Nach acht Jahren Ehe Toxische Beziehung – „Unser vermeintlich schönes Leben war der Horror“
Ihr neues Leben beginnt auf einer Bank am Spielplatz. Eine Frau mit drei Kindern befreit sich aus einer gewaltvollen Ehe. Was gibt ihr die Kraft dafür?
Ihr neues Leben beginnt auf einer Bank am Spielplatz. Eine Frau mit drei Kindern befreit sich aus einer gewaltvollen Ehe. Was gibt ihr die Kraft dafür?
Vor ziemlich genau drei Jahren sitzt Lena (Name geändert) mit ihren drei kleinen Kindern frühmorgens auf einer Bank am Rande eines Spielplatzes in der Region. Ihr 18 Monate alter Sohn döst im Kinderwagen vor sich hin. Neben ihr sitzt ihr Ältester. Er ist zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt. Auf der anderen Seite sitzt ihre vierjährige Tochter. Die Kinder sind kurz zuvor aufgewacht. Es ist Lena gelungen, sich heimlich mit ihnen aus der Wohnung zu schleichen. Sie hat sogar noch etwas Milch eingepackt. Hinter den Vier liegt eine furchtbare Nacht. Lenas Nase ist gebrochen, den Bluterguss am Auge verdeckt eine Sonnenbrille. „In dieser Nacht hat er mich gefoltert“, sagt die 47-Jährige.
Sie wählt dieses Wort mit Bedacht. Ihr damaliger Mann hat in einem Gewaltexzess wie in einem Verhör versucht, Antworten und Geständnisse aus ihr herauszuprügeln. Wie schon viele Male zuvor überzieht er sie mit Verdächtigungen und absurden Vorwürfen, die seinem Kontrollwahn und seiner grundlosen Eifersucht entspringen.
„In dieser Nacht wusste ich nicht, wie ich da lebend und mit meinen Kindern rauskomme“. Sie meint die Wohnung, in der sie seit acht Jahren zunächst mit ihrem Mann und nun mit ihm und den Kindern lebt. Mit der Hand schlägt er ihr immer wieder ins Gesicht. „Das Blut ist wie aus einem Wasserhahn gelaufen.“ Sie weiß in manchen Momenten nicht, „sterb’ ich gerade oder lebe ich noch“. Die Kinder stellen sich in Schockstarre schlafend. Die beiden Großen haben ebenfalls schon körperliche Gewalt durch ihren Vater erlebt. Er schreit „Ich stech dich gleich ab“. Im Ohr klingt Lena ein weiterer Satz aus anderen Nächten. „Ich hör erst auf, wenn ich Blut sehe“, hat er da geschrien. In einer dieser Nächte hat er einen Balkontisch aus Rattan auf ihrem Rücken zerschlagen. Sie hielt in diesem Moment eines ihrer Kinder mit beiden Armen vor der Brust.
Lena will auf der Bank am Spielplatz eigentlich warten, bis ihr Mann die Wohnung verlassen hat. Seine Schicht beginnt am frühen Nachmittag. Auch diesmal hat sie keinen Plan, wie sie dieser Hölle entkommen kann. „Ich war viel zu verängstigt“. Heute nennt sie sich erschreckend naiv. Sie kannte keine Beratungsstellen, noch hat sie nach den Adressen von Frauenhäusern gegoogelt. Stattdessen hat sie sich immer wieder damit getröstet, „dass es neben den schlimmen Nächten auch viele wunderschöne Tage gab“. Vielleicht hätte sie ja auch diesmal wieder die Familie ihres Mannes gerufen und sie gebeten, den Sohn und Bruder für ein paar Tage zu sich zu holen, damit sie ihre Ruhe hat und sich seine Wut abkühlt. Mit dem schönen, charmanten Mann hat sie 2015 in ein Familiensystem eingeheiratet, das sie erst faszinierte, ihr jetzt aber zunehmend keinen wirklichen Schutz mehr bieten konnte.
Doch diesmal kommt es anders. Der Zufall eröffnet Lena an diesem Märzmorgen 2023 die Möglichkeit, dieses gewaltvolle Leben hinter sich zu lassen. Am Spielplatz fährt eine Polizeistreife vorbei. Die Beamtin und der Beamte halten an und fragen, ob sie helfen könnten. Lena setzt die Sonnenbrille ab und sagt: „Ja, Sie können mir helfen.“ Die Beamten sehen ihr malträtiertes Gesicht. Lena erzählt, was in der Nacht passiert ist. Die Polizeibeamten fahren zur Wohnung, nehmen Lenas Mann den Wohnungsschlüssel ab, sprechen ein Kontaktverbot aus und nehmen Lena mit zur Polizeiwache, vermitteln ihr einen Termin bei einer Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen“. Sie bekommt Kontakt zu einer Anwältin, die bis heute an ihrer Seite ist.
Vor allem aber zieht sie mit ihren Kindern in ein Frauenhaus um. Weit weg von ihrem Mann. Zu gefährlich sei es für sie, in ihre Wohnung zurückzukehren, sagt die Polizei. In ihrer Begleitung kehrt sie nur kurz zurück, um das Notwendigste zusammenzupacken. Ihr Dienstlaptop nimmt sie mit, um aus dem Frauenhaus im Homeoffice arbeiten zu können. Sie hatte und hat einen Arbeitgeber, der ihrer Lebenssituation viel Verständnis entgegenbringt und ihr unkonventionelle Arbeitsmodelle ermöglicht.
„Er hat mich auf Händen getragen“ und dann doch auch mehr oder weniger verdeckt kontrolliert. Irgendwann missfiel ihrem Mann schon, wenn sie einen anderen Kindergartenvater auf der Straße grüßte, über den Scherz eines Freundes ihres Mannes lachte oder einem Handwerker auf dessen nicht angekündigtes Klingeln die Tür öffnete. Die Übergriffe kommen in regelmäßigen Abständen. Damit sie sich nicht mit ihren Kindern im Schlafzimmer einschließen kann, hängt er in einer der Gewaltnächte die Tür aus.
Lena berichtet mit Abstand über diese Zeit und ihren Weg aus der Gewalt. Denn der war und ist besonders belastend, weil sie sich nicht nur von ihrem Partner, sondern auch vom Vater ihrer drei Kinder getrennt hat. Das macht es schwer, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Der Hebel, weiter Kontakt zu Kindern und damit auch zu deren Mutter zu haben, ist der Kampf der Väter um das Umgangs- oder gar Sorgerecht für die Kinder. Demnächst steht auch bei Lena wieder ein Termin vor dem Familiengericht an, weil ihr Ex-Mann Umgang mit seinen Kindern beantragt hat. Bisher hat das Familiengericht ihm den aufgrund der Vorkommnisse und seiner Drohungen verweigert, von denen Lena gerade erzählt.
Der Verdacht, sie betrüge ihn, war für ihren damaligen Ehemann allgegenwärtig. Er wies sie – wenn sie Glück hatte – nur verbal brutal zurecht. Es konnte aber genauso auch passieren, dass er sie schlug, ihr in seinem Geifer ein Büschel Haare ausriss oder mit ihr und den drei Kindern zu „wahren Kamikazefahrten“ in Höllentempo mit dem Auto losfuhr. Auf seine Entschuldigungen folgte dann meist die Versöhnung. Ja, das Etikett „toxische Beziehung“ treffe auf das Miteinander schon zu, sagt Lena. Heute sagt sie: „Unser vermeintlich tolles Leben war der Horror.“ Und schämt sich für ihre Unbedarftheit, in der sie die Ehe mit dem Mann aus dem Libanon mit palästinensischen Wurzeln eingegangen ist. Lange erklärt sie sich seine Gewaltausbrüche mit seiner eigenen Kriegstraumatisierung, will ihm helfen, sucht die Fehler bei sich. Bis sie lernt: er ist der Täter.
Im März 2024, ein Jahr nach der letzten Nacht in der gemeinsamen Wohnung verurteilt das zuständige Amtsgericht Lenas Ehemann wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Bedrohung in mehreren Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Monaten. Bei einem Beratungsgespräch bei einer Sozialberatung, die er im Rahmen der Gewaltprävention besucht, spricht er noch vor der Verhandlung von einem „blutigen Weihnachten“, das es geben werde, wenn seine Frau einen neuen Partner habe und er die Kinder sehen werde. Für den Fall seiner Inhaftierung drohte er damit, Freunde zu haben, die das für ihn erledigen würden.
„Ich habe drei Jahre in Angst vor ihm gelebt“, sagt Lena. Aber die habe sie jetzt nicht mehr. Die Angst, sich nicht frei bewegen zu können, soll nicht ihr Leben bestimmen. Viele Menschen und Angebote haben ihr dabei geholfen: die Beratungsstelle, eine Mutter-Kind-Kur, ihr Arbeitgeber und die Kräfte, die sie in sich selbst mobilisiert. Nach ein paar Monaten im Frauenhaus wollte sie dort raus und kehrte zurück an den Ort, an dem sie zuvor gelebt hat. Sie sucht eine neue Wohnung für sich und ihre Kinder, findet eine. Ihre Adresse lässt sie mit einem Sperrvermerk versehen, damit ihr damals Noch-Ehemann sie nicht finden kann.
Durch einen Fehler beim Jugendamt, das einen Brief mit ihrer Adresse verschickt, weiß er nun jedoch die neue Adresse. Bis jetzt hat er sich nicht genähert. Aber bei einem Weihnachtsmarktbesuch entdeckt sein Sohn ihn in der Menge. Er habe ihm zugewunken, schreibt der Vater in einem seiner Briefe an seine Kinder. Erst wenn das Jugendamt sie gelesen hat, reicht es sie weiter an die Familie. Darunter sind auch Fotos von sich mit freiem Oberkörper. Sie zeigen einen extrem durchtrainierten Mann. In einer der Tierfabeln aus diesen Schreiben steht der Satz: „Wisst Ihr, ein freier Falke fliegt überall hin und hat Adleraugen, alles zu sehen“. Lena fragt sich, ob die Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt reiner Zufall war.
Sollten Sie Gewalt erlebt haben oder sich aktuell in einer Gewaltsituation befinden, erreichen Sie unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116 016 das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Es ist rund um die Uhr besetzt und berät in 18 Sprachen. Es ist auch für Angehörige oder Freunde für von Gewalt Betroffenen gedacht. Unter https://www.hilfetelefon.de/ wird dort auch Onlineberatung angeboten.