Nachruf auf Wolfgang Rihm Der Meister des Eigensinns

Wolfgang Rihm – kaum vorstellbar, dass er jetzt gar nicht mehr da sein wird, dass nur noch seine Werke da sein werden. Foto: dpa/Uli Deck

Abends war er ein Genießer mit Wein und Zigarre, tagsüber eher Asket – und sehr diszipliniert: Wolfgang Rihm ist gestorben. Er war der bedeutendste deutsche Komponist der Jahrtausendwende und schrieb eine Musik voller Pracht und Subjektivität.

Jahrzehntelang ist er immer da gewesen: da, wo man Musik spielt, damit sie genossen werde, da, wo man Klänge ausbreitet, um klug darüber zu reden, und auch da, wo Komponiertes schlicht einen repräsentativen Rahmen schaffen sollte. Dann erschien Wolfgang Rihm, eine barocke Gestalt mit einem Schädel, der sehr groß war, weil so viel in ihm, dem ungemein Belesenen und Wissenden, wohnte; Rihm grüßte nach rechts und nach links, weil er so viele Menschen kannte und sich auch gerne zeigte, verbeugte sich freundlich und ging nach der Veranstaltung mit Vorliebe zu einem guten Italiener.

 

Rihm hat nicht nur eine lautstark bejubelte Oper über Dionysos (für die Salzburger Festspiele) geschrieben, sondern hatte selbst etwas durch und durch Dionysisches. Wer ihn ins Restaurant begleitete, riskierte nicht nur, über Sloterdijk, Hölderlin oder Novalis reden zu müssen oder lachend eine Karikatur seiner selbst zugeschoben zu bekommen, die der Künstler höchstselbst auf einen Bierdeckel gekritzelt hatte. Er riskierte auch, am Ende vom Kellner gesagt zu bekommen, dass längst schon alles bezahlt sei. Da war Wolfgang Rihm meist schon lange verschwunden.

Er studiert schon während der Schulzeit Komposition

Kaum vorstellbar, dass er jetzt gar nicht mehr da sein wird, dass nur noch seine Werke da sein werden. Am Samstag ist Wolfgang Rihm dort gestorben, wo er geboren wurde und wohin er, der weltweit Gefragte und Gefeierte, immer wieder zurückgekehrt ist: in Karlsruhe. Schon seit Jahren hat eine schwere Krebserkrankung seine zuvor reichlich sprudelnde Kreativität mehr und mehr ausgebremst; viele Aufträge, die er noch annahm (und er hat zeitlebens zu viele Aufträge angenommen), konnte er nicht mehr beenden, darunter auch eine „Saul“-Oper für die Berliner Staatsoper auf ein Libretto von Botho Strauß. Er ist nur 72 Jahre alt geworden.

1952 geboren, entpuppte sich Wolfgang Rihm rasch als früh- und hochbegabt, studierte schon während der Schulzeit Komposition in Karlsruhe, interessierte sich vor allem für die so genannte Zweite Wiener Schule: Schönberg, Weber, Berg. Diese Wurzeln sind geblieben. Schon mit Anfang 20 gelang Rihm nach den Uraufführungen seiner Stücke „Morphonie – Sektor IV“ und „Sub-Kontur“ bei den Donaueschinger Musiktagen sein internationaler Durchbruch. Er hat dann auch noch in Köln bei Karlheinz Stockhausen gelernt, hat sich von Wolfgang Fortner inspirieren lassen, von Klaus Huber und Luigi Nono.

Seine Musik reißt die Hörer mit

Als 33-Jähriger wurde Rihm Kompositionsprofessor in Karlsruhe, und er hat seine Studierenden immer zu einer Eigenschaft ermuntert, über die er selbst in hohem Maße verfügte: Eigensinn. Deshalb gibt es zwar zahllose Rihm-Schüler, aber keine Rihm-Schule. Subjektiv müsse die Kunst doch sein, und so klang tatsächlich die seine. Auch Ausdruck, hat Rihm einmal gesagt, sei eine intellektuelle Entscheidung. Anders formuliert: „Musik muss voller Emotion sein – und die Emotion voller Komplexität.“ Oder noch mal anders: Er sei, hat Wolfgang Rihm in einem Interview mit unserer Zeitung einmal gesagt, „ein entsprungener Katholik. Ich will Pracht haben und Wunder“.

Die Komplexität hat man vor allem in seinen früheren Werken rund um die Heiner-Müller-Erfolgsoper „Hamletmaschine“ (1987) gehört – da hat sein unbedingter Ausdruckswille noch etwas sehr Raues und Körperliches, erzeugt im Sinne Antonin Artauds sozusagen eine Musik der Grausamkeit. Zu hören sind zerklüftete Klangmassive. Mit der Zeit ist Rihms Klangsprache aber vermittelter geworden, sinnlicher. Seine Musik, hat er selbst gesagt, sei „durcherotisiert“. Sie reißt ihre Hörer mit – ganz gleich, ob die mit Neuer Musik etwas anfangen können oder nicht. Mit Kategorien wie Avantgarde oder Postmoderne ist seinen Klängen nicht beizukommen, ihre sirenenhafte Verführungskraft adelt selbst Rihms Neigung zum Selbstrecycling, Paradebeispiel: Die „Séraphin-Sinfonie“ von 2011 ist ein Stück von Rihm über ein Stück von Rihm über mehrere Stücke von Rihm.

Er hat immer an seine Interpreten gedacht

Fast alle Werke, die Wolfgang Rihm hinterlässt (es sind gut 500), sind spielbar. Das klingt banal, aber tatsächlich hat der vielschreibende Komponist, den der ehemalige Stuttgarter SWR-Redakteur Hans-Peter Jahn deshalb gerne süffisant als „unseren Telemann“ bezeichnet hat, immer an seine Interpreten gedacht. Dabei hat er ein riesiges Spektrum an Gattungen und Ansprüchen bedient – vom neckisch kurzen Klavierwalzer bis hin zu Sinfonik, Konzerten, Opern und einem groß besetzten Ballett („Tutuguri“ über einen Text von Artaud), und erstaunlich Vieles davon ist, was bei Neuer Musik selten vorkommt, ins Repertoire eingegangen. Abends war Wolfgang Rihm ein Genießer mit Wein und Zigarre, tagsüber eher Asket – und sehr diszipliniert. Als 2003 sein Telefon klingelte und er erfuhr, dass er den Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhalten würde, die höchste Auszeichnung in der klassischen Musik, soll er zwar „Wunderbar!“ gerufen haben. Und gleich danach: „Aber es stört bei der Arbeit.“

Bezeichnend ist, was Wolfgang Rihm – wen hätte man auch sonst fragen können? – 2017 für die medial aufgebauschte Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie komponiert hat: Sein Orchesterwerk „Reminiszenz“ über Texte von Hans Henny Jahnn beginnt im Duktus Strauss’scher Orchesterlieder, spielt mit Alban-Berg-Anmutungen und vor allem mit Rihm selbst. Am Ende jedoch verklingt der betörende Klangfarbenrausch mit einem stillen Epitaph. Im Jubel des Eröffnungskonzertes war dies der einzige Moment des Innehaltens. Kunst als Eigensinn, ungemein prachtvoll und schön, aber radikal – und, was Rihm besonders gefreut haben dürfte: Kaum einer hat’s gemerkt.

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