Mit schwierigen Einsätzen müssen die Feuerwehrleute auch psychisch zurechtkommen – dazu braucht es bisweilen Hilfe. Foto: SDMG
Schlaflosigkeit, Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen – nach traumatischen Einsätzen kämpfen Feuerwehreinsatzkräfte häufig mit Belastungsreaktionen. Um solche Fälle kümmert sich im Kreis Böblingen das Einsatznachsorge-Team rund um Friedhelm Secker.
Die Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1981 hat sich tief in das Gedächtnis von Friedhelm Secker eingeprägt – obwohl er damals erst fünf Jahre alt war. Wenn er darüber spricht, unterscheidet er immer zwischen „davor“ und „danach“. Es gibt die Zeit vor jener Nacht, in der Seckers Vater als Feuerwehrmann zu einem Brand in der Nachbarschaft gerufen wurde, bei dem drei Menschen ums Leben kamen, darunter zwei Kinder. „Danach“ bedeutet: „Mein Vater war nach diesem Vorfall nicht mehr der Gleiche. Als Kind konnte ich das nicht wirklich begreifen, aber es war, als ob plötzlich eine schwere Last auf ihm lag. Seine Freude war einfach verschwunden.“
Auch für den damals fünfjährigen Friedhelm Secker war es ein einschneidendes Erlebnis. Noch heute, fast 44 Jahre später, erinnert er sich an den Anblick der drei aufgereihten Zinksärge vor dem Haus. „Ich weiß noch, wie am Tag nach dem Brand die Leichenwagen an mir vorbeifuhren. Ich lief gerade vom Kindergarten nach Hause.“
Es gibt Fälle, die den Einsatzkräften stark zusetzen
2025 ist Secker 49 Jahre alt und selbst Feuerwehrmann. Er hat schon viele schwierige Einsätze erlebt. Doch das Erlebnis von damals hat ihn nie ganz losgelassen – und hat rückblickend bereits etwas ins Rollen gebracht. „Damals gab es kaum ein seelsorgerisches Angebot, das mein Vater hätte in Anspruch nehmen können“, sagt Secker. „Früher hat man in solchen Situationen einfach den Pfarrer gerufen.“ Doch für echte Krisenintervention, meint er, sei der nicht ausgebildet gewesen.
Sorgt dafür, dass die Einsatzkräfte nach traumatischen Einsätzen psychologische Unterstützung erhalten: Friedhelm Secker Foto: Stefanie Schlecht
Was er damals bei seinem Vater beobachtete, begegnete ihm später auch im eigenen Berufsalltag. „Da war zum Beispiel ein Bahnunfall, ich glaube, das war irgendwann in den 2010er-Jahren“, erinnert er sich. Ein junger Mann war zwischen Zug und Gleis geraten und wurde vom einfahrenden Zug erfasst. Die Feuerwehr versuchte mit aller Kraft, den 400 Tonnen schweren Zug vom Bahnsteig wegzudrücken. Secker sollte damals als Maschinist warten, bis ihm gesagt wurde, welche Geräte er holen solle. Dabei registrierte er, wie die Situation den Kolleginnen und Kollegen zusetzte. Einige wirkten desorientiert, schienen neben sich zu stehen – als befänden sie sich in einem Film oder in einem Albtraum. Genau so zeigen sich oft erste Anzeichen starker psychischer Belastung.
„In dem Moment wurde mir klar: Es darf einfach nicht sein, dass sich niemand um die eigenen Leute kümmert. Also habe ich beschlossen, es selbst in die Hand zu nehmen.“ Kurz darauf bat Secker seinen Kommandanten, ihn zum Lehrgang „Fachberater Seelsorge“ an der Feuerwehrschule zu schicken – mit Erfolg. Zusammen mit zwei Kollegen gründete er 2011 das Einsatznachsorge-Team für die Feuerwehren im Landkreis Böblingen. Die fachliche Leitung hat er selbst inne. Seitdem ist Seckers Team immer vor Ort, wenn es gebraucht wird – denn genau wie die Feuerwehr, werden sie nur bei Alarm aktiv.
„Wenn etwas Schlimmes passiert, Menschen umgekommen oder in Gefahr sind oder die Dimension eines Ereignisses enorm ist, dann sind das Anzeichen, dass das Nachsorgeteam helfen sollte, um die Einsatzkräfte einsatzfähig zu halten“, erläutert er. Das Team ist mittlerweile im Landkreis Böblingen gut etabliert. Die integrierte Rettungsdienst- und Feuerwehrleitstelle reicht das Angebot bei Bedarf direkt an die Einsatzleiter weiter. Das Einsatznachsorge-Team der 26 Feuerwehren im Kreis, das laut Secker aus mehr als einem Dutzend Mitgliedern besteht, hat drei feste Ansprechpartner, darunter auch Secker. So ist im Notfall immer jemand erreichbar, der das Team schnell koordinieren kann.
Kaum geht der Alarm ein, beginnt ein eingespielter Ablauf. Der erste Schritt: das Zusammenstellen des Teams. „Zunächst muss geklärt werden, wie viele speziell geschulte Kollegen, sogenannte Peers, und wie viele psychosoziale Fachkräfte gebraucht werden“, erklärt Secker. Dann geht es direkt zum Einsatzort. Dort ist wichtig, den betroffenen Einsatzkräften psychologische Unterstützung zu leisten: Was passiert im Moment, welche Reaktionen könnten noch kommen und wie lässt sich damit umgehen?
„Belastungsreaktionen sind normale Reaktionen auf unnormale Erlebnisse“, so Secker. Diese können sich auch durch Erinnerungslücken, ständige Anspannung oder das wiederholte Erleben des Einsatzes zeigen. Zwei Wochen später folgt dann bei Bedarf noch ein Abschlussgespräch, da viele Reaktionen oft zeitverzögert auftreten. Diese Nachbesprechungen können als Gruppengespräche oder Einzelgespräche abgehalten werden. Secker betont, dass Vertrauen dabei entscheidend ist – sowohl in der Gruppe als auch im Einzelgespräch.
„Wir Feuerwehrleute haben eine hohe Hemmschwelle, uns jemandem anzuvertrauen, der diese Erfahrungen nicht nachvollziehen kann. Es wäre problematisch, wenn jemand, der gerade mal einen Mülleimer gelöscht hat, für die psychische Betreuung der Feuerwehrleute zuständig wäre. Man muss akzeptiert werden“, erklärt er. „Unser wichtigstes Gut ist Vertrauen, und ich kann nur jemandem vertrauen, der versteht, was ich durchmache. Ich bin seit über 30 Jahren in der Feuerwehr, also weiß ich, wie es sich anfühlt, psychisch belastende Einsätze zu erleben.“ Secker fügt hinzu: „Bei frisch ausgebildeten Feuerwehrleuten wächst das Vertrauen nach und nach – es lässt sich nicht von heute auf morgen aufbauen.“
Wenn man selbst betroffen ist, braucht man Hilfe von außen
Neben seiner Tätigkeit als psychosoziale Fachkraft ist Secker auch noch weiterhin im regulären Einsatzdienst tätig – ein echter Balanceakt. Er betont, wie wichtig es sei, die verschiedenen Rollen klar zu trennen. „Ich muss mir immer bewusst sein, in welcher Funktion ich gerade arbeite und mich dann voll auf die jeweilige Aufgabe konzentrieren“, erklärt Secker. „Das heißt, wenn ich gerade im Einsatz bin, kann ich keine psychologische Unterstützung geben.“
Das Einsatznachsorge-Team arbeitet organisationsübergreifend – Feuerwehr, Rettungsdienst und THW unterstützen sich gegenseitig, wenn eine Organisation allein nicht mehr handlungsfähig ist. So auch bei den tödlichen Schüssen auf dem Sindelfinger Mercedes-Benz-Werksgelände im Mai 2023: Der Rettungsdienst war selbst betroffen, weil er direkt im Einsatz war. Also musste Seckers Team unterstützen. „In so einer Situation kann man sich nicht selbst helfen“, sagt Secker.
Trotz der zunehmenden Akzeptanz für das Thema psychische Gesundheit ist regelmäßige Psychohygiene nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, sagt Secker. „Es wird noch eine Weile dauern, bis das völlig normal wird“, glaubt er. Aktuell liegt die Zahl der Alarmierungen des Einsatznachsorge-Teams pro Jahr noch im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich. Doch Secker erkennt bereits den Fortschritt: „Früher gab es überhaupt keine Angebote in diesem Bereich. In den letzten Jahren jedoch hat sich einiges getan – das Thema wird nun auch in die Feuerwehr-Grundausbildung integriert.“
Rückblickend hat die Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1981 Secker eine wichtige Erkenntnis gebracht: „Einsätze, die nicht richtig verarbeitet oder verdrängt werden, sind wie Luftblasen unter Wasser. Wenn die psychische Spannung nachlässt, tauchen sie wieder auf.“ Und dann ist es wichtig, mit jemandem darüber sprechen zu können.