Netzengpässe in Baden-Württemberg EnBW schlägt Alarm wegen überlastetem Stromnetz

Baden-Württembergs Stromnetz ist am Limit. Die Anschlusswünsche übersteigen in manchen Regionen bereits die Hälfte der vorhandenen Kapazität. EnBW-Vorstand Dirk Güsewell bezieht Stellung. Foto: Max Kovalenko

Wer heute einen Stromanschluss für sein Gewerbe oder den Ladepark braucht, muss sich teils lange gedulden. Die EnBW warnt: Der Netzengpass gefährde Arbeitsplätze und Energiewende.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Baden-Württembergs größter Energieversorger schlägt Alarm: Das Stromnetz im Land stoße zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen. „Wir erleben seit mehr als zwölf Monaten eine überraschend starke Dynamik bei Netzanschlussbegehren“, sagt EnBW-Vorstand Dirk Güsewell im Interview mit unserer Zeitung. Die Folge: Industriekunden, Gewerbebetriebe und Betreiber von Solar- und Windparks müssten teilweise jahrelang auf ihren Stromanschluss warten.

 

Die Zahlen der EnBW-Tochter Netze BW verdeutlichen das Ausmaß: Allein 2025 gingen 75 000 Anträge für Anschlüsse erneuerbarer Energiequellen ein – dreimal so viele wie 2021. „Diese Entwicklung liegt deutlich über den ursprünglichen Erwartungen“, heißt es bei der EnBW. Der Energiekonzern warnt: Ohne grundlegende Änderungen drohten noch mehr Engpässe, höhere Kosten und eine Verlangsamung der Energiewende.

Stromkonzern: Netzausbau nicht verschlafen

Besonders drastisch zeigt sich die Lage am Beispiel der Region Mittelbaden: Dort entsprechen die seit Jahresanfang eingegangenen Anschlusswünsche der Hälfte des heutigen Spitzenbedarfs der gesamten Region – fünf- bis zehnmal so viel wie erwartet. In einzelnen Regionen machen die Anschlusswünsche 50 bis 60 Prozent der bestehenden Kapazität aus. Der Netzausbau kommt nicht hinterher. Die Planung und der Bau neuer Umspannwerke benötigen etwa fünf Jahre, der Komplettneubau von Hochspannungsleitungen kann bis zu 20 Jahre dauern. Der Netzanschluss werde zum kritischen Standortfaktor, so Güsewell.

Der Stromkonzern wehrt sich gegen den Vorwurf, den Netzausbau verschlafen zu haben. „60 Prozent unserer Investitionen im letzten Jahr – über vier Milliarden Euro – flossen allein in den Netzausbau“, betont EnBW-Manager Güsewell. „Netzbetreiber dürfen allerdings auch nicht über den konkreten Bedarf hinaus und auf Verdacht zubauen, die Bundesnetzagentur überwacht das sehr genau.“

EnBW-Vorstand Dirk Güsewell warnt: Netzengpässe bremsen die Energiewende aus. Foto: Max Kovalenko

Als Übergangslösung schlägt die EnBW flexible Netzanschlüsse vor. „Ein Industriekunde kann beispielsweise vereinbaren, dass er Kapazität nur nachts zwischen 0 und 6 Uhr nutzt“, erklärt Güsewell. „Er investiert in einen Batteriespeicher, lädt nachts auf und versorgt sein Werk tagsüber daraus.“

Kritisch sieht Güsewell auch das bisherige Prinzip „First Come, First Serve“, nach dem Netzkapazität heute vergeben wird: Wer zuerst einen Antrag stellt, wird zuerst bedient. „Das ist nicht sinnvoll, wenn Netzkapazität ein knappes Gut ist“, so der EnBW-Manager. Um den Netzausbau zu beschleunigen, sieht die EnBW vor allem die Politik in der Pflicht. Güsewell begrüßt die im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung vorgesehene ressortübergreifende Taskforce zur Beschleunigung von Genehmigungen.

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