Natural Bodybuilding Vom Pummelchen zum Weltmeister

, aktualisiert am 22.07.2025 - 12:24 Uhr
Der neue U24-Weltmeister Philipp Huttenlocher. Foto: Valerie Lorenz

Der Stuttgarter Philipp Huttenlocher kürt sich zum U24-Weltmeister im Bodybuilding. Wieso er am Höhepunkt jetzt den Schlussstrich zieht.

Sport: Dominik Grill (grd)

Dass Philipp Huttenlocher einmal alles Andere als eine Sportkanone war, ist heute schwer vorzustellen. Als der spätere Sieger die Bühne der Natural Bodybuilding U-24-WM in Spanien betritt, überragt er die Konkurrenz in Körpergröße und Muskelmasse deutlich. In Zahlen: 1,84 Meter groß, 84 Kilogramm, Körperfettanteil von rund vier Prozent – so sieht ein Mann aus, der das naturale Limit ausgereizt hat. In jüngeren Jahren gab er noch ein ganz anderes Bild ab. „Ich war ziemlich pummelig“, erinnert sich der heute 23-Jährige. Bei den Bundesjugendspielen holte er sich stets die Teilnehmerurkunde ab, während seine Geschwister – ein Bruder und eine Schwester – mit der Ehrenurkunde ausgezeichnet wurden.

 

Früh begann Huttenlocher mit Judo, war allerdings nur mäßig erfolgreich. „In dem meisten, was ich tat, war ich eher durchschnittlich“, sagt der gebürtige Stuttgarter. Im Schatten seiner Geschwister fasste er einen Entschluss: in einer Disziplin der Beste zu werden. „Ich wollte vor allem mir selbst beweisen, dass ich das Zeug dazu habe“, schildert er. Im Alter von 13 Jahren nahm er das erste Mal eine Hantel in die Hand – seine neue Leidenschaft sollte ihn bis heute begleiten. Wobei Leiden das richtige Stichwort ist. „Das Training hat mir noch nie besonders Spaß gemacht“, gibt Huttenlocher zu.

Philipp Huttenlocher: Bodybuilding bedeutet Strapazen

Besonders die Monate vor den Wettkämpfen bedeuten große körperliche und geistige Strapazen. „Monatelang 6000 Kalorien am Tag, dann 30 Kilo abnehmen – das macht was mit dir.“ Während andere in Urlaub oder Feiern gehen, lautete die Marschroute für Huttenlocher: „Kein Alkohol, jeden Tag trainieren, um neun ins Bett.“ Das Sozialleben rücke im Bodybuilding – ohnehin ein Einzelgängersport – in den Hintergrund. Besonders die letzte Diätphase geht wortwörtlich an die Substanz. „Der Körper verfällt in einen Energiesparmodus“, erzählt Huttenlocher. „Weniger Gestik, weniger Mimik, weniger Emotionen – irgendwann läufst du rum wie ein Zombie.“ Das emotionale und körperliche Tal wird just dann erreicht, wenn die große Show ansteht: Breit grinsend, die Haut braun besprüht, werden innerhalb weniger Bühnenminuten die Resultate jahrelanger Arbeit präsentiert – das „Posing“ ist die halbe Miete. „Bodybuilding ist wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem du dann, wenn es darauf ankommt, im unfittesten und ungesündesten Zustand bist“, sagt Huttenlocher.

Philipp Huttenlocher mit der WM-Medaille. Foto: Valerie Lorenz

Seinen ersten Wettkampf bestritt er 2021. Das Ergebnis: ein enttäuschender elfter Platz. „Ich habe so viel Lebensqualität und Geld reingesteckt und am Ende halte ich eine Teilnehmerurkunde in der Hand“, erzählt er – wieder einmal. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“ Doch statt die Gewichte an den Nagel zu hängen, setzte Huttenlocher Alles auf eine Karte. „Ich habe mir Bilder von der Gold-Medaille ausgedruckt und täglich angeschaut, mir jeden Abend vorgestellt, Erster zu werden.“ Sein Stern ging schließlich in diesem Jahr bei den Meisterschaften in den Niederlanden auf. Mit dem dortigen ersten Platz qualifizierte er sich für die U-24-WM in Spanien. Dazwischen nahm er noch spontan an den Deutschen Meisterschaften teil – weil es dort keine Junioren-Kategorie gab, bei den Aktiven. Und prompt die Sensation: Huttenlocher gewann den Wettbewerb. „Damit hatte ich mein Ziel erreicht. Mir ging es darum, mein inneres Kind stolz zu machen“, sagt er.

Philipp Huttenlocher: Über Doping im Bodybuilding und das Danach

Der anschließende Triumph bei der U-24-WM? Die umso tollere Zugabe. Und bei diesem Highlight soll es auch bleiben, Huttenlocher steigt aus. Er weiß: Das nächste Level ist ohne leistungssteigernde Substanzen nicht möglich – ein offenes Geheimnis in der Branche. „Ich habe meinen körperlichen Zenit erreicht und mit Doping werde ich nicht anfangen. Das ist eine Negativspirale, aus der viele nicht mehr rauskommen.“ Freilich, entsprechende Vorwürfe, er sei „auf Stoff“, muss er sich ohnehin gefallen lassen. Aber: „Ich habe hier die Zertifikate aus Spanien, Deutschland und den Niederlanden. Ich bin natural.“ Im Gegensatz zur Königsklasse des Bodybuildings, Mr. Olympia, wird bei den Natural Meisterschaften sehr genau hingeschaut. Nicht nur wird jeder Sieger auf illegale Mittel kontrolliert, auch stichprobenhafte Hausbesuche kommen vor. „Es kann jederzeit passieren, dass jemand an der Tür klingelt, sich den Kühlschrank anschaut oder mich nach Einstichstellen untersucht“, führt Huttenlocher aus.

Seinen Körper will er nicht mehr weiter quälen, dem Sport aber dennoch treu bleiben. Er peilt eine Selbstständigkeit als Personal Trainer und Onlinecoach an. „Der Stundenlohn steigt natürlich, wenn man sich Weltmeister nennen kann“, sagt Huttenlocher mit einem Augenzwinkern.

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