Nachruf auf Jürgen Sundermann Einmal VfB, immer VfB
Jürgen Sundermann war eine der schillerndsten Trainerpersönlichkeiten, die je auf dem Cannstatter Wasen das Sagen hatten. Jetzt ist der einstige Wundermann im Alter von 82 Jahren gestorben.
Jürgen Sundermann war eine der schillerndsten Trainerpersönlichkeiten, die je auf dem Cannstatter Wasen das Sagen hatten. Jetzt ist der einstige Wundermann im Alter von 82 Jahren gestorben.
Lange Zeit zählte es zu seinen festen Ritualen. Nach dem Schlusspfiff, wenn sich in den Katakomben der Mercedes-Benz-Arena das Gerangel um die besten O-Töne Bahn bricht, schlängelte sich Jürgen Sundermann an den wartenden Journalisten vorbei. Den VfB-Trainer fest im Blick, ganz egal, wie der gerade hieß. Dem Stuttgarter Urgestein war es ein Anliegen, seinen Nachfolgern persönlich zum Sieg zu gratulieren. Oder sie tröstend in den Arm zu nehmen.
Dieses Szenario wird sich nicht mehr bieten. Am Dienstag ist Jürgen Sundermann im Alter von 82 Jahren in Leonberg gestorben, wie jetzt bekannt wurde.
„Jürgen Sundermann hat für den VfB Stuttgart Großes geleistet und dabei stets Menschlichkeit und Optimismus miteinander vereint. Sein unerschütterlicher Glaube an den Erfolg und sein offenes Wesen machten den hierzulande gemeinhin als „Wundermann“ bezeichneten Fußballlehrer bereits zu Lebzeiten zu der Trainerlegende des VfB schlechthin. Er wird uns fehlen“, sagte VfB-Präsident Claus Vogt. Hansi Müller meinte: „Karlheinz Förster und ich sind unter ihm zu Nationalspielern geworden, wir haben wirklich Glück gehabt, solch einen Trainer zu haben. Sein Tod ist ein großer Verlust für den VfB.“
Die Prognose von Sundermanns Arztes hat sich somit leider nicht bewahrheitet. „Er hat mir gesagt, dass ich 135 Jahre alt werde“, berichtete der frühere VfB-Trainer anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 2015. Von Krankheiten war er lange verschont geblieben. „Ich war mein ganzes Leben nie krank, keine Grippe, nix. Das kommt daher, dass ich aus dem Kohlenpott komme. Da wirst du abgehärtet.“
Oder beim krisenerprobten VfB Stuttgart. 1976 war Sundermann das erste Mal gefragt. Der VfB dümpelte nach dem Abstieg das zweite Jahr im Unterhaus sportlich und finanziell vor sich hin, ehe der gebürtige Mühlheimer die Geister belebte. Als eine Art Jürgen Klopp der 70er Jahre, mit bedingungslosem Offensivfußball und feurigen Ansprachen. „Wenn hier einer ist, der nicht daran glaubt, dass wir dieses Jahr aufsteigen, kann er sofort den Raum verlassen“, lauteten seine Begrüßungsworte an die Mannschaft.
Die jungen Spieler wie Hansi Müller, Karl-Heinz-Förster und Werner Gass glaubten daran – und ließen auf dem Platz Taten folgen. „Ich habe selten einen Trainer erlebt, der eine solche Begeisterung fürs Training entfachte. Wenn es auf 15 Uhr angesetzt war, standen wir schon um 14.30 Uhr auf dem Platz, so sehr freuten wir uns auf die Einheit“, erinnert sich Gass. 1977 erfolgte die Rückkehr in die Bundesliga. Als Aufsteiger wurden Sundermanns Jünger Vierter, im Jahr darauf Vizemeister. 56 000 Fans kamen im Schnitt zu den Heimspielen ins Neckarstadion – für damalige Verhältnisse eine schier unglaubliche Zahl. Sundermann wurde zum Wundermann. Eine Art Urvater der späteren Jungen Wilden des VfB.
„Wahnsinn war dat“, erinnerte sich der frühere Sportlehrer immer zurück, wenn er mit seinem alten Ford an der Mercedesstraße vorfuhr. „Die Jungs taktierten nicht, die konnten das gar nicht. Die wollten immer nur alles niedermachen. Offensiv, optimistisch, hemmungslos.“ Zügellos war ihr Guru – der mit 38 zum „Trainer des Jahres“ avancierte. Im Gleichschritt mit dem Linienrichter beackerte er den Seitenrand, bot als Alleinunterhalter mehr Show als Hans Rosenthal mit Sundermanns Frau Monika als Assistentin der Fernsehshow „Dalli Dalli“, und machte seine Spieler vor besonders wichtigen Spielen mit der Mutter aller Motivationssprüche heiß: „Gras fressen müsst Ihr!“
„Das war das Sundermann’sche Hochamt“, erinnerte sich der 2015 verstorbene Ex-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. „Ein einmaliger Typ.“ Der sein halbes Leben zwischen seinem Wohnort Leonberg und dem Cannstatter Wasen verbrachte. Die andere Hälfte coachte er in Genf, Zürich, bei den Stuttgarter Kickers, auf Schalke, in Straßburg, Trabzon, Berlin, Unterhaching, Mannheim, Leipzig, Prag. Dort erschien er morgens regelmäßig mit Röhrchen zum Training. Sundermann startete die Einheit mit einem Alkoholtest für die Spieler, die es abends häufig zu bunt trieben und später immer wieder dafür herhalten mussten, wenn Sundermann seinen Anekdoten-Schatz öffnete. Seine letzte Station war 1999 bei Vorwärts Steyr in Österreich. Doch bis zuletzt blieb das Schwabenland Sundermanns Heimat. Einmal VfB, immer VfB.
Wo er es noch zwei weitere Male mit Pfeife im Mund und Ball unterm Arm probierte. Aber erkennen musste, dass die Zeit vorangeschritten und an ihm als Trainertyp vorbeigezogen war. Bei seinem letzten Versuch 1995 rollten die Stars wie Thomas Strunz oder Thomas Berthold nur mit den Augen, wenn Sundermann mal wieder den Lautsprecher anwarf und Weltmeister Carlos Dunga via Dolmetscherin mitteilen ließ, dass er die größte Pfeife sei. Der Zauber des Wundermanns war verflogen.
Und doch konnte der Vater zweier Söhne nicht vom Fußball lassen. Er beobachtete für den VfB junge Spieler, gründete eine Fußball-Schule und stand den Fans nach Stadion-Führungen als launiger Gesprächspartner zur Verfügung. Bis zuletzt ging er auf der Geschäftsstelle an der Mercedesstraße ein und aus.
„Ich hatte ein wunderbares Leben. So viel Glück gibt es gar nicht“, sagte er bei seinem 75. Geburtstag vor sieben Jahren. Von Schicksalsschlägen blieb er am Ende seines Lebens gleichwohl nicht verschont. 2019 starb sein jüngerer Sohn Leif, ein Reporter der „Bild“-Zeitung, mit nur 47 Jahren. „Der Alkohol“, wie Sundermann bei einem Besuch am VfB-Trainingsgelände nachdenklich erzählte.
Die letzten Jahre ist es ruhig um die Trainerlegende geworden. Zurückgezogen lebte er mit seiner Monika in Leonberg. Der Weg nach Cannstatt war zu weit geworden.
Jetzt ist der Wundermann Sundermann Geschichte. Seine zahlreichen Weggefährten haben dabei die Worte seines früheren Torjägers Bernd Hobsch aus Leipziger Zeiten im Ohr. Er charakterisierte Sundermann treffend wie kein anderer: „Der konnte mit dir reden wie mit einem kranken Huhn.“