Schon in Metzingen ist Schluss. Ob man vielleicht auch mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die „Outlet City“ reist, wenn Google Maps Stau anzeigt? Das kann man schon herausfinden – aber ausgerechnet nicht in dem viel genutzten Kartendienst. Die Fahrpläne der Fern- und Regionalzüge sind alle in Google Maps hinterlegt, doch wer von einem Bahnhof aus mit dem Bus weiterkommen möchte, braucht die App des Verkehrsverbunds Naldo oder muss sich mit der gewöhnungsbedürftigen Onlineauskunft efa-bw.de auseinandersetzen. Oder schaut auf den Aushangfahrplan.
Dasselbe gilt für Ausflüge auf die Schwäbische Alb, in den Schwarzwald und zu vielen anderen Zielen abseits der Großstädte: Wer auf den Bus angewiesen ist, hat es schwer. Nutzerfreundlich geht anders, und dahinter steckt ein grundlegendes Problem des Nahverkehrs im Land. In der Schweiz läuft es besser, dort sind selbst für den kleinsten Weiler seit Jahren die Busfahrpläne in Google Maps und vergleichbaren Kartendiensten hinterlegt, einschließlich Angaben zur Pünktlichkeit. „Dort läuft es hervorragend. Und das Netz ist vergleichbar mit dem von Baden-Württemberg“, sagt Patrick Brosi, ein in Freiburg ansässiger Experte für Verkehrsdaten.
Digitalisierung verschlafen?
Damit Kartendienste die Fahrpläne anzeigen können, müssen sie im sogenannten GTFS-Format dort hochgeladen werden. Zahlreiche Verkehrsverbünde im Südwesten schaffen das bis heute nicht, obwohl es den Standard seit bald zwanzig Jahren gibt. Hat der baden-württembergische Nahverkehr die Digitalisierung verschlafen?
„Diese Kritik wäre etwas unfair“, findet Patrick Brosi. Die Verbünde hätten schon vor dreißig, vierzig Jahren digitalisiert, „sie waren also ziemlich früh dran“, sagt er. Dass sich nicht nur ausländische Gäste wundern, wenn sie auf Google Maps keine Busfahrpläne finden, hängt an der zersplitterten Struktur des Nahverkehrs im Südwesten. Von sich aus bemühen sich Google, Apple und andere Dienste nicht um die Fahrplandaten, vor allem im ländlichen Raum. Zudem haben sie sehr hohe Qualitätsansprüche, die die kleinen Verbünde mangels Personal und Knowhow vielfach nicht erfüllen können.
Die Fehler korrigiert niemand
Ironischerweise schicken die Verkehrsverbünde im Land schon heute ihre Fahrpläne an die Nahverkehrsgesellschaft (NVBW), die sie ins Google-taugliche Format umwandelt und frei ins Netz stellt. „Wir fassen nur zusammen und leiten die Daten weiter. Das ist unser gesetzlicher Auftrag“, sagt Wolfgang Schroeder von der NVBW. Die vielen Fehler, die ihm und seinen Kollegen in den Fahrplandaten auffallen, darf er nicht korrigieren. Darin sind Haltestellen falsch verortet, es finden sich realitätsfremde Fahrverläufe, Zahlendreher und vieles mehr. Fehler, die sich laut Schroeder bei den Verkehrsbetrieben über die Jahre eingeschlichen haben.
Ginge es nicht besser? Die NVBW, sagt Wolfgang Schroeder, biete den Verkehrsverbünden an, die Fahrplandaten Google-tauglich zu machen. Ein anderer Weg ist, Experten wie Patrick Brosi zu beauftragen. Der Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben (Bodo) hat das als erster Verbund im ländlichen Raum getan – oder vielmehr: sich den Aufwand angetan, wie der Sprecher Felix Löffelholz sagt: „Da prallen zwei Welten aufeinander – wie man jahrzehntelang Fahrpläne geschrieben und gefahren hat und die Logik von Google“. Der rigide Qualitätsanspruch des US-Konzerns habe viel Kopfzerbrechen bereitet – und noch mehr Handarbeit beim Nacharbeiten der Fahrplandaten.
Keine irritierten Touristen mehr
Warum der Bodo die Mühe trotzdem auf sich nimmt? Er hofft auf mehr Fahrgäste. Bei keinem anderen Dienst lassen sich Route und Reisezeit so unmittelbar vergleichen wie bei Apples und Googles Karten-Apps. „Das mag manchmal enttäuschend sein, manchmal ist es aber auch ein Aha-Erlebnis. Zumal mit Deutschlandticket“, ist Felix Löffelholz überzeugt. „Zu unserer Zielgruppe zählen unter anderem Touristen“, sagt der für die Technik zuständige Hans-Jörg Rapp, „die akzeptieren keine Ausrede, warum unsere Fahrpläne nicht bei den Kartendiensten sind“. Und ja, auch die Gesellschafter – also die Landkreise und Verkehrsunternehmen – hätten dieses Ziel vorgegeben.
Nun ist es das Beispiel Bodo, das die Verkehrsverbünde im Land unter Zugzwang setzt – auch, weil der Verbund seine Integration in Google Maps per Pressemitteilung gefeiert hat. Geht es anderswo auch voran? Ja, wenn auch etwas leiser. Die Busfahrpläne auf der Ostalb zum Beispiel sind teilweise auch bei Google Maps zu finden. Das sei aber kein Verdienst des dortigen Verbunds Ostalbmobil, sagt Wolfgang Schroeder, sondern von großen Verbünden quasi en passant miterledigt worden. Noch überlässt man bei der Digitalisierung im Land manches dem Zufall.