Naturschutzgebiet in Kirchheim Auch der Landkreis Ludwigsburg hat einen Regenwald

Der Kirchheimer Wasen von oben – Auwälder sind unverzichtbar für die ökologische Vielfalt. Foto: /Andreas Essig

Auwälder sind das europäische Pendant zum Regenwald, ein Paradies für verschiedenste Arten. Im größten Auwald des Landkreis Ludwigsburg zeigt sich: Selbst dort wo Menschen keinen Zugang haben, werden die Auswirkungen ihres Handelns sichtbar.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Unter Jörg Altmanns Wanderschuhen suppt der Schlamm hervor. Die Luft ist feucht – als hätte sich der Kirchheimer Auwald in sein charakteristisches Gewand gehüllt. Zwischen Weiden, Pappeln und Haselnusssträuchern fliegt ein Zaunkönig trillernd umher: mit seinen sechs Gramm und dem braunen Gefieder ist er kaum zu erkennen. „Dafür, dass das der drittkleinste Vogel Europas ist, macht er ganz schön Krach“, sagt Jörg Altmann.

 

Er wendet sich nach links, als ein großer Vogel auf den Wald zufliegt – im Hintergrund das stillgelegte Kernkraftwerk Neckarwestheim. „Ein Silberreiher“, sagt er leise. Seit ein paar Jahren sehe er die immer häufiger. Der Vorsitzende der Nabu-Ortsgruppe Neckar-Enz erkennt rund 40 Vögel an ihren Rufen.

Neun von zehn Auen sind in schlechtem Zustand

Der Kirchheimer Wasen ist der größte Auwald im Landkreis Ludwigsburg. Ein Paradies für Vögel, Pflanzen, Amphibien, Pilze. Das 18 Hektar große Naturschutzgebiet wird sich selbst überlassen, den Weg den Jörg Altmann vor Jahren das letzte Mal mit interessierten Bürgern entlanggelaufen ist, hat sich die Natur längst zurückgeholt. „Naturnahe Flussauen sind in ihrer Bedeutung für die biologische Vielfalt so etwas wie eine ‚moderne Arche Noah‘“, sagte die ehemalige Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz Beate Jessel vor Jahren. Das Problem: Neun von zehn Auen sind in schlechtem ökologischem Zustand. Haben die Menschen über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass die Arche langsam sinkt?

Jörg Altmann deutet auf einen Baum in der Ferne, in dem ein Specht Löcher hinterlassen hat. /Andreas Essig

In Auwäldern, Wälder direkt an Bächen und Flüssen, ist der Wasserstand das Maß der Dinge. Auwälder werden regelmäßig überflutet und teilen sich dadurch in zwei Zonen. In der Weichholzaue direkt am Wasser stehen auf Kies- und Sandbänken Baumarten, die viel Wasser vertragen. In dem weichen Holz der Weide und Pappel brüten gerne Vögel - wer genauer hinschaut, sieht die kleinen Löcher, die Spechte hinterlassen haben. Aufgrund der Feuchtigkeit ist das Holz wirtschaftlich absolut uninteressant. Dahinter beginnt die Hartholzaue, in der Stileichen, Spitzahorn, Eschen, Ulmen und Linden stehen – Bäume, die ein trockenes Wurzelwerk brauchen. Der Wechsel zwischen Überschwemmungen und Trockenzeiten prägt den Lebensraum Aue. Der Auwald in Kirchheim ist entstanden, als die Staustufe bei Lauffen in Betrieb genommen wurde, 1959 hat das Regierungspräsidium Stuttgart entschieden, den Kirchheimer Wasen zu schützen.

Auwälder sind das europäische Gegenstück zu Regenwäldern

Jörg Altmann ist mit seinem dunkelblauen Dacia auf die andere Seite des Neckars gefahren, durch die schmale Gasse am Starentor vorbei, über die Brücke zwischen Kirchheim und Gemmrigheim und an gelb gefärbten Weinreben vorbei. Die letzten Meter geht er zu Fuß und bleibt direkt am Ufer stehen. Zwei schwarze Kormorane fliegen über das Wasser und kreuzen den Weg eines Schiffes. Ansonsten ist es still. Zugegebenermaßen: es lässt sich nicht direkt erkennen, was das Besondere an dem Waldstück ist. Wasser, Bäume, Vögel.

Ein Kormoran, der über den Neckar fliegt /Andreas Essig

Dabei gehören Auwälder zu den artenreichsten Lebensgemeinschaften in Mitteleuropa. Sie sind das europäische Gegenstück zu den tropischen Regenwäldern. Vor wenigen Jahren habe er in den angrenzenden Steillagen einen 20 Zentimeter langen Salamander gefunden, erzählt Jörg Altmann, und zählt weitere Bewohner des Auwaldes auf. Iltis, Nachtigall, Wasserspitzmaus. „Das ist eine Kinderstube für Fische“, erklärt Altmann weiter. Darüber hinaus filtere der Auwald Dreck aus Luft und Wasser, binde CO2, mildere Temperaturschwankungen und schütze vor Hochwassern.

Ein Drittel der Auen wird anderweitig genutzt

Ein Drittel der überflutbaren Auen wird für Acker-, Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbeflächen genutzt. Durch die Begradigung fehlt es den Weichholzauen an Feuchtigkeit. Der Kirchheimer Bürgermeister Uwe Seibold kennt das Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft, Bebauung und Naturschutz. „Die Gemarkungsfläche ist klein, wir haben die Steillagen und den Neckar“, sagt er.

Überlegungen, dass auch der letzte Auwald am Neckar weichen muss, habe es aber nie gegeben. „Das Thema Naturschutz hat heute einen hohen Stellenwert“, sagt Seibold. Ein Naherholungsgebiet sei der Kirchheimer Waser nur bedingt, „Flora und Fauna sollen die nötige Ruhe haben“, sagt er. Doch selbst da, wo Menschen keinen Zutritt haben, ist ihr Handeln spürbar. Der Grundwasserspiegel sei nach den letzten trockenen Sommern immer noch 40 Zentimeter zu tief, erzählt Altmann.

Deutschlandweit werden Flüsse renaturiert, die EU hat in ihrer Biodiversitätsstrategie festgelegt, dass europaweit 25 000 Flusskilometer in freie Fließstrecke umgewandelt werden müssen. Geht es den Flüssen gut, geht es den Auen gut. Doch es geht langsam voran. Laut Bundesamt für Naturschutz wurden in den vergangenen 20 Jahren (bis 2021) an 79 Flüssen in Deutschland 7000 Hektar renaturiert.

Altmann wünscht sich Nachverdichtung statt Ausbreitung

Jörg Altmann, der sich auf den Rückweg zu seinem Auto macht, hätte Ideen, was sich ändern müsste. Nachverdichtung statt Ausbreitung zum Beispiel. Wenn es nach ihm ginge, wären die Gemeinden strenger in der Bauplatzausweisung. Seit 50 Jahren ist der 71-Jährige beim Nabu, seit 40 Jahren Vorstand. So langsam will er sich zurückziehen. „Das können Sie schreiben, wir suchen immer Verstärkung“, sagt er mit rauer Stimme. Er ist sich bewusst: es gibt Unternehmungen mit mehr Unterhaltungswert als Führungen durch Streuobstwiesen und Wälder. „Da – da,da“, unterbricht ihn ein Kleiber, der durch den Wald fliegt. Wenn man mit Jörg Altmann durch den Kirchheimer Wasen spaziert, könnte man die Alternativen glatt vergessen.

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