Mit 350 Stunden Vorarbeit und 34.940 Legosteinen hat Martin Schaal die Esslinger Stadtkirche nachgebaut. Doch er wird das Modell wieder zerstören. Warum?
Sie sehen aus wie Zwillinge – aber keine eineiigen. Denn der Nachbau der Esslinger Stadtkirche ist viel kleiner als das Original. Im Maßstab 1:75 hat Martin Schaal St. Dionys im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ mit Legosteinen nachmodelliert. Dabei kamen auch Skistöcke und rosa Steine zum Einsatz.
Mit einem schlechten Deal fing es an. Seine beiden Kinder, erzählt der Konstrukteur vor dem Bau-Event, wurden erwachsen, wollten aus dem Elternhaus ausziehen, wussten nicht, wohin mit ihren Legosteinen. Aus einer Laune heraus bot er einen Kauf an – 15 Euro für ein Kilo. Der Vorschlag kam ihn teuer zu stehen: „Ich wusste nicht, dass sie so viele Steine hatten.“ Über 500 Euro musste er hinblättern. Versuchsweise hat der Physiker aus Renningen im Kreis Böblingen damals ein paar Steine ineinander gesteckt.
Inzwischen sind es ein paar mehr geworden. Für das Modell der Stadtkirche brauchte er 34 940 Legosteine. Aber das sind Peanuts im Vergleich zu seinen beiden größten Projekten. Für eine Nachbildung des Ortskernes der englischen Gemeinde Knaresborough waren 95 000 Klemmbausteine nötig. Der Bahnhof des hessischen Bebra erforderte 60 000 Legosteine. Doch St. Dionys ist mit 78,4 Zentimetern sein höchstes Projekt.
Skistöcke wurden im Modell der Esslinger Stadtkirche mitverbaut
Sogar Skistöcke hat er mit verbaut. Lego, so berichtet der 69-Jährige im Stadtmuseum, hat auch viele kleine Figuren im Sortiment. Auch auf Skiern und mit Skistöcken gibt es welche. Die konnte er für seinen Nachbau der Stadtkirche gut gebrauchen. Er benutzte sie als Fialen, jene schlanken, spitzen Türmchen auf den Strebepfeilern des Gotteshauses. Die Legofiguren hat er für sein Modell zwar ihrer Skistöcke beraubt – doch wegwerfen musste er sie nicht. Seine Ehefrau sammelt die Figuren, stellt sie in Vitrinen und sorgt so für ein Recycling.
Doch die acht Skistöcke machen nur einen kleinen Teil des Stadtkirchen-Nachbaus aus. Das Modell ist 93,6 Zentimeter lang, 43,2 Zentimeter breit, etwa 23 Kilo schwer. Die 34 940 Legosteine hat Martin Schaal nicht einzeln mit ins Stadtmuseum gebracht: „Das wäre eine zu große Menge gewesen und das Zusammenbauen hätte viel zu lange gedauert.“ Darum hat er einzelne Module geschaffen und etwa die Südfront, den Chor oder Dachelemente im Voraus modelliert.
Die Einzelelemente steckt er im „Gelben Haus“ zusammen. In Innenteilen der Stadtkirche stechen rosafarbene Legosteine ins Auge. Er habe nur eine begrenzte Anzahl an beigen Steinen vorrätig, erklärt Martin Schaal, und die brauchte er für den Außenteil und die Fassade der Kirche. Fürs Innere mussten auch andere Farben her. Macht aber nichts. Sie sind im fertigen Modell nicht zu sehen.
Martin Schaal beweist im Esslinger Stadtmuseum Entertainerqualitäten
Perfektion ist Martin Schaal bei allem Humor wichtig. Er ist ein selbstbewusster Mann mit Unterhaltungspotenzial und Entertainerqualitäten. Die Aussage, er unterwerfe sich willenlos den Wünschen seiner Community, nimmt man ihm nicht so recht ab. Unter dem Namen „Der alte Mann und der Stein“ sei er auf YouTube, Linkedin, Instagram und anderen sozialen Medien unterwegs, und seine Follower dürften Vorschläge zu Motiven für Lego-Nachbauten machen. Oft würden Eisenbahnloks gewünscht, aber auch Gebäude seien darunter.
Vor einigen Jahren kam der Wunsch nach einem Esslinger Nachbau auf. Da habe er Teile der Altstadt nachgebildet. Die Eßlinger Zeitung hatte damals über ihn berichtet, Verantwortliche der Städtischen Museen wurden auf ihn aufmerksam, so kam der Kontakt zustande.
Gut 350 Stunden hat er für Skizzen, Baupläne, Vorarbeiten in das Projekt St. Dionys gesteckt. Dennoch – für die Ewigkeit ist das Modell nicht. Bis Sonntag, 5. Oktober, wird es im „Gelben Haus“ gezeigt. Dann wird es – wie viele seiner Vorgänger – auseinandergebaut. Akribisch wird das kleine Kunstwerk in seine 34 940 Einzelteile zerlegt und jeder einzelne Legostein entsprechend seiner Größe und Farbe in eine Box gelegt – Material für neue Bauvorhaben. Vier Zimmer seines Hauses in Renningen seien durch sein Hobby belegt, sagt Martin Schaal. Die insgesamt 500 000 Legosteine aus seinem Fundus nehmen viel Platz ein.
Raum für Modelle habe er da nicht. Doch was macht er, wenn ihm die Stadt Esslingen oder ein Liebhaber der Stadtgeschichte ein Angebot für sein Modell macht, das er nicht ablehnen kann? Da schüttelt er den Kopf. Kommerzialisieren will er seine Leidenschaft nicht. Geld würde ihm den Spaß am Bauen nehmen. Museumschef Hansjörg Albrecht scheint bei dieser Aussage verschmitzt zu lächeln. Hat er einen Plan für den Erhalt des Stadtkirchenmodells?
Martin Schaals große Leidenschaft
Person
Der 69-jährige Martin Schaal aus Renningen hat als studierter Physiker Softwareprojekte für Bahnbetriebe rund um den Globus entwickelt. Aufgabe war es dabei, Zügen per Software freie Fahrt zu geben und die signaltechnische Sicherheit zu beachten. Im Ruhestand widmet sich der Vater zweier Kinder seinem Legohobby.
Pläne
Martin Schaal träumt von einem Nachbau der Esslinger Maschinenfabrik mit Legosteinen. Das Vorhaben sei aber schwer zu verwirklichen, da es nur noch wenige Zeitzeugen gebe, die genauen Aufschluss über das Aussehen geben könnten.