Der Schönbuch ist heutzutage Sehnsuchtsort, Ruhepol und Freizeitparadies in einem. Doch das war nicht immer so. Zahlreiche Denkmale im Wald erinnern daran, dass das Gebiet in der Vergangenheit auch Schauplatz von Wilderei, Mord und tragischen Unfällen war, wie etwa ein Gedenkstein in der Nähe von Walddorfhäslach zeigt, den unser Leser Albert Renz entdeckt hat.
Der Stein, der im Gewann Tessinhalde steht, erinnert an einen Jagdunfall, der sich dort vor ziemlich genau 100 Jahren, nämlich am 4. August 1924, ereignet haben soll. Ob es aber auch wirklich ein Unfall war, das wird wohl für immer im Dunkeln bleiben. Die Geschichte, die hinter dem Stein steckt, lässt zumindest Zweifel daran aufkommen.
Der Stein ist Walter Freiherr von Tessin-Hochdorf gewidmet. In einer Zusammenstellung des Fördervereins Naturpark Schönbuch ist folgende Überlieferung der Geschehnisse zu finden: 1924 sollen sich die beiden Brüder Freiherren von Tessin in Walddorf auf die Jagd begeben haben. Dabei, so die Erzählung, soll sich ein Schuss gelöst haben, der Walter Freiherr von Tessin, den Jüngeren der beiden, in den Rücken traf und tödlich verletzte. Ein Jahr nach dem Unglück machte der überlebende Bruder Friedrich der Witwe Walters einen Heiratsantrag. Diese lehnte jedoch ab. War es also doch ein Mord? Eventuell aus Eifersucht oder aus heimlicher Liebe?
Philipp Heinrich von Tessin lässt Landschloss bauen
Die beiden Brüder waren nach Recherchen des Böblinger Lokalhistorikers Hans-Jürgen Sostmann Nachkommen von Philipp Heinrich von Tessin, der 1709 den Ort Hochdorf im heutigen Landkreis Ludwigsburg erworben hatte. 1710 ließ dieser am südlichen Ortsrand ein Landschloss samt einem über 1,5 Hektar großen Schlossgarten erbauen. Zum Schloss sollen mehrere Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude gehört haben. Seit 2022 ist das Hauptgebäude der Sitz der Berthold Leibinger-Stiftung und der Doris Libinger-Stiftung. Der ehemalige Schafstall und Pferdestall mit der Kastenscheuer wurden wohl bis 2021 als Galerie, Kunsthof und Atelier genutzt.
Im Schönbuch gibt es 241 Kleindenkmale, 48 davon stehen im Kreis Böblingen. Der Fall Tessin ist auch nicht der einzige mutmaßliche Mordfall im Schönbuch, an den ein Gedenkstein erinnert. Wilddiebe haben in der Vergangenheit mehrfach für tödliche Zwischenfälle gesorgt. Wie der Naturführer Roland Bengel in seinem Buch „101 Highlights“ im Schönbuch zusammengetragen hat, wurde etwa der Forstknecht Johann Heinrich Müller am 23. März 1758 von Wilderern umgebracht. Daran erinnert eine Gedenktafel an der Martinskirche in Weil im Schönbuch. Der Forstlehrling Wilhelm Pfeiffer wurde 1822 im Schönbuch ebenfalls erschlagen – ein Gedenkstein steht bei Bebenhausen im Schönbuch. Auch um diese Geschichte ranken sich Mythen: Waren es Holzfrevler? Oder haben die Forstbeamten selbst den jungen Mann auf dem Gewissen?
Eines haben all diese Geschichten gemein: Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.