Nach ASB-Kündigung Stuttgarter Schule im Notfallmodus – wie der Unterricht jetzt abläuft

Die Stühle der fehlenden Kinder sind hochgestellt – dieser Junge kann seit Montag wieder kommen. Foto: Viola Volland

Die Helene-Schoettle-Schule in Bad Cannstatt ist am stärksten von der Kündigung des Schulbegleitungsträgers ASB betroffen. Wie läuft der Unterricht jetzt? Ein Besuch vor Ort.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Der Morgenkreis der Neptunklasse der Helene-Schoettle-Schule in Bad Cannstatt beginnt mit einem harmlosen Lied: „Hallo, schön, dass Du heute da bist“, schallt es aus einer Box. Doch angesichts der Situation wirkt es seltsam. Normalerweise sind sie zu acht im Morgenkreis, an diesem Vormittag sitzen vier Kinder da. Die anderen sind zu Hause. Nicht, weil sie krank sind, sondern weil sie keine Schulbegleitungen haben, seit die Stadt Stuttgart dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Stuttgart fristlos gekündigt hat. Die Stühle der Fehlenden sind hochgestellt auf den Tischen.

 

Die Helene-Schoettle-Schule, ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, ist von allen Schulen am stärksten von diesem Schritt betroffen. 61 der 243 Schülerinnen und Schüler, die sich auf acht Standorte verteilen, hatten bis zum 4. Februar eine Eingliederungshilfe über den ASB.

Besonders viele Eingliederungshilfen werden in den zwei Klassen benötigt, die derzeit umbaubedingt im Waldheim Steinhaldenfeld untergebracht sind. Vorwiegend Kinder mit schwerer Autismus-Spektrums-Störung besuchen diese, die sich fast alle in ihrer eigenen Welt bewegen. Von den 16 Kindern brauchen 15 eine Einzelbegleitung – damit sie lernen können, nicht weglaufen und nicht in eine Krise kommen.

Eine Assistenzkraft muss ein Kind „lesen können“

Für den elfjährigen Petros zum Beispiel ist der Morgenkreis eine Herausforderung. Er hält sich die Ohren zu, schreit auf, legt schließlich den Kopf auf den Schoß von Sara Vecchio, seiner Assistenzkraft. Wenn es ihm nicht gut geht, sucht er ihren Körperkontakt. Auch Sara Vecchio war ASB-Kraft – sie wechselt dieser Tage zu einem anderen Träger und ist wie ihr Schützling seit Montag zurück in der Schule. „Schreckliche zwei Wochen“ liegen hinter ihr. Sie habe Existenzängste gehabt und sich um Petros gesorgt. Dessen Begleitung sei sehr herausfordernd, doch der Junge sei ihr über die Zeit ans Herz gewachsen – das zweite Schuljahr ist sie an seiner Seite.

Der Morgenkreis ist für manche Kinder herausfordernd. Foto: Volland

Wenn man sie an diesem Vormittag beobachtet, versteht man, was es heißt, dass eine Assistenzkraft ein Kind „lesen können“ muss, vor allem, wenn es nicht spricht. Sie hilft dem Jungen, wenn er sie braucht, aber nur dann. Schreit er auf, sagt sie mit ruhiger, klarer Stimme: „Du bist zu laut“ – und es wirkt. Als den Jungen seine offenen Schuhbänder stark irritieren, ist sie bei ihm. Er haut auf den linken Schuh, sie bindet ihn schnell zu und lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Aufgabe am Platz.

Die vielen Hospitationen seien anstrengend

Die beiden Sonderpädagoginnen in der Klasse sind erleichtert, dass Sara Vecchio wieder da ist. Zwei weitere Eingliederungshilfen sind zurückgekehrt, sodass inzwischen vier der 16 Kinder aus dem Waldheim die Schule dauerhaft besuchen können. Der Rest kommt zwei Tage die Woche jeweils im Wechsel; sechs Kinder bleiben heute zu Hause, zwei weitere teilen sich den Tag auf. Pädagogisch voran können sie so nicht kommen, gearbeitet wird nur mit bekanntem Material. Und das dürfte erstmal so bleiben, auch wenn die neuen Kräfte starten.

„Es dauert lange, bis jemand eingearbeitet ist“, erklärt die Lehrerin Helene Eller. Mit sechs bis acht Wochen müsse man rechnen. Für sie sei es, als wären sie an den Anfang des Schuljahres zurückgeworfen, meint sie frustriert. Die vielen Hospitationen seien anstrengend. Teils erführen sie nicht mal die Namen der Menschen, die kommen. Nicht alle erfüllten die körperlichen Voraussetzungen. Bei Kindern mit Weglauftendenzen müsse man zum Beispiel schnell sein.

Pflegerische Tätigkeiten wie Wickeln schrecken manche Kräfte ab

Der stellvertretende Leiter der Helene-Schoettle-Schule, Thomas Mästle, vergleicht die Aufgabe, Kräfte für die Kinder zu finden, mit einem Puzzle. Die Passung stimme oft nicht. Mästle ist für das Organisatorische rund um die Eingliederungshilfen zuständig und seit dem 5. Februar im Dauereinsatz wegen der Kündigungen. Seine normale Arbeit ruht, das Telefon steht kaum still. Verzweifelte Eltern rufen an, die fragen, wann sie ihr Kind endlich bringen können. Träger melden sich, um die Hospitationen abzustimmen – und natürlich die beteiligten Ämter.

Von den 61 betroffenen Kindern an der Schule sind elf Stand Dienstag wieder versorgt. Insgesamt 17 ehemalige ASB-Mitarbeiter könnten bei anderen Trägern unterkommen, davon seien einzelne auch schon da. Bei 16 Kindern habe man noch niemanden in Aussicht. „Da hoffen wir auf die Bewerbungsverfahren der Träger“, sagt Mästle. Die Hospitationen sind bei ihnen zweitägig – am ersten Tag ohne das zugeordnete Kind, damit die Person die Tätigkeit kennen lernt. Danach wird entschieden, ob eine zweite Hospitation mit Kind erfolgt. Es seien auch schon Kräfte abgesprungen, als sie erfuhren, dass auch Pflege wie Wickeln auf sie zukommt, so Mästle.

Pädagogische Aufarbeitung ist nötigt

Zurück im Waldheim. Den Kindern merkt man die turbulenten Zeiten an. Viele sind unruhiger als sonst. Die, die sprechen können, fragen nach den gewohnten Gesichtern. Ein Mädchen kann die Namen aller Eingliederungshilfen, die nun fehlen, aufzählen – es sind komplizierte dabei. Die Sonderpädagogin Katharina Heß hat sich als pädagogische Aufarbeitung etwas Besonderes überlegt. Sie bastelt mit drei Mädchen Karten, die sie den alten Assistenzkräften schenken wollen – darauf sind Fotos der Kinder. „Wir wollen sie auch einladen und sie richtig verabschieden“, sagt die Lehrerin.

Petros bastelt nicht mit. Er arbeitet ein Zimmer weiter. Box für Box zieht er aus dem Regal, darin sind seine Tagesaufgaben. Erfüllt er eine, bekommt er einen Dino-Sticker. In der vorletzten Box ist ein Paar Stoffturnschuhe. Petros beugt sich über die Schuhe, bindet die Schleifen. Sara Vecchio lässt ihn machen. Er braucht sie gerade nicht.

45 Kinder werden laut Stadt betreut – Elternvertretung sieht nur „kleine Fortschritte“

Situation
Laut der Stadt Stuttgart werde inzwischen ein Drittel der 146 betroffenen Kinder betreut, insgesamt 45, die Zahl steige kontinuierlich. Der Gesamtelternbeirat (GEB) erkennt nur „kleine Fortschritte“, da auch die betreuten Kinder nicht regulär beschult würden. „Nach unserer Einschätzung handelt es sich hierbei überwiegend um zusätzliche Notbetreuungen“, so Anna Linder und Stephanie Wieland vom GEB.

Rückmeldungen
Den GEB erreichten täglich neue Rückmeldungen von Familien, denen mitgeteilt worden sei, dass sie frühestens ab dem 15. März, teilweise erst ab dem 1. April mit einer Eingliederungshilfe rechnen können – die Osterferien starten am 30. März. Träger hätten ihnen mitgeteilt, dass man unter optimalen Bedingungen rund zehn Tage für Hospitation, Einarbeitung und Vertragsabschluss benötige.

Aufarbeitung
Die Stadt legt aktuell nach eigenen Angaben die „höchste Priorität“ auf die Versorgung der betroffenen Kinder mit Schulbegleitung. Anschließend soll die Aufarbeitung folgen, das hat Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer versprochen. Die Verwaltung berichtet im nächsten Ausschuss für Soziales und Gesundheit am 9. März über den Sachstand und die Entwicklungen.

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