Nach Razzien in Bad Cannstatt Schlag gegen Zocker – doch: „Schwarzmarkt ufert aus“
Zwei illegale Glücksspielstätten in Bad Cannstatt – die Spitze eines Eisbergs? Das Innenministerium nennt sinkende Fallzahlen. Doch die können auch täuschen.
Zwei illegale Glücksspielstätten in Bad Cannstatt – die Spitze eines Eisbergs? Das Innenministerium nennt sinkende Fallzahlen. Doch die können auch täuschen.
Bei den einen waren 100.000 Euro im Spiel. Bei den anderen 30.000. Der Ermittlungserfolg der Stuttgarter Kriminalpolizei vor einigen Tagen gegen zwei illegale Spielstätten in Bad Cannstatt bestätigt die Spielhallenbranche – und sie sieht gleichzeitig die Landesregierung auf dem falschen Weg. Die will mit einer neuen zentralisierten Kontrollgruppe den Bereich der Sportwetten und Spielhallen unter die Lupe nehmen – allerdings die legalen Angebote. „Dabei sind gerade die ein Bollwerk gegen den ausufernden Schwarzmarkt“, sagt Georg Stecker, Vorstandssprecher des Dachverbands Deutsche Automatenwirtschaft.
Der sieht in Stuttgart zuletzt so aus: Ein 42-Jähriger soll Büroräume an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt gemietet und zu einer Art Casino umgebaut haben, mit Spieltischen, Spielautomaten, Karten und Jetons. Ein Gaststättenbetreiber soll in seiner Kneipe an der Brunnenstraße ein illegales Glücksspiel eingerichtet haben – bis die Polizei auftauchte. Seither ermittelt das Kripo-Dezernat 3.3 gegen insgesamt 34 Beteiligte.
Die Fallzahlen des illegalen Glücksspiels explodieren bundesweit geradezu – von 2017 bis 2024 haben sich die Zahlen von 504 auf 6247 verzwölffacht. Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) dagegen hat bei der jüngsten Vorstellung der Kriminalstatistik 2025 einen sinkenden Trend im Südwesten vermeldet. 470 Fälle seien es gewesen, nach 671 und 762 aufgedeckten Straftaten in den beiden Jahren davor. Das sei freilich „weiterhin auf hohem Niveau“. Der Schnitt zu Coronazeiten lag nämlich bei 150.
Laut Innenministerium seien dafür vor allem sogenannte „Fun-Game“- beziehungsweise „Fun-4Four“-Geräte verantwortlich, die sich nach außen häufig als erlaubnisfreie Unterhaltungs- oder Geschicklichkeitsspiele tarnten. Auf die Mehrspieler-Spieltische würden dann in manchen Fällen Roulette oder Poker aufgespielt – mit vermögensrelevanten Gewinnen und Verlusten. Und das an der Steuer vorbei. Die Polizei habe deshalb die Kontrollen intensiviert.
Bedeuten sinkende Fallzahlen also weniger illegale Glücksspiele – oder nur weniger aufgedeckte Zockereien? Auf Anfrage des Landtagsabgeordneten Sascha Binder (SPD) legte das Innenministerium bescheidene Zahlen vor: Im Jahr 2025 seien 135 Wettvermittlungsstellen durch die jeweiligen Gemeinden überprüft worden – dabei seien „lediglich fünf Verstöße festgestellt“ worden. Und die Bußgeldbescheide seien bisher noch nicht einmal bestandskräftig.
Das Land setzt auf eine zentrale Kontrollgruppe beim Regierungspräsidium Karlsruhe. Doch die ist noch nicht einmal am Start. Erst muss einmal ein Chef gefunden werden, der das Konzept dann ausarbeitet. „Diese Stelle“, so Innenminister Strobl in seiner Stellungnahme, „wird zum 1. März besetzt werden können.“
Das Konzept stößt allerdings auf scharfe Kritik der Deutschen Automatenwirtschaft. Die fordert zwar einen gestärkten Vollzug – aber sieht die Falschen im Visier. Die Kontrolle legaler Angebote gehe am Thema des wachsenden Schwarzmarkts vorbei. „Der legale Markt steht seit Jahren in einem harten Wettbewerb mit einem wachsenden illegalen Markt“, sagt Vorstandssprecher Stecker gegenüber unserer Zeitung. Bundesweit stünden 161.000 legale Geräte mindestens 50.000 illegalen Automaten gegenüber. „Tendenz steigend“, so Stecker. Schwarzmarkt werde produziert, wenn „das legale Angebot stark reduziert wird und durch gesetzliche Vorgaben nicht mehr nachfragegerecht angeboten werden kann“. Für ihn ein Einfallstor der organisierten Kriminalität.