Nachruf auf Helmut Wolf Böblingens „kargen musikalischen Acker“ brachte er zum Blühen

Als Kirchenmusikdirektor hat Helmut Wolf das Böblinger Kultur- und Kirchenleben entscheidend geprägt. Foto: Wandel/Archiv

Der frühere Böblinger Kirchenmusikdirektor Helmut Wolf ist gestorben. Seine Leistungen wirken im lokalen Kultur-und Kirchenleben bis heute nach.

Helmut Wolf war nicht nur ein Mann der Musik, sondern auch der klaren Worte. Einige davon bleiben unvergesslich. „Böblingen ist musikalisch ein karger Acker“, hatte der Kirchenmusiker beispielsweise im Jahr 1983 bei einem Gespräch mit dieser Zeitung gesagt. Damals war er bereits elf Jahre Dirigent der Böblinger Kantorei.

 

Nun ist Helmut Wolf ist vor wenigen Tagen in seiner Wahlheimat Stuttgart im Alter von 86 Jahren gestorben. Bei den Konzerten, die er in Böblingen leitete, kannte er vor allem zwei wichtige Richtlinien: „unerhörte Disziplin und musikalische Genauigkeit“. So hieß es damals in einem Zeitungsporträt über ihn.

Die Musikerkarriere war ihm keinesfalls in die Wiege gelegt

Dabei war ihm die Musikerkarriere keinesfalls in die Wiege gelegt worden. Geboren wurde er 1939 in Schwäbisch Hall. „Im Haus meiner Eltern gab es nur eine Bibel und ein Gesangbuch “, erinnerte er sich in einem Textbeitrag für die Erlöserkirche in Stuttgart. In Hall begann er erst mit 15 Jahren Orgelunterricht zu nehmen. Nach dem Abitur war für ihn klar, dass er in Tübingen studieren wird: Schul- und Kirchenmusik. Germanistik, Musikwissenschaft. Anschließend folgte ein Kapellmeister-Studium in Berlin und Stuttgart. Als junger Kapellmeister wirkte er an den Theatern in Ulm und Oldenburg.

1972 kam er als Kirchenmusiker nach Böblingen und wurde 1979 in Anerkennung seiner Verdienste zum Kirchenmusikdirektor ernannt. Die Qualität seiner Arbeit sprach sich auch anderweitig herum. Im Jahr 1978 wurde Wolf an die Musikhochschule Stuttgart berufen und erhielt 1984 eine Professur für Partiturspiel und Ensembleleitung. Am 25. Oktober 1987 gab Wolf sein umjubeltes Abschiedskonzert von Böblingen mit einer Aufführung von Puccinis Messa di Gloria in der Stadtkirche. Offenkundig hatte Wolf mitgeholfen, Böblingens „kargen musikalischen Acker“ fruchtbarer zu machen.

Von 1986 bis 2001 leitete er auch den Philharmonia-Chor Stuttgart. Bei dem Ensemble ist man ihm noch heute dankbar für seine Impulse. In Stuttgart engagierte sich Wolf zudem in der Mozartgesellschaft und organisierte 15 Jahre lang Konzerte für die Sonntagsmusik in der Erlösergemeinde.

Zum 50-Jahr-Jubiläum der Böblinger Kantorei im Jahr 2009 posierten Chorleiter Eckhart Böhm und seine Vorgänger Tilmann Jäger, Matthias Hanke und Helmut Wolf (von links) für die Fotografin. Foto: Wandel/Archiv

Sowohl in Böblingen als auch in Stuttgart nahm er nicht nur die etablierten Stücke der Musikliteratur ins Programm auf, er wollte seine Hörer auch immer wieder überraschen, indem er selten gespielte Musikstücke oder Werke von in Vergessenheit geratenen Komponisten ans musikalische Tageslicht beförderte. Zu den unvergesslichen Momenten gehört auch ein Konzert mit Eva Randova, eine in aller Welt gefeierte Mezzosopranistin, die als Wohnort Böblingen auserkoren hatte. Sie sang 1984 Dvoraks Biblische Lieder in der Marienkirche. Ein phänomenales Echo erzielte er auch mit der szenischen Aufführung des Oratoriums „Saul“ von Georg Friedrich Händel.

Ein musikalischer Höhepunkt beruht auf zwei Bombardierungen. Die deutsche Luftwaffe zerstörte 1940 die Kathedrale in Coventry. Sie wurde 1962 mit der Uraufführung von Benjamin Brittens „War-Requiem“ wieder eröffnet. Es enthält unter anderem Texte und Gedichte des 1918 im ersten Weltkrieg gefallenen englischen Poeten Wilfred Owen. Im Oktober 1943 wurden Teile der Böblinger Innenstadt durch einen Bombenangriff der Alliierten zerstört und zum Gedenken daran führte Helmut Wolf am 9. Oktober 1983 dort das „War Requiem“ auf – mit drei Solisten, vier Chören und zwei Orchestern.

Darüber hinaus vergab der Kirchenmusiker drei Kompositionsaufträge. 1972 wurde Reinhard Kargers „Schattenformen“ uraufgeführt, Karger machte sein Abitur am Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium und war Professor mit Schwerpunkt Medienkomposition in Wien. Es folgte 1978 von Gerhard Steiff „Ad Vitam“, der Kirchenmusiker und Komponist in Tübingen war. 1982 gab es die Uraufführung von Klaus Hochmanns „Und überall der Mensch”, der unter anderem Klavierlehrer an der Musikschule Herrenberg war.

Die musikalischen Spuren von Helmut Wolf sind auf viele Weisen sichtbar

Wolf hat viel dafür geleistet, dass Böblingen heute kein karger musikalischer Acker mehr ist. Zur blühenden Musiklandschaft der Stadt zählen die Böblinger Kantorei, das Böblinger Vokalensemble, die Stadtkapelle, die Feuerwehrmusikkapelle Dagersheim, um nur einige zu nennen. Einen besonderen Akzent im Böblinger Musikleben spielen auch die Ensembles der Musik- und Kunstschule Böblingen, die derzeit rund 2100 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Auch die Vorzeigeensembles des Albert-Einstein-Gymnasiums zählen dazu.

Natürlich gibt es zwischen diesen ganzen Gruppierungen etliche Querverbindungen. Und es existieren erfolgreiche und anerkannte Reihen mit musikalischen Profil, dazu zählen der „Sommer am See“, die Veranstaltungen im Blauen Haus, die Jazztime und das Pianistenfestival. Helmut Wolfs Spuren sind dabei auf viele Weisen sichtbar.

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