Nach Routineeingriff fast gestorben Das erzählt ein Theologe von seiner Nahtoderfahrung
Albert Biesinger hat nach einer Operation eine Nahtoderfahrung gehabt. Dieses einschneidende Erlebnis hat das Leben des Tübinger Religionspädagogen verändert.
Albert Biesinger hat nach einer Operation eine Nahtoderfahrung gehabt. Dieses einschneidende Erlebnis hat das Leben des Tübinger Religionspädagogen verändert.
Seine Angst vor dem Tod? Hat Albert Biesinger verloren. Sie ist mit seiner Nahtoderfahrung vor gut 15 Jahren verschwunden. Damals, im März 2010, wird der Tübinger Religionspädagoge operiert. Ein Leistenbruch muss geflickt werden, dabei korrigieren die Ärzte auch noch etwas an der Blase. Die Routineoperation endet für Albert Biesinger auf der Intensivstation. Neun Tage lang ist er im künstlichen Koma, die Ärzte haben ihn aufgegeben.
Außenstehende sahen den heute 76-Jährigen im Bett liegen, angeschlossen an Schläuche. Dagegen befand sich Albert Biesinger in einer ganz anderen Situation: Er saß auf einem Stuhl, während sich eine Radwalze gegen ihn drehte. Er kämpfte gegen sie, die er als den Tod wahrnahm, bis er keine Kraft mehr hatte. Dann hörte er eine ihm so fremde wie angenehme Stimme: „Es ist so weit, jetzt bist du gleich im Himmel. Darauf hin hast du doch so oft gepredigt.“
Überzeugt davon, noch einen Millimeter vor sich zu haben, ehe er die Grenze überschreitet und Gott sieht, hat er nur noch ein „explosives, helles Glück“ gespürt, berichtet Albert Biesinger. Ein weiter Horizont habe sich geöffnet. „Ich wollte unbedingt rein.“ Einen solchen Zustand, ein solches Gefühl hat er bis dato nicht gekannt. Doch dann, lange Zeit später – wieder jene Stimme, die diesmal sagte: „Schade um deine Frau.“ Es war der Moment, in dem er zurück in seinen „malträtierten Körper“ habe gehen müssen, von dem er sich zuvor gelöst habe. Die Ärzte holten Albert Biesinger aus dem Tiefschlaf. Wie es ihm damit ging, die Schwelle des Todes wider Erwarten nicht zu überschreiten, hinein in das empfundene große Glück? „Ich war enttäuscht und traurig.“
Der emeritierte Professor, der katholische Theologie und Erziehungswissenschaften studiert hat, bewertet seine Nahtoderfahrung überraschend nüchtern. Er sei schon immer „empirisch unterwegs“, denke faktisch, beschäftige sich mit Pro und Contra. „Ich will wissen, was Sache ist.“ Entsprechend kritisch nimmt er auch seine Nahtoderfahrung unter die Lupe. „Sie ist weder ein Gottesbeweis noch ein Beweis für ein Leben nach dem Tod“, sagt Albert Biesinger. Nichtsdestotrotz, er glaube schon immer an ein Leben über den Tod hinaus.
Aus seiner Sicht hat er eine Bewusstseinserweiterung erlebt. Ihm sei klar, dass alles in seinem Gehirn passierte. Die Hirnaktivität eines sterbenden Menschen sei zehn Mal höher als normal, wie EEG-Aufzeichnungen belegen würden. „Laut der Gehirnforschung werden im Sterbeprozess Stoffe ausgeschüttet, die uns helfen, den Körper zu verlassen.“ Das Gehirn ist in einer Ausnahmesituation, wenn es sich und die Organe nicht mehr unter Kontrolle hat. Albert Biesinger sagt, er frage sich: Was ist, wenn mein biologischer Körper nicht mehr ist? Während seiner Nahtoderfahrung habe der Körper keine Rolle mehr gespielt – „nur noch der Sog ins große Glück“. Letztlich hat er diese Erkenntnis gewonnen: „Ich bin mehr als mein Körper“, sagt Albert Biesinger. Seine Nahtoderfahrung ist für ihn ein Hinweis darauf, dass das Bewusstsein nicht nur am Körper hängt – und auf ein Leben nach dem Tod. „Das Bewusstsein existiert weiter, auch wenn der Körper tot ist.“ Was im Geistigen im eigenen Leben passiere, sterbe nicht. „Ich nehme all das mit, was ich erlebt habe.“
Albert Biesinger redet hinterher offen über sein Erlebnis. Er lernt zahlreiche Menschen kennen, die ihm erzählen, Ähnliches erfahren zu haben. „Die meisten reden von einer Glückserfahrung.“ Laut Umfragen haben zwischen vier und 15 Prozent der Menschen in Deutschland schon eine Nahtoderfahrung gehabt. Der Theologe stellt fest, wie wichtig es für Betroffene ist, dass das Thema offen diskutiert wird. „Viele werden in ihrem Umfeld als Spinner bezeichnet oder haben Probleme, im Leben wieder anzukommen“, sagt der 76-Jährige. Er selbst habe nie negative Rückmeldungen erhalten.
Die Nahtoderfahrung hat mich bereichert, sagt Albert Biesinger. Er hat die Meditation für sich entdeckt und ist gelassener geworden. „Die Prioritäten haben sich verschoben. Ich rege mich über viele Dinge nicht mehr auf. Ich lebe in der Gegenwart, im Augenblick.“ Dass er zurückgeholt wurde, habe eine Bedeutung. „Ich empfinde ein großes Gefühl von Dankbarkeit. Zugleich habe ich nach wie vor Heimweh nach dem großen Licht.“ Jeden Abend schlafe er in dieses große Glück hinein.
Auch sein Zugang zum Sterben hat sich verändert. Das mulmige Gefühl beim Gedanken an den Tod sei weg. Schließlich weiß er um den Zustand danach nun ein bisschen mehr. „Vor dem Sterben habe ich weiter großen Respekt“, sagt Albert Biesinger. Er denkt an Schmerzen, wegen einer Krankheit zum Beispiel. Seine Erfahrung hilft ihm auch in seinem Job als Notfallseelsorger und Diakon. Sterbenden, die er begleitet, versucht er die Angst vorm Tod zu nehmen, indem er ihnen vom großen Licht erzählt. „Viele sehen im Bereich zwischen Leben und Tod dieses Licht und lächeln.“
Veranstaltung
Albert Biesinger berichtet in Korntal-Münchingen von seiner Nahtoderfahrung – an diesem Dienstag. 24. Juni, um 19 Uhr im Widdumhof in Münchingen. Es wird auch Raum geben für das Gespräch. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt kostet acht Euro. Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Volkshochschule Korntal-Münchingen, der katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Ludwigsburg und der Stadtteilrunde Seniorenarbeit.
Buch
In „Warum kommen wir auf die Welt, wenn wir doch wieder sterben müssen?“ widmet Albert Biesinger ein Kapitel seiner Nahtoderfahrung. Das Buch ist im Patmos-Verlag erschienen.