Nach Eklat um Schulbegleitung Kind mit Gigantismus – viele trauen sich die Assistenz nicht zu

Für Jan wird eine Schulbegleitung gesucht, die sich die Aufgabe zutraut. Er ist eines von 146 Kindern, die am 4. Februar ihre Assistenz verloren haben. Foto: Privat; Lichtgut/Kovalenko

Der zwölfjährige Jan hat Gigantismus und Autismus. Er gehört zu den Stuttgarter Kindern, für die sich nur schwer eine neue Schulbegleitung findet. Aktuell bindet er zwei Lehrkräfte.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Der zwölfjährige Jan ist nicht nur ungewöhnlich groß und schwer für sein Alter, sondern auch geistig auf dem Niveau eines Kleinkinds. Sprechen kann er nicht. Jan wurde mit Gigantismus und Autismus geboren. Der Schüler der Gustav-Werner-Schule in Zuffenhausen ist eines der 146 Kinder, die von der fristlosen Kündigung des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) Stuttgart in der Schulbegleitung betroffen sind. Auch er musste vom 4. Februar an von einem Tag auf den anderen zuhause bleiben. Und er gehört zu den Kindern, bei denen es besonders schwierig ist, Ersatz zu finden. Viele trauten sich seine Begleitung gar nicht zu, berichtet seine Mutter, Agnieszka Tomczak. Sie seien eingeschüchtert von seiner Statur.

 

Auf dem Papier hat die Stadt Stuttgart für alle 146 Kinder neue Träger beauftragen können. Zehn verschiedene Träger haben Verträge mit dem Schulverwaltungsamt geschlossen. Doch gerade bei herausfordernden Behinderungen und Erkrankungen ist der sogenannte Matching-Prozess nicht einfach. Es muss passen zwischen Kind und der Person, die die Schulbegleitung übernimmt. Aktuell laufen die Hospitationen in den Schulen.

Noch keine Hospitation für betroffenes Kind

Für Jan ist allerdings noch niemand da gewesen. Katja Kuklinski, die Leiterin der Gustav-Werner-Schule, hofft, dass der beauftragte Träger nächste Woche jemanden zur Hospitation schickt, eventuell könne diese aber auch erst nach den Osterferien stattfinden. Bei ihm und einem weiteren Schüler sei die Suche nach einer geeigneten Person, die sich die Aufgabe auch vorstellen kann, am anspruchsvollsten.

Aktuell binde Jan zwei Lehrkräfte – er kommt im Wechsel mit dem anderen Kind in die Schule, das ähnlich herausfordernd ist. Drei Tage die Woche ist Jan für jeweils zwei Schulstunden da, an den übrigen zwei Tagen der andere Schüler. Auch Jans Schulbegleitung würde von einer Lehrkraft unterstützt werden, berichtet die Schulleiterin. „Das geht gar nicht anders“, sagt sie. Man müsse sehr gut auf den Schüler eingehen, damit Eskalationen möglichst gar nicht erst entstünden und es nicht körperlich wird.

Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) hatte im Sozial- und Gesundheitsausschuss ausgeführt, dass die Stadt Stuttgart davon ausgehe, dass alle Kinder nach den Osterferien wieder in der Schule begleitet werden. Jans Mutter ist skeptisch, dass ihr Sohn so schnell wieder jemanden an seiner Seite hat. Sie hat schon viele Enttäuschungen erlebt. Vergangenen Sommer zum Beispiel hat ihr ein Träger der Behindertenhilfe für die Ferienbetreuung abgesagt, weil die Mitarbeiterinnen sich Jans Betreuung nicht zutrauten. „Viele haben Angst vor ihm“, sagt die Stuttgarterin.

Neun Stunden die Woche pflegefrei

Die Alleinerziehende hat eine „schwierige Zeit“ hinter sich. Rund einen Monat lang sei Jan nach der Kündigung des ASB gar nicht in der Schule gewesen. „24 Stunden non stop“ habe sie sich um ihn kümmern müssen. Selbst der Gang in den Supermarkt sei kaum zu bewerkstelligen gewesen. „Eine Katastrophe“, sagt die vierfache Mutter. Sie hat auch noch ein Kind im Grundschulalter, das sie ebenfalls braucht.

Inklusive der Fahrtzeit hat die Mutter aktuell neun Stunden die Woche Entlastung. Auf viel mehr kann sie auch in Zukunft nicht hoffen. Denn schon vor dem 4. Februar hatte der Zwölfjährige nur neun Schulstunden die Woche Unterricht – immerhin verteilt auf fünf statt nun drei Tage. Ansonsten komme es zu einer Überforderung, erklärt Kuklinski die niedrige Stundenzahl. Man gestalte die kurze Zeit lieber positiv und baue dann darauf auf. Bei anderen Kindern habe man mit diesem Vorgehen gute Erfahrungen gemacht, sie kämen heute sogar in Vollzeit. Die große Belastung der Mutter ist ihr bewusst. Man sei eng mit ihr im Gespräch, um weitere Hilfen zu vermitteln.

„Ich habe keine Wahl“, sagt die Mutter

„Die Lehrer und die Schule versuchen, was sie können“, sagt auch Agnieszka Tomczak selbst, dennoch fühlt sie sich allein. Sie müsse eigentlich zum Arzt und sich um ihre eigene Gesundheit kümmern. Doch solange dieser Schwebezustand herrscht, wagt sie es nicht, einen Termin auszumachen. Natürlich sei es nicht gut, ständig über die eigenen Grenzen zu gehen. „Aber ich habe keine Wahl“, sagt sie.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Video