Seit 15 Jahren unterstützt Meike Iwanek Kinder und Jugendliche mit Geduld und viel Einfühlungsvermögen. Foto: privat
Meike Iwanek aus Dagersheim begeistert seit 15 Jahren als Mathe-Nachhilfelehrerin. Trotz TAR-Syndrom hilft sie Schülern, Ängste zu überwinden und Selbstvertrauen zu gewinnen.
Seit 15 Jahren erklärt Meike Iwanek Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zahlen, Brüche und Gleichungen. Doch oft geht es in ihrem Wohnzimmer in Dagersheim um weit mehr als Mathematik: um Selbstvertrauen, Lebensgeschichten – und manchmal darum, die Angst vor der nächsten Klassenarbeit zu verlieren.
„Mathe war schon immer mein Rückzugsort“, sagt Iwanek. „Die Mathematik kann einen nicht enttäuschen. Eins plus eins ist immer zwei.“ Schon als Jugendliche entdeckte sie ihre Begeisterung für Zahlen. Eigentlich wollte sie Mathelehrerin werden. Doch davon wurde ihr abgeraten – wegen der Tafel und dem Schreiben. Denn Meike Iwanek kam mit verkürzten Armen zur Welt, dem sogenannten TAR-Syndrom.
Statt Lehramt machte sie eine Ausbildung im IT-Bereich. Nebenbei gab sie immer wieder Nachhilfe. „Mein Mathelehrer hat damals über mich gesagt: Je schwerer die Aufgabe, desto leuchtender ihre Augen.“ Wie sehr sie Zahlen faszinieren, merkt die Dagersheimerin auch heute noch im Alltag. „Wenn ich Kopfweh habe und eine Matheaufgabe rechne, geht der Schmerz tatsächlich oft weg“, sagt sie und lacht.
Vor 15 Jahren fasst sie schließlich einen Entschluss. „Ich hatte damals Zeitverträge und dachte: jetzt mache ich mich einfach selbstständig.“ Ganz bei null begann sie nicht. Einige Schüler hatte sie bereits, und bald sprach sich ihre Arbeit herum. Heute kommen Kinder von der Grundschule bis zum Abitur zu ihr. Manche ihrer Schüler kennt Meike Iwanek sogar schon in zweiter Generation. „Als Jugendliche habe ich meiner Nachbarin für fünf Mark Nachhilfe gegeben“, erzählt die 49-Jährige. „Und Jahre später hatte ich ihren Sohn bei mir.“
Im Laufe der Jahre hat sich ihre Arbeit verändert. Früher sei es meist ausschließlich um Mathematik gegangen. Heute brächten viele Kinder noch andere Herausforderungen mit. „Man merkt schon, dass sie häufig mit einem ganzen Paket kommen“, sagt die Mathe-Nachhilfelehrerin. Konzentrationsprobleme, familiäre Belastungen oder einfach fehlendes Selbstvertrauen. Auch das Lesen spiele eine immer größere Rolle. Manchmal scheiterten Aufgaben schon an einzelnen Begriffen. „Eine Schülerin wusste nicht, was eine Talsohle ist – und konnte deshalb die ganze Aufgabe nicht lösen.“
Auf Youtube gibt Meike Iwanek Einblicke in ihren Alltag. Foto: privat
Deshalb versucht Iwanek, Mathematik möglichst nah an die Lebenswelt der Kinder zu bringen. Ein Skater lernte, einen Hochpunkt zu berechnen, anhand einer Halfpipe. „Wenn die Mathematik etwas mit dem Alltag zu tun hat, verstehen viele sie plötzlich“, sagt die Dagersheimerin. Neben fachlicher Hilfe spielt für die Lehrerin noch etwas anderes eine große Rolle: Selbstvertrauen. „Viele Kinder glauben, dass sie zu dumm für Mathe sind“, sagt sie. Gerade Mädchen unterschätzten sich häufig. Dann werde viel gelobt – manchmal bei jedem einzelnen Schritt. Auch kleine mentale Übungen wie Atem- oder Konzentrationstraining gehörten inzwischen dazu. „Eine Schulnote sagt nichts über den Wert eines Menschen aus“, betont sie.
Dyskalkulie überwinden: Mathe für den Alltag lernen
Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Dyskalkulie, eine Rechenschwäche. Sie kann dazu führen, dass Kinder Schwierigkeiten mit Zahlen, Zeit oder Mengen haben. „Manche können nicht mal beim Bäcker bezahlen “, weiß Iwanek. Dann geht es bei ihr im Unterricht nicht um Schulstoff, sondern um die Selbstständigkeit im Alltag. Mit Spielgeld wird bezahlt, Zeiten werden abgelesen und Mengen geschätzt. Wenn Fortschritte sichtbar werden, sei das besonders erfüllend.
Eine Begegnung hat sie bis heute nicht vergessen. Eine Schülerin habe sich früher immer übergeben, sobald sie wusste, dass sie in der Schule Mathematikunterricht hat. „Eines Tages rief mich die Mutter an und sagte: Sie ist heute einfach aus dem Haus gegangen – ohne sich zu übergeben“. Solche Momente seien es, die ihre Arbeit besonders machten. „Dann merkt man: man hat nicht nur Mathe erklärt, sondern Lebensqualität zurückgegeben.“
Meike Iwanek schreibt Mathebücher und liebt schwimmen
Neben der Nachhilfe hat Iwanek auch vier Mathebücher geschrieben. Darin erklärt sie Grundlagen Schritt für Schritt – bewusst ohne komplizierte Fachsprache und lehrbuchunabhängig. „Ich wollte, dass auch jemand ohne großes Vorwissen versteht, wie eine Aufgabe gelöst wird“, sagt die 49-Jährige. Inzwischen unterstützen drei studentische Minijobber sie bei der Nachhilfe. Denn zeitweise war die Warteliste lang.
Wenn Meike Iwanek gerade keine Schüler unterrichtet, verbringt sie ihre Zeit gern mit Freunden oder im Schwimmbad. Schwimmen ist ihre große Leidenschaft. Auch im Alltag ist sie mobil: Ihr Auto hat eine spezielle Fußlenkung.
Für die Zukunft sieht Iwanek ihren Beruf im Wandel. Künstliche Intelligenz könne inzwischen viele Rechenwege erklären. „Vielleicht wird meine Rolle irgendwann noch stärker die einer Lernbegleiterin sein“, sagt sie. Denn eines könne Technik kaum ersetzen: den persönlichen Kontakt. „Viele Schüler sagen mir, dass sie trotzdem jemanden brauchen, der ihnen Dinge erklärt.“ Dass sie diesen Weg eingeschlagen hat, sieht Meike Iwanek heute fast als Fügung. „Ich habe ein körperliches Handicap“, sagt sie. „Und viele Kinder haben ein Mathe-Handicap. Ich weiß wie es ist, wenn man etwas nicht kann. Vielleicht sollten meine Arme genau deshalb so sein, um diese Aufgabe als Mathenachhilfelehrerin gut zu erfüllen.“
Meike Iwanek online und vor Ort
Social Media Meike Iwanek berichtet auch in sozialen Netzwerken aus ihrem Alltag. Auf Instagram unter meike_kurzearme_mutsparks folgen ihr rund 2200 Menschen. Dort teilt sie Fotos und Videos aus ihrem Leben. Auch einen Youtube-Kanal betreibt sie: unter @mathsparksmathenachhilfe veröffentlicht sie kurze Videos – etwa darüber wie sie mit den Füßen schreibt oder mathematische Themen erklärt.