Selten so gefragt wie heute sind Ideen für die Gestaltung der Zukunft. Immer wieder einmal wurden welche entwickelt. Diejenigen, die gut genug geschrieben waren, haben die Zeiten überdauert, egal, ob sie eine helle oder dunkle Welt entwarfen. Diese Texte aus Zeiten des Umbruchs, der großen Brüche und Unsicherheiten sind ergiebig für literarische Tiefenschürfungen und genaues Spurenlesen: Mit Autoren wie H. G. Wells befasste sich der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Seeber ebenso wie mit jenen aus weiter zurückliegender Zeit, deren Aktualität er in Werken wie „Globalisierung, Utopie und Literatur: Von Thomas Morus (1516) bis Darcy Ribeiro (1982) zurück“ darlegte.
Auch nach seiner Emeritierung 2005 schrieb und forschte er; vor vor gut zwei Jahren erschienen seine Gedanken zum Thema der brüchigen heilen Welt: „Studien zur europäischen Idylle von Vergil bis W. H. Auden“.
Anglistik in Stuttgart geprägt
Einundzwanzig Jahre lang war Hans Ulrich Seeber Lehrstuhlinhaber für Neuere Englische Literatur am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart. Seebers Enthusiasmus, die wissenschaftliche Neugierde hatte etwas Erfrischendes, auch in der Lehre, sofern die Studierenden ihn mit interessanten Gedanken überraschten und nicht mit biografischen Banalitäten langweilten.
Theorien interessierten ihn weniger als literarische Erkundungen – und Zusammenarbeiten mit Vertretern anderer Disziplinen. Sei es Philosophie, sei es Germanistik, wie etwa mit dem Germanisten Heinz Schlaffer, der zwei Stockwerke weiter unter der Anglistik im Hochhaus KII in der Keplerstraße sein Büro hatte und mit dem er etwa die „Poesie des Nein“ im Werk des Dichters Francesco Petrarca untersuchte.
Interdisziplinäre Fragestellungen interessierten ihn zudem bei publizistischen Arbeiten, er gab etwa mit „Anglia“ die traditionsreichste anglistische Zeitschrift in Deutschland heraus. Und er war selbst im Direktorium des vom Romanisten Gerhart Schröder in Stuttgart gegründeten Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung (IZKT) aktiv, in dem sich Philosophen, Soziologen, Architekten wie Literaturwissenschaftler austauschten – in Kolloquien ebenso wie in öffentlichen Diskussionsrunden.
Sofern Studierende heute in Bibliotheken recherchieren, wird ihnen Hans Ulrich Seeber noch lange begegnen – 1991 legte er seine „Englische Literaturgeschichte“ im Metzler Verlag vor, das Standardwerk ist mittlerweile in der fünften Auflage erschienen. Wie die Fakultät für Anglistik mitteilt, ist Hans Ulrich Seeber am 25. Januar im Alter von 84 Jahren gestorben.
Auch für jene, die nicht studieren, (wieder)lesenswert ist seine Arbeit, die von der Kraft der Kunst spricht, an welche in Zeiten wie diesen nicht oft genug zu erinnern ist: „Arbeiten zur ästhetischen Kategorie der Faszination“.