen. Sie bietet Massagen an, begleitet ihre Klientin zu Arztterminen oder übernimmt das Bespaßen der Geschwister und gönnt der Mutter eine Verschnaufpause. „Ich sage immer: Ich bin wie eine beste Freundin auf Zeit.“
Auf den Job als Mütterpflegerin hat sich die staatlich anerkannte Erzieherin zuvor intensiv vorbereitet. In der Online-Ausbildung habe sie Wichtiges über die Säuglingspflege, über die Wochenbettmassage, über postnatale Depressionen oder die Ernährung gelernt, sie habe Praktika im Kreißsaal oder bei Hebammen absolviert, eine Hygieneschulung und einen Rote-Kreuz-Kurs. Was Andrea Jaissle klarstellt: Die Mütterpflegerin ersetzt keinesfalls die Hebamme, sondern arbeitet vielmehr mit ihr zusammen. Auch alles Medizinische sei für sie tabu. „Ich schaue mir keine Kaiserschnittnarbe an“, sagt sie, sie verweise bei bestimmten Dingen lediglich an die richtige Stelle, also an die Stillberatung, an eine Hebamme oder an eine Arztpraxis. Auch als Reinigungskraft will sie sich nicht verstanden wissen. „Ich fange nicht an, die Fenster zu putzen oder den Rasen zu mähen.“
Der Bedarf an Mütterpflege ist groß
Mütterpflege ist in Deutschland wenig bekannt. Auch Andrea Jaissle musste googeln. „Ganz viele sprechen mich an und sagen: Ich wusste gar nicht, dass es das gibt.“ Während in den Niederlanden die Inanspruchnahme einer Wochenbegleitung gang und gäbe sei, schämten sich hierzulande viele Frauen auch, sich und anderen einzugestehen, dass sie Hilfe benötigten. Dennoch: Der Bedarf ist offenbar groß. „Ich hatte seit September keinen Leerlauf“, sagt Andrea Jaissle. Ihr Einsatzradius liege bei 15 Kilometern. Sie betreue auf selbstständiger Basis in der Regel eine Frau an zwei Vormittagen in der Woche. An anderen Tagen arbeitet sie als Erzieherin in einem Naturkindergarten.
Andrea Jaissle sagt, dass ihr der Kontakt mit den Wöchnerinnen und den Neugeborenen Erfüllung bringe und dass sie bislang nur positive Rückmeldungen erhalten habe. „Mich stellt der Beruf total zufrieden“, sagt sie. Der Job lasse sich gut mit dem eigenen Familienleben vereinbaren, und es sei befriedigend, anderen beistehen zu können, denn „manchmal fühlt man sich als Mama schon allein“.
Gerade beim zweiten eigenen Kind sei ihr bewusst geworden, wie wichtig die Regeneration sei. Die Neckartailfingerin würde sich daher wünschen, dass mehr Frauen den Beruf ergreifen würden. „Ich fände es toll, wenn man hier ein Netzwerk aufbauen könnte.“
Berufsbild steckt noch in den Kinderschuhen
Verband
Der Beruf der Mütterpflegerin ist in Deutschland eher unbekannt. Erst seit 2023 gibt es den MDEV, den Berufsverband deutscher Mütterpflegerinnen. Online bietet der eingetragene Verein unter anderem einen Überblick über das Leistungsprofil in der Mütterpflege und Infos zu Qualifikationen. Auch finden sich dort Anträge und weitere Hinweise zur Kommunikation mit der Krankenkasse. Wenn spezielle Indikationen vorlägen, sei eine Kostenübernahme durch Kassen mitunter möglich, sagt die Sprecherin Nadja Laue. Sie spricht von vier bis fünf Ausbildungsinstituten in Deutschland.
Verteilung
Die interaktive Karte auf der Homepage des MDEV findet gerade mal 18 Mütterpflegerinnen in Baden-Württemberg. Demnach ist Andrea Jaissle die einzige im Kreis Esslingen. Ihre Homepage: www.little-happy-family.de. Nadja Laue berichtet von etwa 200 tätigen Mitgliedsfrauen bundesweit. Hamburg oder Berlin seien Hochburgen. Allerdings: Nicht jede Mütterpflegerin ist automatisch im MDEV engagiert. So findet Google beispielsweise noch eine Frau in Stuttgart. car