Nachruf auf Franziskus Der unvollendete Papst

Papst Franziskus bei einer Audienz vor seinem Krankenhausaufenthalt Anfang Februar 2025. Foto: AP/Andrew Medichini

Am Ostersonntag tritt Papst Franziskus noch auf dem Petersplatz in Rom auf, nun ist er gestorben. Franziskus geht als Papst der Armen und Papst der Herzen in die Geschichte ein. Sein Stil war vorbildhaft, sein Wirken aber bleibt unfertig.

Familie/Bildung/Soziales: Michael Trauthig (rau)

Nur neun Monate ist Jorge Mario Bergoglio Papst, da kürt ihn das „Time“-Magazin zur Person des Jahres. Der Argentinier habe in kurzer Zeit „die Wahrnehmung und die Ausrichtung einer der größten Institutionen der Welt“ verändert, so die Begründung. Wohl wahr.

 

Der Theologe aus Buenos Aires mischt die Kirche auf, kaum dass er am 13. März 2013 zum 266. Papst gewählt ist. Der damals 76-Jährige lässt sich den roten Umhang mit dem Hermelinbesatz und das goldene Kreuz für das Oberhaupt der Katholiken nicht umlegen. Stattdessen tritt er in schlichtem Weiß auf die Loggia des Petersdoms. Er wählt den Namen Franziskus. Auch das ist eine Provokation. Schließlich hatte der heilige Franz von Assisi die reiche Machtkirche des Mittelalters herausgefordert. Zehntausende in Rom und Millionen vor den Bildschirmen grüßt Franziskus mit einem bescheidenen „Buonasera“. Da spürt die Welt: In der katholischen Kirche wird vieles anders werden.

Kleinwagen statt Nobelkarosse

Der Neue lässt sich nicht in einer Nobelkarosse chauffieren, er sitzt im Kleinwagen. Er packt seine Koffer selbst. Er zieht nicht in den Apostolischen Palast, sondern nimmt Wohnung im Gästehaus des Vatikan. Der Pontifex von heute 1,4 Milliarden Katholiken verweigert sich dem Pomp und den Eitelkeiten der Kurie, ist demütig und bescheiden. Damit sendet Franziskus ein Reformsignal.

Ein alter Mann mit einem gewaltigen Arbeitspensum

Allerdings gibt es zu Beginn auch Zweifel an dem aus einer italienischen Einwandererfamilie stammenden Geistlichen, ist er bei seiner Wahl bereits ein alter Mann und gesundheitlich angeschlagen. Das Atmen bereitet Mühe, weil ein Teil des rechten Lungenflügels in der Jugend entfernt wurde. Drei bis fünf Jahre im Amt gibt er sich selbst. Ein Papst des Übergangs, so scheint es. Doch bald wird berichtet, Franziskus sei ein „Arbeitstier“, sein Pensum gelte als gewaltig. Der Tagesablauf beginne gegen 4.30 Uhr und schließe abends nach vielen Besprechungen und Audienzen.

Auch die Strapazen von Reisen schrecken den Heiligen Vater nicht. Franziskus ist häufiger unterwegs als Benedikt XVI. Mehr als 60 Länder besucht er bis 2024. Er küsst Babys, schüttelt Hände, spricht die Sprache des Volkes. Sechs Millionen Menschen jubeln ihm 2015 bei einer Messe in Manila zu, so viele wie keinem anderen Papst je zuvor.

Die erste Reise führt ihn auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa, wo jährlich Tausende Bootsflüchtlinge anlanden. Dort prangert er die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ gegenüber Migranten an. Die Aufnahme von Flüchtlingen wird ein zentrales Thema seines Pontifikats. Oft nimmt er politisch Stellung, fordert Solidarität für Vertriebene, Hungernde und den globalen Süden. Er äußert Kapitalismuskritik, verlangt Umwelt- sowie Klimaschutz und schließt so an die Botschaften seiner Vorgänger an.

Erstmals redet ein Papst zum Auftakt der UN-Vollversammlung

Akzente setzt der Argentinier mit Premieren: Erstmals redet ein Papst zum Auftakt einer UN-Vollversammlung. Erstmals bereist ein Papst die Arabische Halbinsel, wo Franziskus 2019 den Schulterschluss mit den anderen Religionen sucht. Erstmals seit der Trennung von römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche vor rund 1000 Jahren treffen deren beider Oberhäupter zusammen. Franziskus und Kyrill I. unterzeichnen 2016 ein Friedenspapier auf Kuba. Doch die Aussöhnung verpufft, weil Kyrill später den russischen Angriff auf die Ukraine unterstützt.

Die Kirche möchte der Südamerikaner zu den Menschen führen. Dieses Programm hat er schon als Kardinal im Konklave angekündigt. Eine arme „verbeulte Kirche“ für die Armen, lautet sein Motto. Es brauche „Hirten und keine Funktionäre“. Barmherzigkeit wird zum Schlüsselbegriff für seine innerkirchliche Agenda. Mit Liebe und Verständnis sollen Geistliche den Gläubigen begegnen. Vorschriften, Dogmen und strenge Sexualmoral rücken in den Hintergrund, verschwinden aber nicht. Der Papst pendelt damit zwischen liberalen und konservativen Positionen, verwirrt Freund und Feind.

Das Prinzip hat Methode. In seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ thematisiert Franziskus 2016 Liebe, Familie sowie den Zölibat. „Der Papst ändert keine einzige Lehre, und doch ändert er alles“, urteilt der deutsche Kardinal Walter Kasper. Das befürchten auch konservative Kardinäle. Sie fordern, die Zweifel auszuräumen. Es bleibt bei Vieldeutigkeit.

Sendet Franziskus bewusst widersprüchliche Signale?

Ähnlich macht es Franziskus 2014. Er spricht den großen Reformpapst Johannes XXIII. und den konservativen Johannes Paul II. heilig. Ist das ein genialer diplomatischer Schachzug, wie Experten meinen, oder Ausdruck eigener Unentschiedenheit? Jedenfalls geht es nach diesem Grundsatz weiter: Homosexuelle und Transsexuelle dürfe man nicht diskriminieren, schreibt Franziskus in seiner Autobiografie. Auch die Segnung von Homosexuellen lässt er unter bestimmten Bedingungen zu. Aber er bekräftigt das Nein zur praktizierten gleichgeschlechtlichen Liebe und gibt homophobe Äußerungen von sich. Einerseits lässt er die Amazonas-Synode 2019 wochenlang über eine Lockerung des Zölibats und die Rolle der Frauen in den Gemeinden diskutieren. Andererseits legt er die Erneuerungsvorschläge der Versammlung zu den Akten.

Vergleichbar irritierend nimmt Franziskus die von ihm propagierte Dezentralisierung der Kirche vor. Er ermutigt nationale Bischofskonferenzen, eigene Wege zu gehen und ruft einen weltweiten synodalen Prozess aus – stoppt aber die Reformanstrengungen der deutschen Bischöfe und Laien brüsk. Es gebe schon eine „schöne evangelische Kirche“, eine zweite brauche es nicht.

Auch bei der Aufarbeitung des Missbrauchs stehen Fortschritte und Zwiespältigkeiten nebeneinander. Franziskus verschärft das Kirchenrecht, beordert 2019 die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zu einer Art katholischen Weltgipfel in den Vatikan und beruft eine Kinderschutzkommission. Er findet aber nicht immer die richtigen Worte, lässt Bischöfe trotz Fehlern im Umgang mit sexueller Gewalt im Amt und schafft für die Aufarbeitung keine globalen Standards.

Die Konservativen und kuriale Netzwerke machen es Franziskus schwer

Freilich machen ihm die Traditionalisten auch den Wandel schwer. Fast zehn Jahre lang wacht der emeritierte Papst Benedikt von seiner Wohnung im Vatikan aus über sein Erbe. Differenzen zu seinem Vorgänger bestreitet Franziskus zwar: „Er war immer an meiner Seite.“ Doch das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Widerstand schlägt dem Pontifex nicht nur in Rom entgegen. Auch konservative Bischöfe aus den USA oder Afrika machen mobil. 62 Theologen und Philosophen bezichtigen Franziskus 2017 der Irrlehre. Ein unerhörter Vorgang.

Dennoch bleibt der Papst seiner Linie treu. Er geht sehr behutsam voran. Franziskus lässt mehr offene Debatten und Mitsprache zu. 80 Laien, darunter 40 Frauen, räumt er erstmals Stimmrecht bei der Bischofssynode ein. Zudem vergibt er Führungsstellen im Vatikan auch an Frauen. Die nötige Verwaltungsreform der Kurie setzt Bergoglio ebenfalls um.

Sein Haus hat Franziskus bestellt

Zuletzt hält Franziskus’ schwindende Gesundheit die Welt in Atem. Im Februar kommt er mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, zwischenzeitlich bangt man, ob er den nächsten Tag erleben wird. Doch nach fünf Wochen kehrt er in seine Wohnung im Vatikan zurück, zeigt sich allmählich wieder öffentlich. Am Ostersamstag trifft er noch den US-Vizepräsidenten J.D. Vance, der den Vatikan besucht. Am Ostersonntag tritt Franziskus unter dem Jubel von fast einhunderttausend Gläubigen auf dem Petersplatz auf. Als er sichtlich geschwächt im Rollstuhl auf die Loggia des Petersdoms geschoben wird, branden „Papa, Papa“-Rufe auf. Für mehr als die traditionelle lateinische Segensformel des Urbi et orbi reicht seine Kraft jedoch nicht mehr, seine Stimme klingt brüchig. Ein letztes Mal fährt er anschließend mit dem Papamobil über den Platz, kommt den sichtlich gerührten Gläubigen nahe. Am Morgen des Ostermontag meldet der Vatikan den Tod des 88-Jährigen. Auch in seinem letzten Willen gibt sich Franziskus bescheiden. Laut dem vom Vatikan veröffentlichten Testament will der verstorbene Pontifex in einem „schlichten“ Grab in der Basilika Santa Maria Maggiore außerhalb des Vatikan beigesetzt werden. Auch hier bricht er mit der Tradition seiner Vorgänger, die im Petersdom beigesetzt sind.

Sein Haus hat Franziskus bestellt. Die meisten Kardinäle, die nun ein neues Kirchenoberhaupt wählen, hat er berufen. Sie kommen mehrheitlich aus „randständigen“ europäischen Diözesen oder von außerhalb Europas. Also aus Weltregionen, denen sich der Südamerikaner zugehörig oder besonders verbunden fühlte. Dass diese Kardinäle sein Vermächtnis erfüllen und ein neuer Papst den Reformkurs fortsetzt, ist also wahrscheinlich.

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