Nach zwölf Jahren bei Bosch Vom Ingenieur zum Alpaka-Therapeuten – 37-Jähriger wagt den Neustart

Patrick Stellmach und seine Alpaka-Männchen. Foto: Simon Granville

Patrick Stellmach aus Vaihingen an der Enz hat seinen Beruf bei Bosch an den Nagel gehängt und hat eine Alpaka-Farm aufgebaut – schon während Corona dachte er darüber nach.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Dass Patrick Stellmach bis Ende letztes Jahr im Bosch-Großkonzern gearbeitet hat, daran erinnert heute nur noch wenig. Stoffhose, Polo-Hemd und seinen Werksausweis hat er gegen Arbeitskleidung und feste Schuhe getauscht, auf seinen Hosenbeinen sind die Haare seiner Alpakas und die seiner Hündin auszumachen. Statt Excel-Tabellen zu befüllen oder Datenmodelle zu erstellen, veranstaltet der 37-Jährige heute nach zwölf Jahren im Bosch-Konzern Alpaka-Wanderungen, Kindergeburtstage oder betreut Yoga-Kurse mit seinen kuscheligen Vierbeinern.

 

Im vergangenen Jahr hatte Bosch angekündigt, konzernweit mehrere Tausend Arbeitsplätze abzubauen. Auch in der Entwicklung in Schwieberdingen fallen Stellen weg, bislang ist von etwa 700 Stellen die Rede – zum Teil über Abfindungsangebote. Die Höhe der Abfindungen richtet sich nach dem Alter der Mitarbeiter, der Betriebszugehörigkeit und der Position, meist wurden sechsstellige Beträge ausgezahlt. Als sich Patrick Stellmach im September vergangenen Jahres nach der Abfindung erkundigt, ist er kurze Zeit darauf, Ende November, schon das letzte Mal an seinem Arbeitsplatz in Schwieberdingen. Wie kam es bei Patrick Stellmach zu dem ungewöhnlichen Jobwechsel?

Geboren und aufgewachsen im Harz, kam Stellmach nach seinem Abitur in den Südwesten, um bei Bosch eine duale Ausbildung mit Fachrichtung Elektrotechnik zu absolvieren. Schon im Studium verschlägt es ihn damals in die Ferne, er schreibt seine Bachelorarbeit schließlich in Schottland. Später arbeitet er von Chile, Südkorea und Japan aus an Wasserstoffmotoren. „Ich bin in der Zeit viel gereist und gut rumgekommen“, erzählt er. Seine Aufgaben seien „super interessant“ gewesen.

Erste Zweifel, ob er bei Bosch bleiben wolle, seien ihm schon während der Corona-Pandemie vor fünf Jahren gekommen. „Ich weiß seit 2012, dass ich Multiple Sklerose habe“, beginnt er zu erzählen. Das habe ihm schon damals die Augen geöffnet, mehr im Moment zu leben. „Als sich 2020 meine damalige Frau von mir getrennt hat, habe ich mich gefragt, wofür ich das alles mache.“ Wenn alles wegbreche, worüber man sich identifiziere, frage man sich eben, ob noch richtig ist, was man tut. Doch er hat einen tollen Chef, der ihn seit seiner MS-Diagnose stark unterstützt. „Deshalb bin ich letztlich doch geblieben.“

Erste Zweifel während der Corona-Pandemie

Schließlich lernt er seine jetzige Freundin kennen. Inzwischen haben sie zwei Kinder zusammen, der Ältere geht in den Kindergarten, der Jüngere ist gerade ein halbes Jahr alt. Sie kaufen gemeinsam ein Haus am Ensinger Ortsrand und er bleibt bei Bosch – bis dort der Stellenabbau auch im Schwieberdinger Werk ansteht.

Als er dann vergangenes Jahr mit seiner Familie im Allgäu im Urlaub war, half er beim Scheren der Alpakas auf dem dortigen Hof und kam mit dem Züchter ins Gespräch. „Die Tiere haben mich schon immer fasziniert, aber da ist dann der Funke übergesprungen, mir selbst welche anzuschaffen.“ Zurück aus dem Urlaub habe er sich daher mit seiner Freundin hingesetzt, zusätzliche Wiesen zum Pachten gesucht und einen Businessplan erstellt.

„Am aufwendigsten war die Klärung mit dem Landratsamt, dass wir die zusätzlich gepachteten Wiesen einzäunen dürfen“, erzählt er lachend. Denn einzäunen dürfe man nur innerhalb von Ortschaften, nicht am Ortsrand. Am Ende vermittelte der Vaihinger Oberbürgermeister, der sich selbst Schafe angeschafft hatte und sich durchs Dickicht der deutschen Bürokratie zu manövrieren wusste. Um zudem Therapiestunden für Demenzkranke, Menschen mit Burnout oder Depressionen sowie Kinder mit ADHS anbieten zu können, hat sich Stellmach zum Alpaka-Therapeuten ausbilden lassen. „Gerade wer zurückhaltender ist oder sich zurückzieht, bei dem können Tiere viel auslösen.“

Stellmach betont, dass er nicht im Bösen mit Bosch auseinandergegangen ist. „Ich hatte super Kollegen und tolle Chefs – aber irgendwann hat es sich einfach nicht mehr richtig angefühlt.“ Der Bereich, in dem er gearbeitet habe, sei zwar wahnsinnig interessant, „aber mir hat das direkte Feedback gefehlt“. Man bekomme nicht mehr mit, wenn das Produkt fertig ist. Von seinen Wallachen und Stuten bekommt er das Feedback umso mehr, das sei eine ganz andere Arbeit als Exceltabellen zu befüllen oder Datenmodelle zu berechnen. Anfangs waren die Tiere noch schüchtern, erzählt er. „Aber wenn man jeden Tag mit ihnen zusammen ist, merkt man schon, dass man eine Bindung zu ihnen aufbaut.“ Er schätze zudem ihre freundliche Ausstrahlung, „dass man immer ein Lächeln zurückbekommt – anders als bei Menschen.“

Patrick Stellmach beim Füttern seiner Alpaka-Weibchen. Foto: Simon Granville

Und auch wirtschaftlich gesehen ist Stellmach bisher zufrieden: „Dass es sich nach knapp zwei Monaten schon trägt, freut mich sehr.“ Und es scheint, als bleibe das erst einmal so. Für die kommenden Wochen sind weitere Kindergeburtstage gebucht, Schulklassen haben sich angekündigt.

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