Zum Aus der Netto-Filiale am Rotebühlplatz Stuttgarts Ort für billigen Wodka und Balenciaga-Taschen

, aktualisiert am 04.06.2023 - 14:45 Uhr
Edeloutlet im ersten Stock und sozialer Brennpunkt im Erdgeschoss. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Netto-Filiale am Rotebühlplatz ist geschlossen. Sie war eine Anlaufstelle für Menschen mit niedrigem Einkommen. Der Discounter hatte sich für Obdachlose und Feiernde zu einem Ort entwickelt, an dem sie günstig Alkohol kaufen konnten. Eine Reportage aus dem Februar 2023 [Plus-Archiv].

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Es ist Samstagvormittag im Netto-Markt am Rotebühlplatz. Ein älteres Paar zankt sich am Spirituosenschrank. Der billige Bojaroff-Wodka war kürzlich noch im Angebot und hat 5,19 Euro in der 0,7-Liter-Flasche gekostet. Inzwischen ist er wieder teurer geworden. Doch was soll’s, die Frau mit den rötlich gefärbten Haaren lässt sich nicht irritieren und gibt einen aus. „Unter zehn Euro für eine Flasche Wodka, das ist immer noch ein guter Preis“, sagt sie lautstark in dem Discounter, sodass auch andere sie hören können. Ihr Partner ist im Jogginganzug, die grauen Haare zerzaust, der Bart um den Mundwinkel vom Tabak ockergelb angelaufen. Sie kauft an diesem Tag noch eine kleine Flasche Sekt und eine Packung mit Schoko-Eiern. Er kauft eine Dose Tabak zum Stopfen. Das Paar setzt sich wenige Meter vor dem Discounter auf eine Gitterbank, während der Mann die Wodkaflasche aufschraubt und direkt mit mehreren Zügen aus der Flasche trinkt. Das Wetter ist schön an diesem Februartag, und die beiden verstehen sich wieder gut. Sie sind die Einzigen, die sich auf den Bänken vor dem Netto niederlassen.

 

Der Netto-Markt ist einer der wenigen Discounter in der Stuttgarter City, in dem in zentraler Lage zu niedrigen Preisen Lebensmittel erworben werden können. Hipster kaufen sich nach dem Fitnessstudio hier gleichermaßen ihren veganen Aufschnitt wie Obdachlose ihre Konservendosen. Bei Mietern aus den umliegenden Büros und Geschäften hat der Discounter einen schlechten Ruf. Eine Frau sagt, dass sie den Ort meide und manchmal lieber mehr Geld für eine Cola in der Bäckerei ausgebe, um nicht in den Netto gehen zu müssen. Getto-Netto – so nennen diejenigen die Filiale, die darin etwas Anrüchiges sehen. Das Ordnungsamt spricht davon, dass sich speziell Personen aus dem Obdachlosenmilieu und der Trinkerszene in der Nähe des Netto treffen würden. Wenn es wieder wärmer wird, sitzen sie auf den Bänken und Treppen vor dem Geschäft. Doch noch lassen die Temperaturen wenig Herumlungern im Freien zu.

Fünf Euro und eine Nacht im Park

Ein Mann mit dem Vornamen eines berühmten Rockstars steht an einem frostigen Winterabend mit einem Pappbecher an der Tür des Discounters und fragt nach Kleingeld. Er sieht aus wie Mitte 20 und hat an diesem Tag Glück. Ein Kunde des Netto-Marktes drückt ihm einen 5-Euro-Schein in die Hand. Er schaut den Schein zunächst verdutzt an, als hätte er noch nie Geld gesehen, das nicht klimpert. Seine Frau lebt in Rumänien, sagte er, er lebt im Park. Ihm steht eine unbequeme Nacht im Freien bevor. Auf der Hand, die er dem großzügigen Kunden zum Dank reicht, prangt ein tätowierter Stern.

An Wochenenden kaufen sich Feiernde am Abend günstig ihren Alkohol im Netto-Markt, bevor sie dann vielleicht zehn Euro für einen Wodka-Red-Bull in einem Club auf der Feiermeile der Theodor-Heuss-Straße ausgeben müssen. Der Klaus-Kucher-Platz vor dem Discounter ist mit einer Glaskuppel überdacht, die zur City Plaza gehört. Täglich laufen hier Tausende Menschen über die kreisrunde Fläche zur U-Bahn-Station Rotebühlplatz oder zur S-Bahn-Haltestelle Stadtmitte. Seit einiger Zeit hängen an der Kuppel die Überreste zweier Aluminiumballons. Sie bilden eine 3 und eine 0. Irgendjemand hat wohl auf diesem Platz einen 30. Geburtstag gefeiert, bevor die Ballons zur Decke davonschwebten. Die Luft ist inzwischen raus, die Seile haben sich verfangen.

Auch wenn viele online ihren Frust über chaotische Zustände an den am Abend vollen Kassen des Discounters äußern, wenn der Ansturm der Feiernden kommt, macht die Filiale am Rotebühlplatz einen gut strukturierten Eindruck. Die Obst- und Gemüseabteilung ist klein, der Butterpreis günstig, die hochpreisigen Spirituosen stehen in einer Vitrine, die sich nur per Knopfdruck von einem Mitarbeiter öffnen lässt. Doch es gibt auch billigeren Fusel als den Hochprozentigen hinter der Glasscheibe, der sein Publikum findet.

Weißwein aus dem Tetrapak

An einem Tag unter der Woche geht ein Mann morgens mit ausdruckslosem Gesicht an allen Lebensmitteln vorbei und direkt zur Getränkeabteilung in der letzten Kurve im Markt. Seine Haare sind unter einem Käppi verdeckt. Er greift routiniert nach der Weißweinpackung im Tetrapak. 1,79 für 1,5 Liter. Der Mann kauft nichts anderes und steckt die Packung nach dem Zahlen an der Kasse in seine dunkle Tasche, bevor er in Richtung Unterführung davonschleicht.

Eine Mieterin sagt, dass man auf den gewundenen Treppen vor dem Netto-Markt im Sommer oft die Hinterlassenschaften der Feiernden entdecken kann. Man findet dort Müll, leere Flaschen und manchmal auch Exkremente und den Geruch von Urin. Dabei ist der Weg nach oben auch gleich die Pforte zu einer ganz anderen Welt, als man sie bei den kaputten Flaschen und Betrunkenen erwarten würde. Im ersten Stock ist ein Outlet des Warenhauses von Breuninger. In dem weitläufigen Geschäft finden Kunden Handtaschen von Balenciaga, reduzierte Valentino-Sneaker für 550 Euro oder eine Lederjacke von Maison Margiela für 1500 Euro. Das belgische Modeunternehmen verkauft auch Kleidungsstücke, die zerrissen aussehen und Löcher haben – fast, als wäre es keine Absicht. Viele Menschen, die ein Stockwerk tiefer vor dem Netto feiern, werden sich die zerrissenen Kleidung aus dem Outlet eher nicht leisten können.

Die Batterien sind zu teuer

Die Mitarbeiter der Netto-Filiale am Rotebühlplatz scheinen unbekümmert von den sozialen Spannungen vor ihrem Geschäft. Sie machen einen abgeklärten Eindruck. Eine Kassiererin trägt während ihrer Arbeit Gummihandschuhe und zieht an einem Tag drei Packungen mit dicken D-Batterien über ihren Scanner. Der Preis erscheint auf dem Display. „Die sind aber teurer, als ich dachte“, sagt die Kundin. Sie gibt sie doch wieder zurück. Eine andere Kassiererin lässt sich nicht auf einen Streit mit einer jungen Mutter ein, die mit ihrem Kinderwagen durch die Filiale bis zur Kasse gelaufen ist. Sie will nichts kaufen, findet jedoch keinen Weg nach draußen und schreit die Kassiererin frustriert an. „Sie müssen zurück zum Eingang“, ruft die Mitarbeiterin ihr zu. Es herrscht dicke Luft.

Am Abend bereiten sich die Kassierer auf den Ansturm vor. Es sind zwei Kassen besetzt, ein Kollege macht seine wieder zu. „Komm schnell wieder zurück, bevor ich überrannt werde“, sagt die Mitarbeiterin der einzig offenen Kasse. Er verspricht ihr, schnell wiederzukommen und verschwindet entlang der Lebensmittelregale.

An manchen Tagen beäugt der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die Kunden und hält Ausschau nach Ladendieben. Vormittags ist für einen der Mitarbeiter wenig zu tun. Er kann vor der Tür auf Türkisch mit einem anderen Mann über das Ende der Maskenpflicht diskutieren, während einige wenige Kunden entlang der Regale ihre Lebensmittel kaufen. Über den Platz torkelt ein Mann aus der Backwerk-Filiale, die sich gegenüber des Platzes befindet. Er trägt eine neongelbe Arbeiterjacke und schafft die drei Treppen auf dem Platz erst beim zweiten Anlauf und mit Festhalten am Geländer. Er verschwindet über den Platz wie ein Matrose bei rauer See, doch fällt er nicht zu Boden.

Der Geruch von Döner und Zigaretten

Verlässt man die Filiale in Richtung S-Bahn, kommt man oft an Menschen vorbei, die nicht wie die anderen zur Bahn hasten, sondern dort auf etwas zu warten scheinen. Ein Dönerladen scheint sich mit dem durchwachsenen Publikum gut angefreundet zu haben. Manchmal geben sie einem Menschen, der bedürftig aussieht, auch einen Döner aus. Vor der Tür steht ein Mann an einem Stehtisch und verteilt seinen halben Döner auf dem Tisch, während er laut auf Arabisch mit jemandem skypt. Er zündet sich danach eine Zigarette an, und der Geruch von Döner und Zigaretten mischt sich in der Unterführung mit der U-Bahn-Luft.

Einmal gab es einen Mann, der jeden Morgen unten auf dem Platz stand. So erzählt es eine Person aus dem City Plaza. Er war nicht wie die anderen, denn er war weder laut, noch betrunken, noch bettelte er einen um Kleingeld an, sondern stand da nur monatelang herum. Eines Tages war er einfach weg, und manchmal fragt sich sein heimlicher Beobachter, was wohl aus ihm geworden sein könnte.

Manche der Personen, die man öfter in der Unterführung sieht, wirken obdachlos, andere heimatlos. Keiner wirkt glücklich. Die meisten Passanten machen einen Bogen um sie und tun so, als wären sie nicht beunruhigt, oder sie beobachten sie aus der Ferne und machen sich Gedanken über sie. Manche obdachlosen Menschen verkaufen dort hin und wieder eine „Trottwar“, andere fragen nach Geld. Ein Mann fängt an, laut zu predigen, nachdem auch er einen Geldschein erhält. Er dankt Jesus für sein Glück.

Dieser Text erschien erstmals am 26. Februar 2023. 

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