Mundartdichterin Sandhya Hasswani Mit indischen Wurzeln im Schwarzwald:„Dialekt ist eine Brücke“

Sandhya Hasswani in ihrem Wohnzimmer Foto: Uli Fricker

Sandhya Hasswanis Vater kommt aus Indien. Sie selbst wuchs im Schwarzwald auf. Für ihre Dichtungen auf Alemannisch wurde sie mit dem Dialektpreis der Landesregierung ausgezeichnet.

Es gibt aussterbende Berufe wie Hufschmied oder Schriftsetzer. Man hat diese Begriffe schon einmal gehört, kennt aber niemanden, der noch ein Pferd beschlagen oder eine Zeitungsseite im Bleisatz zusammensetzen kann. So wie manches Handwerk kaum mehr anzutreffen ist, gibt es auch seltener werdendes Mundwerk. Der Dialekt ist ein solcher Fall.

 

Statistisch gesehen sprechen immer mehr Menschen eine Form von Hochdeutsch, die sich am Fernsehen orientiert. Und immer weniger beherrschen die Mundart oder praktizieren sie in ihrem Alltag. Sandhya Hasswani gehört zu den Menschen, die im Dialekt unterwegs sind. Und noch mehr: Sie schreibt und reimt darin.

Sie lebt in der Stille des Hochschwarzwalds

Die 37-Jährige wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern im tiefsten Teil des Schwarzwalds, im Hotzenwald, der seit jeher im Ruf trotziger Eigenbrötelei steht. In Herrischried, einer Gemeinde auf einem Hochplateau, ist das noch möglich: Ein Grundstück am Ortsrand kaufen, bauen, Gemüsegarten anlegen, Trampolin aufstellen. Der Quadratmeter kostet etwa 130 Euro. Bis zu diesem Punkt eine schöne, aber kaum aus dem Rahmen fallende Familiengeschichte.

Bei ihr liegt der Fall dann doch anders, und schon deshalb lohnt sich ein Besuch bei ihr in der Stille des Hochwalds. Die Frau ist zwar in Herrischried aufgewachsen und lernte im Dorfkindergarten selbstverständlich den alemannischen Dialekt. Doch stammt ihr Familienname aus der indischen Literatursprache Sanskrit, er bedeutet so viel wie „Abenddämmerung“.

Ein buntes Familienpuzzle

Der Name legt nahe: Ihre Wurzeln sind deutlich multinational. Ihr Vater stammt aus Indien und hat der Tochter auch den Familiennamen mitgegeben. Ihre Mutter wiederum wurde in England geboren. Dass dieses bunte Familienpuzzle im südlichen Schwarzwald Fuß fasste, ist das eine. Sandhya Hasswani wuchs im Hotzenwald auf und passte sich an. Dass sie anders aussah wie andere Kinder, wurde ihr schnell bewusst. Das ist dann das andere.

Hasswani illustriert ihre Bücher selbst. Foto: Sandhya Hasswani

In einem ihrer Gedichte beschreibt sie den Unterschied so: „Mini bruune Auge, de bruune Hut un de dunkli Hoor, wo mir de Papa us Indien mitbrocht het.“ Und sie schreibt auch dazu: Die Kinder hier akzeptierten sie von Anfang an. Ihr bronzefarbener Teint führte nie zur Ausgrenzung. Auch deshalb lebt sie heute dort.

Ihre Romane schreibt sie in der Hochsprache

Sandhya Hasswani ist mit einem altertümlichen Wort am besten zu beschreiben: Sie besitzt natürliche Anmut. Sie trägt ein schlicht wirkendes, dunkelblaues Kleid ohne Ärmel. Dezent geschminkt. An jedem Ohr schimmert eine Perle. Die Konturen ihres Gesichts sind kräftig, als ob die Natur ihr alle aufwendigen Schminkprozeduren lebenslang abnehmen wollte. Eine markante Nase, dunkle Augen, die fast rund sind und aufmerksam im Gesicht des Gegenübers lesen.

Ein Glas Wasser mit Zitrone wird serviert, dann geht das Gespräch los. Ihre Stimme ist mild, wie ein Glas frischer Grüntee mit einem Schuss frisch gemahlenem Ingwer. Beim Gespräch geht die Frau an dem schweren Holztisch sogleich in die Mitte ihres Berufslebens. Ihre Romane schreibt sie in der Hochsprache, etwa wenn sie das Lebensbild einer Nonne aus Säckingen auf viele Seiten packt. Das Prosastück handelt von der letzten Äbtissin des Damenstifts Säckingen, einer bemerkenswerten Frau um 1800.

Das Alemannische ist schwer verständlich

Hasswanis Gedichte sind anders. Sie greifen auf das Alemannische zurück. Das ist besonders mutig. Das Alemannische ist nämlich schwer verständlich – auch deshalb, weil es im Gegensatz zum Bayerischen oder Schwäbischen kaum in Spielfilmen auftaucht. Die Mundart im südlichen Schwarzwald um Herrischried ähnelt stark dem Schweizerdeutsch in Basel. In einschlägigen Dokumentationen wird es regelmäßig mit hochdeutschen Untertiteln versehen. Sicher ist sicher. Die Reichweite dieser Art von Heimatdichtung ist also begrenzt. Sandhya Hasswani tritt in Schulen auf, bei Heimatabenden, bei Versammlungen des Vereins mit dem schönen Namen Muettersprochgesellschaft.

Jahrelang ist sie Reporterin bei der Lokalzeitung

Mindestens eines schafft sie: Sie erschließt den Dialekt auch für jüngere Menschen. Der klassische Heimatabend wird hier von Älteren für Ältere veranstaltet. Mit Sandhya Hasswani betritt ein ganz anderer Typ von Mundartmensch das Podium. Die Tochter von Einwanderern hält die Flagge des urigen Alemannischen hoch. Das ist die Pointe.

Den Weg dorthin musste sie auch erst finden. Nach dem Abitur war ihr klar, dass es „irgendetwas mit Schreiben“ sein sollte. Das Texten war ihr schon in den Schoß gefallen, sagt sie. Sie wurde früh Mutter, absolvierte ein Fernstudium für Journalismus. Für die Lokalzeitung war sie etliche Jahre als Reporterin unterwegs. Das lag ihr, da sie mit dem Ort sehr verbunden ist. Feuerwehr, Kindergarten, Gemeinderat – nichts entging ihr damals. Auch den Ausbau des buddhistischen Zentrums, der in einem Teilort seine Zelte aufgeschlagen hatte, verfolgte sie mit Akribie und kurzen Zeitungssätzen.

Eine philosophische Form der Spiritualität

Dann der Wechsel in die Lyrik. Von den nüchternen Sätzen, die eine lokale Chronistin schnell produziert, hinein in die frei fließende Prosa der Schriftstellerin. Ihre Themen setzte sie sich jetzt selber – nicht mehr die Sitzungsunterlagen, die an den Gemeinderat und Pressevertreter verteilt werden.

„Dialekt ist eine Brücke“, sagt sie. Die Brücke führe hinein in die Spiritualität, und darum gehe es am Ende. Das Wort von der Spiritualität benutzt sie oft. Und es dauert ein wenig, bis man diesem semantisch breit gefächerten Schlagwort auf die Spur kommt.

Mit Spiritualität meint sie nicht den freundlichen Buddha, der bei ihr wie in vielen anderen mittelständischen Wohnzimmern herumsteht. „Der ist nur Dekoration.“ Sie verfolgt keine religiöse Absicht, sondern eine philosophische: Es geht um die Rückbindung des Menschen an seine Wurzeln. Diese Verbindung ist oft gekappt oder auch nur verdeckt, erklärt sie. Der Dialekt kann hier ein Stück reparieren. Er wirkt wie ein Fahrstuhl, der den Menschen wieder mit seinem Ursprung verbindet.

Hasswani wird mit dem Dialektpreis der Landesregierung geehrt

Ihre ungewöhnlichen Texte fallen schon seit Längerem auf. An der Wand ihres winzigen Arbeitszimmers hängen Urkunden. Das Alemannische ist zwar kein Verkaufsschlager, aber es wird immer wieder für preiswürdig erklärt. Im vergangenen Herbst wurde sie mit der bisher wichtigsten und höchsten Ehre ausgezeichnet: Hasswani erhielt den Dialektpreis, den die Landesregierung frisch ausgelobt hatte. Die Jury lobte ihre große Kunstfertigkeit, dass sie ganz einfach erzähle, ohne Übertreibungen, ohne Tricks.

Das Stück, das sie einreichte, heißt „Friide“. Es ist alles andere als eine verharmlosende Dorferzählung mit Tonpfeifen und Trachten. In „Friide“ geht es um den Streit an einem Kindergarten: Zwei Väter – der eine mit türkischem, der andere mit kurdischem Hintergrund – geraten sich in die Haare. Die Lösung am Ende: Die Väter sollen sich versöhnen, sollen Frieden einüben, damit auch ihre Kinder wieder so zusammenspielen können, wie sie das bisher taten.

Prägnante und gewollt naive Illustrationen

Etwas konventioneller ist eine Zusammenstellung alter Legenden. In ihrem Buch „Sagenhafter Hotzenwald“ packt sie teils vergessene Erzählungen und Schmonzetten zusammen. Es geht um alte Burgen, den Grafen Rudolf von Habsburg, um Mühlen und Köhler, die Mühen der Bauern. Mancher Leser erfreut sich an den vielen Illustrationen, mit denen dieses Heimatbuch ausgestattet ist. Sie sind prägnant und gewollt naiv. Die Autorin hat selbst aquarelliert und ansprechende Porträts ihrer handelnden Figuren geschaffen – immer mit einem Augenzwinkern.

Dennoch, nicht alles geht so leicht von der Hand. Im vergangenen Jahr durchlebte Sandhya Hasswani eine Krise. Was sich nach außen als leichtfüßige Kreativität darstellt, ist harte Arbeit. Und dazu eine Arbeit, die vergleichsweise wenig abwirft. „Man kann von Büchern allein nicht leben“, sagt sie. Das gilt, auch wenn ihr Sagenbuch inzwischen vergriffen ist und sie immer wieder an Schulen gerufen wird, um dort für bescheidene Honorare zu lesen.

Der Landespreis wirkte wie ein Rettungsring, ausgeworfen vom Landesvater persönlich. Winfried Kretschmann versteht sich nicht nur als großer Freund und Praktiker des Schwäbischen. Er fördert in seiner dritten und letzten Amtszeit die sich verflüchtigende Mundart – und all jene, die sie sprechen oder sogar schreiben. Sandhya Hasswani hat über den Preis Mut geschöpft, bereitet jetzt neue Lesungen vor. An einem hat sie nie gezweifelt: dass der Einsatz für die regionale Sprache, ihre Farben und Redewendungen richtig ist. Sie sagt das mit einem Satz, der so kindlich daher kommt wie manches Aquarell von ihrer Hand: „Für mich hört das Staunen nicht auf.“

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