Ana, Magdalena und Céline unterhalten sich darüber, wie die ständige Wachsamkeit gegenüber Männern ihren Alltag prägt. Foto: Christian Hass Stuttgart Lichtgut
Wenn jeder Mann potenziell gefährlich sein kann, wie soll man dann noch leben? Lieben? Vertrauen? Drei Frauen über das permanente Misstrauen. Und: Was Männer jetzt tun können.
Nicht erst seit den Vorwürfen gegen Christian Ulmen pendeln junge Frauen zwischen zwei Wahrheiten: Ich muss Männern vertrauen können und Ich darf es nicht.
Ana, Magdalena und Céline kennen diese Zerrissenheit. Sie sind Mitte 20, wohnen in Stuttgart und führen eine Beziehung mit einem Mann. Wir haben mit ihnen über das Lebensgefühl zwischen Wachsamkeit und Gewöhnung gesprochen und was das mit ihnen macht. Wie schnell aus Vertrauen Misstrauen werden kann. Warum selbst scheinbar harmlose Situationen kippen. Und wieso viele Männer gar nicht merken, in welcher Realität Frauen leben.
Im Gespräch schildern Ana, Magdalena und Céline Erfahrungen, die oft unausgesprochen bleiben. Über eine Generation, die gelernt hat, Grenzen zu setzen – und jetzt feststellt, dass das nicht immer reicht. Und über die Frage, wie man sich Freiheit bewahrt, wenn Vorsicht zur Gewohnheit geworden ist.
„Schon wieder einer“
Vor knapp zwei Wochen erschien das Spiegel-Interview, in dem Collien Ulmen-Fernandes die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich machte. Ana, Magdalena, Céline, was waren eure ersten Gedanken, als ihr davon erfahren habt?
Céline: Meine erste Reaktion war: Wie kann das sein? Bei mir war es eher Schock als Wut. Aber gleichzeitig dachte ich auch: Okay, schon wieder einer. So langsam ist man daran gewöhnt, das schnell in eine Schublade zu stecken und zu denken, schon wieder irgendein Mist.
Magdalena (26) spricht von Übergriffen in ihrem engsten Umfeld. Foto: Christian Hass Stuttgart Lichtgut
Magdalena: Mittlerweile bekommt man beinahe täglich solche Nachrichten mit, also von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, oft auch im engsten Umfeld. Man kann das gar nicht mehr alles verarbeiten und sich so tief reinlesen, weil dann schon wieder was Neues kommt. Man ist schockiert, aber es hält nicht lange an.
Ana: Für mich ist das eine Dualität. Einerseits finde ich es gut, dass immer mehr über solche Themen gesprochen wird. Aber andererseits ist es frustrierend, dass es wirklich jemand neben dir sein kann. Ich glaube, jede von uns kennt jemanden oder hat selbst sexualisierte Gewalt erlebt.
Céline: Und gleichzeitig war es eine Erinnerung daran, dass wirklich alles, was man ins Internet stellt, missbraucht werden kann.
„Ich kann niemandem so richtig trauen“
Christian Ulmen galt lange als progressiv, als jemand, der sich für Gleichberechtigung einsetzt, quasi als „Vorzeige-Feminist“. Macht das für euch einen Unterschied, dass ausgerechnet so jemand zum Täter werden kann?
Magdalena: Ich kann keinem Mann so richtig trauen, den ich nicht persönlich kenne. Selbst wenn man einen Mann persönlich kennt, weiß man immer noch nicht, was passiert. Im Endeffekt kann man leider so gut wie niemandem richtig trauen.
Céline (24) spricht von Schock und Wut – aber auch von Ohnmacht. Foto: Christian Hass Stuttgart Lichtgut
Ulmen, Epstein, Pelicot – haben diese Fälle euer Männerbild verändert?
Magdalena: Ich bin in einer Beziehung mit einem Mann und fühle mich eigentlich sicher. Aber ich habe schon von Freunden, die mir nahestanden, sexuelle Übergriffe erlebt – vor allem, als ich jünger war und das noch nicht zuordnen konnte. Deswegen überrascht es mich nicht, dass es Männer aus dem nächsten Umfeld sind. Die haben einfach am nächsten Zugriff.
Das heißt für euch gibt es noch sichere Männer? Gibt es für euch einen Unterschied zwischen „den Männern“ und „den Tätern“?
Céline: Diese Fälle haben gezeigt, dass die Gewalt fast immer im engeren Kreis passiert. Doch sobald Menschen dein Vertrauen gewonnen haben, glaubst du nicht, dass es missbraucht wird. Das ist schwer zusammenzubringen. Gleichzeitig braucht es das Vertrauen, damit Beziehungen funktionieren.
Ana: Für mich sind nicht alle Männer gleich Täter. Aber ich passe schon sehr auf. Zum Beispiel, wenn ich nachts allein unterwegs bin oder neue Männer kennenlerne. Das Misstrauen ist immer da.
Ana (25) erzählt von einem Alltag, in dem sie das ständige Misstrauen begleitet. Foto: Christian Hass Stuttgart Lichtgut
Céline: Und vor Männern hat man deutlich mehr Angst. Ich würde mich wohler fühlen, wenn mir nachts eine Frau begegnet. Also ja, für mich ist jeder fremde Mann ein potenzieller Täter.
Magdalena: Ich merke, dass ich meinen Partner mehr beobachte, vor allem in Streitsituationen. Aber an sich zutrauen würde ich es ihm niemals, ansonsten wäre ich auch nicht mehr mit ihm zusammen.
„Du verlässt nie wieder ohne mich die Sauna“
Ihr beschreibt eine Welt, in der man grundsätzlich vorsichtig sein muss. Sprecht ihr mit euren Partnern über diese ständige Wachsamkeit? Über diese Fälle und darüber, wie sie euer Leben beeinflussen?
Magdalena: Ja, aber nur, weil ich es anspreche. Mir ist wichtig, dass mein Partner sich zumindest ein bisschen feministisch bildet.
Hast du das Gefühl, er kann das wirklich greifen? Also verstehen, was das mit dir macht?
Magdalena: Ich glaube nicht. Wahrscheinlich auch, weil so gut wie alle, die hier sitzen, schon irgendeine Art von sexuellem Übergriff erlebt haben. Solche Nachrichten triggern vielleicht dann auch was in einem. Bei meinem Partner triggert das nichts, weil er noch nichts in der Richtung erlebt hat.
Céline: Bei mir ist es anders. Diese Fälle, die in den Nachrichten kamen, da hat mein Partner mich drauf aufmerksam gemacht. Die Erfahrungen, die ich als Frau mache, teile ich mit ihm. Vor einiger Zeit waren wir zusammen in der Sauna. Als mein Freund die Sauna verlassen hat, wurde ich direkt blöd angemacht. Da habe ich ihm gesagt: Hey, du verlässt nie wieder ohne mich die Sauna. Er war ungläubig und konnte sich das gar nicht vorstellen. Da habe ich gesagt: Hör mir doch erstmal zu und schenk mir deinen Glauben. Stell nicht in Frage, was ich dir gerade mitteile.
Ana: In solchen Fällen will man nicht, dass der Partner kämpft oder irgendwas. Man will nur Unterstützung haben und das Gefühl, dass einem wirklich zugehört wird.
Céline: Es liegt auch manchmal am Ego von Männern. Gerade wenn sie in eine Situation kommen, in der sie sich vielleicht nicht richtig verhalten haben, wollen sie sich das oft nicht eingestehen. Sie wollen dann gar nicht wahrhaben, dass sie sich gerade sexistisch verhalten haben. Da frage ich mich dann: Was ist wichtiger? Dein Ego oder das, was gerade passiert ist?
Magdalena: Männer mussten sich ja nie mit diesen Ungerechtigkeiten auseinandersetzen. Da gibt es eine Diskrepanz. Sie stellen sich jetzt Fragen, mit denen wir uns schon vor Jahren beschäftigt haben.
Das kann überfordernd sein. Viele Männer wissen gerade nicht, was das richtige ist, was können sie denn jetzt konkret tun, damit sich Frauen sicherer fühlen?
Magdalena: Frauen zuhören, Frauen glauben. Und den Mund aufmachen, vor allem, wenn Freunde dumme Witze machen. Mit einem sexistischen Witz fängt es an. Ich arbeite oft mit Männern zusammen und habe so oft Diskussionen geführt, weil alles „nur ein Witz“ war. Man steht dann oft alleine da.
Céline: Aber nicht nur im Freundeskreis, in dem man sich wohl fühlt. Sondern auch im Arbeitsumfeld, wenn zum Beispiel Vorgesetzte oder Kollegen was raushauen. Wie oft wird versucht, sich hinter Humor zu verstecken. Das entzieht die Verantwortung. In vielen Situationen denke ich: Jetzt stell dir mal vor, die Seiten würden wechseln.
„Jetzt sprechen wir, um was zu verändern“
Ihr habt gerade davon gesprochen, dass Männer andere Männer zur Rechenschaft ziehen müssen. Aber tauschen sich auch Frauen untereinander mehr aus, gerade durch diese Fälle? Kann das auch etwas Empowerndes haben?
Ana: Ich war richtig überrascht von meiner kleinen Schwester. Sie hat schon mit zwölf angefangen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. In dem Alter habe ich mit Barbies gespielt. Ich glaube, es kommt immer früher vor, dass Mädchen und Frauen darüber reden, was super und wichtig ist.
Céline: Und wenn es thematisiert wird, dann mit einer Stärke. Nicht so, wie meine Mutter und ihre Cousine das unter den Tisch kehren mussten. Die haben sich das nur erzählt, damit die andere Bescheid weiß, aber nicht, weil sich dadurch was ändert. Jetzt sprechen wir, um was zu verändern.
Eure Generation ist mit #MeToo aufgewachsen, hat gelernt Grenzen zu setzen und muss jetzt feststellen, dass das nicht reicht. Deepfakes schaffen eine völlig neue Dimension digitaler Gewalt. Sprechen wir hier von einer neuen Normalität?
Céline: Ich glaube schon. Deepfakes sind so realistisch, dass man weder seinen Ohren noch seinen Augen trauen kann. Ich merke, wie ich immer skeptischer werde und mir lieber dreimal überlege, was ich ins Internet stelle.
Ana: Ich glaube, die neue Realität kommt noch. Das ist erst der Anfang. Wir können uns wahrscheinlich kaum vorstellen, was noch kommt. Männer werden immer Wege finden, ihre Macht zu missbrauchen.
„In Deutschland gibt es so einen großen Täterschutz“
Was müsste sich denn gesetzlich und gesellschaftlich ändern, damit sich zumindest etwas verbessert?
Magdalena: Die Strafmaße bei sexueller Gewalt sind viel zu niedrig. Die Einstellungsquote bei Vergewaltigungen ist extrem hoch. Da wird Frauen nicht geglaubt. Im Fall Fernandes wird das Verfahren ja jetzt von Spanien nach Deutschland gebracht, weil die Anwälte wissen, dass in Deutschland das Strafmaß lächerlich ist. Wie kann das sein, dass es in Deutschland so einen unglaublichen Täterschutz gibt?
Céline: In Frankreich hat der Fall Pelicot dazu geführt, dass „Nur Ja heißt Ja“ jetzt Gesetz ist. Das wünsche ich mir auch in Deutschland.
Ana: Kinder müssen ganz früh lernen zu respektieren. Nicht nur zu Hause, sondern auch im Kindergarten und in der Schule.
„Ich kann mir diese Welt nicht mehr vorstellen“
Glaubt ihr, man kann sich vor dieser Gewalt überhaupt schützen? Wird sich das in eurem Leben noch grundlegend ändern?
Céline: Ich glaube nicht. Es wird immer ein Ungleichgewicht geben.
Magdalena: Solange in so vielen Männerköpfen diese Gedanken sind, dass man Frauen besitzen kann, kann man sich nie komplett schützen. Dass wir die Abschaffung des Patriarchats erleben, kann ich mir nicht vorstellen.
Ana: Ich sehe auch ein großes Problem in Künstlicher Intelligenz. Männer werden immer wieder Wege finden, Gewalt gegenüber Frauen auszuüben.
Dann zum Abschluss: Wie sähe für euch eine Welt aus, in der ihr euch wirklich sicher fühlt?
Céline: Eine Welt, in der ich mich auf meinem (Heim-)weg nicht ständig umdrehen und Angst haben muss.
Magdalena: Eine Welt, in der wir keinen Standort teilen müssen, wenn wir uns mit einem fremden Mann treffen.
Ana: Eine Welt, in der ich einfach nur sein kann. In der ich mich als Frau frei uns sicher bewegen kann.
(Pause)
Ana: Aber ehrlich? Ich kann mir diese Welt nicht mehr vorstellen. Für mich fühlt sich das wie eine Utopie an.
Anmerkungen der Redaktion:
Du bist männlich, zwischen 20 und 30 Jahre und hast Lust, dich mit uns über die angesprochenen Themen auszutauschen? Dann melde dich gerne unter stadtkind-stuttgart@mhs.zgs.de
In Deutschland läuft eine Debatte über digitale Gewalt gegen Frauen. Hintergrund ist eine „Spiegel“-Recherche über Vorwürfe der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes, die ihren Ex-Mann, den Schauspieler und Produzenten Christian Ulmen, laut dem Nachrichtenmagazin wegen „Anmaßung des Personenstands, öffentlicher Beleidigung, Offenlegung von Geheimnissen, wiederholter Körperverletzung im familiären Näheverhältnis und schwerer Bedrohung“ angezeigt hat.
Ulmens Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an, bei der es sich „in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung“ handle. Zudem würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet“, wie es in einem veröffentlichten Informationsschreiben heißt. Eine Anfrage unserer Zeitung zu den erhobenen Vorwürfen ließ die Kanzlei unbeantwortet. Ein in Spanien geführtes Ermittlungsverfahren befindet sich in einer sehr frühen Phase. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe sieht einen Anfangsverdacht gegen Ulmen. Strafrechtlich gehe es um den Vorwurf der Nachstellung. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Hilfe und Informationen
Hilfe „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 (kostenlos, anonym, 24/7)