Nachhaltige Architektur Natürlich bauen mit Lehm, Holz und Stroh

Zweites Leben für einen Heustadel: Bücherei in Kressbronn am Bodensee. Der preisgekrönte Entwurf stammt von Steimle Architekten in Stuttgart. Foto: Brigida Gonzalez/Steimle Architekten

Bauten fressen Ressourcen und treiben die Klimakrise voran. Drängender denn je lautet die Frage: Wie kann Architektur nachhaltiger werden? Die einen setzen auf Baustoffe wie Holz, Lehm und Pflanzenfasern, die anderen fordern eine neue Einfachheit.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Holz kann sogar Hochhaus. Das „Buggi 52“ hat acht Stockwerke und ist bis auf Keller und Erdgeschoss Holz pur. Sogar Treppenhäuser und Aufzugschacht des von Weissenrieder Architekten geplanten Wohn- und Geschäftshauses in Freiburg wurden aus nachhaltigem Schwarzwald-Holz konstruiert.

 

Damit läuft das „Buggi 52“ dem durch die Bundesgartenschau bekannt gewordenen Holz-Mehrgeschosser „Skaio“ in Heilbronn den Rang ab, der mehr Betonanteile als der badische Konkurrent hat.

Holz, ob nun mehr oder weniger hybrid – ganz ohne Beton fürs Fundament geht es nicht –, ob beim Mehrfamilienhaus, Gewerbebau oder beim ganz privaten Eigenheimtraum, ist im Höhenflug. Das hat seinen Grund: Der Naturbaustoff ist ein echter Nachhaltigkeitsstreber, denn er wächst nicht nur nach, sondern entzieht dabei auch der Atmosphäre das schädliche Treibhausgas Kohlendioxid und kann zudem wiederverwendet werden. Beton und Stahl hingegen gelten mit ihrer CO2-intensiven Herstellung und Verarbeitung als Klimakiller.

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Im Ausland wachsen die neuen Holztürme noch viel weiter in den Himmel als hierzulande. Unter Ländern wie Norwegen, Österreich, Australien und den USA ist ein regelrechtes Wetteifern um den Holz-Höhenrekord entbrannt. Holz ist der Baustoff der Stunde – denn das Gebot der Stunde lautet in Zeiten des sich akut zuspitzenden Klimawandels: Nachhaltigkeit. Und Bau und Betrieb von Gebäuden sind mit rund 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen nun einmal mit die größten Treiber der Klimakrise. Der Bausektor übertrumpft in diesem Punkt gar den Flugverkehr und ist zudem für rund 50 Prozent des Müllaufkommens verantwortlich.

Die Bauwende muss kommen

Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, muss eine Baurevolution her. „Bauwende jetzt“, lautet die Parole beispielsweise des Vereins Architects for Future, der unter anderem ein eigenes Bundesbauministerium einklagt – eine Forderung, der die Ampel-Parteien der künftigen Regierung nicht zuletzt aus Klimaschutzgründen jetzt nachkommen wollen.

Ehrwürdige Architekturinstitutionen wie der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, die Bundesarchitektenkammer wie auch ihre Landes-Ableger sowie engagierte Planerinnen und Planer haben längst Deklarationen und Manifeste verfasst und sich dem ökologischen Umsteuern verschrieben.

Absichtserklärungen sind das eine, der Architekturalltag ist das andere. Was ist Anspruch, was ist Wirklichkeit? Mit welchen Herausforderungen konfrontiert die angestrebte Wende die Architektenschaft? Nachhaltig bauen – wie funktioniert das überhaupt? Wie sehen vielversprechende Ansätze aus?

Holz-Kita in Stuttgart

Holz zählt auch für das Stuttgarter Büro Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten zu den bevorzugten Baustoffen, so etwa auch bei der im Jahr 2020 fertiggestellten „Kita im Park“ im Stuttgarter Osten: In einem satten Rubinrot, komplementär zum dunklen Grün des Baumbestands ringsum, präsentiert sich der Holzbau der Kindertagesstätte und überzeugt durch seine schlichte Klarheit – dafür erhielten die Architekten soeben den Hugo-Häring-Landespreis.

Ihr Büro strebe maximale Nachhaltigkeit an, sagt Liza Heilmeyer, die auch Landesvorsitzende des BDA Baden-Württemberg ist. Doch Architektur, macht sie klar, ist ein „träges Geschäft“ und dabei auch eines, in dem Zeit bares Geld ist. Um nachhaltige Materialien und Methoden einzusetzen, müssten diese leicht verfügbar sein, argumentiert die Architektin. Doch genau diese selbstverständliche Verfügbarkeit der klimafreundlicheren Alternativen sei momentan häufig noch nicht gegeben, zumal diese deutlich teurer seien.

Holz ist Mangelware, Lehm gibt es reichlich

„Gerade jetzt, wo alle viel und schnell bauen sollen, greift man dann doch wieder auf bewährte Systeme zurück“, beschreibt sie das Dilemma. Auch würden gängige Marktmechanismen, etwa die europaweite Ausschreibung von Leistungen beim Bauen, Nachhaltigkeitsziele wie die lokale Wertschöpfungskette konterkarieren, wenn dadurch etwa energieintensive Transporte anfielen.

Holz ist schön und gut, aber kein Allheilmittel, denn es gibt zu wenig davon. Das haben Experten wie Werner Sobek errechnet, weshalb der Bauingenieur auch vehement für Aufforstung plädiert. Ein ökologischer Baustoff, der nahezu auf jeder Baustelle der Welt und in reichlicher Menge vorkommt, ist Lehm. Doch der hat einen schlechten Ruf. Zum einen, weil ihm das Etikett des Simplen, Ruralen und Ärmlichen anhaftet, zum anderen, weil er vergleichsweise viel menschliche Arbeitskraft erfordert, was ihn teuer macht.

Die Lehmbaupionierin Anna Heringer

Dabei ist Lehm ein exzellenter Klimaregler im Sommer wie im Winter. Er absorbiert Gerüche, dämmt den Schall, ist zu 100 Prozent recycel- und wiederverwertbar. Nachhaltiger geht kaum. Anna Heringer gilt in Deutschland als Lehmbaupionierin. Unermüdlich wirbt die Architektin für das Material, hat für ihre internationalen Projekte zig hochkarätige Preise eingefahren. Lehm und Holz hat sie auch bei ihrem jüngsten fertiggestellten Gebäude, gemeinsam mit dem österreichischen Lehmbau-Experten Martin Rauch, zu einem sinnlich-natürlichen Ganzen zusammengeführt.

Stampflehmwände, Lehmputz, Lehmkaseinböden: Ihr Gästehaus für das Ayurveda-Zentrum Rosana in Rosenheim setzt das Naturmaterial in verschiedenen Spielarten ein. Dazu kommt unbehandelte Weide aus den Flussauen der Mangfall vor der Haustür, die einen Teil der Fassade verkleidet und das von einer Holzkonstruktion getragene Haus wie ein Nest erscheinen lässt.

Lehmbau geht auch in Groß

Dass Lehm nicht nur zur Beherbergung von Geist-und-Körper-Wellness-Suchenden taugt, sondern flexible, zukunftsgerichtete Arbeitswelten umhüllen kann, beweist der 2019 fertiggestellte Hauptsitz des Bio-Lebensmittelunternehmens Alnatura, den das Stuttgarter Architekturbüro Haas Cook Zemmrich Studio 2050 mit der größten Stampflehmfassade eines Bürobaus in Europa ausgestattet hat. Lehmbau, das geht, wie man in Darmstadt sieht, auch in Groß.

Auch mit Hanf, Bambus, Stroh, Schilfrohr, Weide, Rattan und Rinden können klimabewusste Planer und Bauherren einen Bogen um herkömmlichen Beton und andere Treibhausgas-Treiber machen. Die Naturfasern haben gegenüber Holz den Vorteil, dass sie schneller wachsen. Stroh, Hanf und Schilf benötigen nur ein Jahr bis zur Erntereife.

Die Stuttgarter Architektin Dominique Gauzin-Müller ist eine Spezialistin fürs nachhaltige Bauen mit Lehm und Pflanzenfasern; sie setzt sich seit Jahren für einen Ökoschwenk in der Architektur ein. In ihrem Heimatland Frankreich werde weitaus häufiger mit biobasierten Materialien gebaut als in Deutschland, berichtet sie. Beispiel Stroh: 6000 mit dem Agrarprodukt gedämmte Gebäude kann das Hexagon bereits vorweisen, darunter erstaunlicherweise viele Sozialwohnbauprojekte und auch mehr als 100 öffentliche Bauten.

Strohdämmung spart Emissionen

Diesseits des Rheins sind es nur 450 Bauten, fast ausschließlich Ein- und Zweifamilienhäuser, wie Gauzin-Müller weiß. Der deutsche Fachverband Strohballenbau informiert, dass Strohdämmung ein Haus zwar um zwei bis acht Prozent teurer mache als herkömmliche Bauweisen, dabei aber die Emissionen von bis zu 400 000 gefahrenen Autokilometern einspare. Wer Eigenheim-Pläne hegt, könnte sich diese Zahlen einmal durch den Kopf gehen lassen.

Dass in schnell nachwachsenden und zudem regional verfügbaren Baustoffen zumindest ein Teil der Lösung liegt, davon sind auch die Architekturforscher Jan Knippers und Achim Menges von der Universität Stuttgart überzeugt. Sie nutzen die Natur nicht nur als Materiallager, sondern nehmen sie auch als Baumeister zum Vorbild. Bei Kakteen etwa macht die Biologie vor, wie ein Viel an Konstruktion zu wenig Materialverbrauch führen kann. Denn die innere netzartige Holzstruktur der stacheligen Pflanzen ist leicht, aber zugleich stabil und belastbar.

Wie Boten einer unbekannten Galaxie

Dieses architektonische Schmalhans-Prinzip ahmen die Forscher aus Stuttgart, die sich mit Freiburger Kollegen zusammengetan haben, bei dem revolutionären „livMatS-Pavillon“ in Freiburg nach. Dies gelingt, indem Flachsfasern eingesetzt werden und Entwurf wie auch Bauprozess komplett digitalisiert und robotisch vonstattengehen.

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Noch sind solche bioinspirierten Leichtbauten von der täglichen Baupraxis weit entfernt, muten mit ihren expressiv-exotischen Formen an wie Boten einer unbekannten Galaxie. Doch die Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck daran, ihre hocheffizienten Konstruktionen massentauglich zu machen.

Das Bauen muss einfacher werden

Das Material ist mitentscheidend, um das Bauen nachhaltiger zu machen, doch es gibt viele weitere Stellschrauben. Der Münchner Architekt Florian Nagler etwa hält vor allem die technische Hochrüstung von Gebäuden und ihre zunehmend komplexeren Bauweisen für einen Irrweg. „Einfach bauen“ heißt sein Rezept für langlebige, umweltverträgliche Häuser; zukunftsfähige Architektur müsse auf das Wesentliche reduziert sein.

An drei Versuchshäusern in Bad Aibling überprüft er im Rahmen einer Langzeitstudie seine Thesen. Eines wurde aus Holz, eines aus Beton und eines aus Ziegeln errichtet. Wand, Decke und Fenster wurden so angeordnet, dass sie vorteilhaft für Raumklima und Energieverbrauch sind. Aus 2600 Simulationen ermittelte Nagler den optimalen Wohngrundriss. Nur robuste, einfach zu bedienende und austauschbare Technik kam zum Einsatz. Die Hochrechnungen sind eindeutig: Bei einer angenommenen Nutzungsdauer von 100 Jahren sind die Ökobilanzen der Drillinge von Bad Aibling deutlich besser als die von Standard- und auch Passivhäusern. Einfach ist das neue Gut.

Wie hässliche Hochhäuser neue Wohnqualitäten erhalten

Das größte Nachhaltigkeitspotenzial aber hat ein Gebäude, das gar nicht erst gebaut wird, weil Ressourcen, Energie und Flächen eingespart werden. In Verzicht muss sich die Architektenschaft deshalb nicht üben, vielmehr gilt es, das Augenmerk verstärkt dem Bestand zuzuwenden und, wo immer möglich, Vorhandenes um- und weiterzubauen oder als Quelle von Recyclingmaterial zu nutzen.

Wie man mit einfachen Mitteln marode Sozialwohnungshochhäuser mit neuen Raumqualitäten ausstatten kann, etwa durch vorgehängte Wintergärten, demonstriert das französische Büro Lacaton & Vassal, das für seine vorbildliche ökologisch-soziale Architekturhaltung den Pritzker-Preis erhielt.

Ein kleines, aber umso gelungeneres Beispiel für die Transformation von Bestand findet sich in Kressbronn am Bodensee. Dort ist eine Bücherei in einen Heustadel gezogen. Steimle Architekten aus Stuttgart erneuerten den Sockel der fast 100-jährigen Scheune und platzierten darauf den restaurierten Holzdachstuhl. Im offenen Tennengeschoss liegt nun der Lesesaal: Schmökern mit Heuboden-Feeling. Der Umbau wurde mit dem Hugo-Häring-Landespreis geehrt. Architektur, die gut für die Umwelt ist, kann schön sein. Vielleicht die wichtigste Botschaft überhaupt, damit die Nachhaltigkeitswende beim Bauen schnell gelingt.

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