Stuttgarter wagen Neuanfang Studieren mit fast 40 – „Man braucht Mut“

Martin Kuracinski, 38, gelernter Maurer, studiert in Stuttgart Architektur und Stadtplanung im ersten Semester. Foto: privat

Gelangweilt vom Job? Auch im fortgeschrittenen Alter kann man noch ein Studium beginnen. Zwei Stuttgarter Studierende erzählen, wie sie das geschafft haben.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

In den ersten Vorlesungsstunden schauen die Architekturstudierenden neugierig zu Martin Kuracinski. Der Mann mit Hipster-Schnauzbart und Turnschuhen sieht nicht ganz so aus, als sei er ein normaler Studierender – ist er ein Dozent? Er wirkt etwas älter. Manche seiner Nebensitzer fragen, ob sie ihn duzen oder siezen sollen. Kuracinski ist 38 Jahre alt, gelernter Maurer ohne Abi und studiert in Stuttgart im ersten Semester Architektur und Stadtplanung.

 

„Ich wollte schon immer studieren, aber habe mich lange nicht getraut“, sagt er, und räumt gleich ein: „Es war auch nicht so einfach, es dann wirklich zu wagen.“ Kuracinski hat die Mittlere Reife und den technischen Fachwirt, somit hatte er eine Hochschuleignung. Trotzdem musste er noch einen Test für beruflich Qualifizierte in Konstanz bestehen, um sein Wunschstudium in Stuttgart beginnen zu können.

Eine halbe Million Studierende in Deutschland sind älter als 30 Jahre

Um das auf sich zu nehmen im fortgeschrittenen Alter und sich jahrelang finanziell einzuschränken, muss man sehr entschlossen sein, beruflich neue Wege gehen zu wollen. Doch Kuracinski ist nicht allein mit dieser Lebensentscheidung. An der Universität Stuttgart haben sich aktuell zum Wintersemester 33 Personen neu eingeschrieben, um mit über 30 Jahren ein Studium zu beginnen, wie die Hochschule mitteilt. Davon sind allerdings 19 Neueinschreiber im Masterstudium, sie haben also bereits einen Bachelorabschluss.

Etwa eine halbe Million Studierende in Deutschland sind Wissenschaftsinstituten zufolge älter als 30 Jahre, das sind knapp ein Fünftel der 2,9 Millionen Studierenden insgesamt. Manche davon sind sogar schon deutlich älter – das sind Rentner, die noch einmal ein spätes Studium aus Interesse beginnen. Doch die meisten sind den Statistiken zufolge Menschen, die im mittleren Alter beruflich neue Wege gehen wollen.

Viele tun dies berufsbegleitend, etwa an der Fernuni Hagen. Nach Angaben der Universität sind die Studierenden dort im Schnitt 38 Jahre alt. Mehr als die Hälfte hat bereits ein abgeschlossenes Studium, und mehr als zwei Drittel von ihnen studiert in Teilzeit. Das bedeutet, für einen Bachelorabschluss haben diese Studierenden dann sechs statt drei Jahre Zeit.

„Dadurch, dass sie es packten, dachte ich, das kann ich auch schaffen“

Kuracinski hatte bis zum vergangenen Jahr einen gut bezahlten Bürojob, bei dem er Drohnen auf Baustellen steuerte. Dennoch hatte er das Gefühl, nicht weiter zu kommen, nicht mehr wirklich etwas Neues zu lernen. Eine alleinerziehende Freundin hat ihm dann von ihrem späten Studium erzählt, das fand Kuracinski inspirierend. Wenn sie es schafft, die sogar noch Mutter ist, könnte er es auch wagen? Als dann auch noch sein Trainer im Kick-Boxen mit 45 das Studieren anfing, fühlte sich Kuracinski endgültig motiviert. „Dadurch, dass sie es packten, dachte ich, das kann ich auch schaffen.“

Der Niederbayer war vor einigen Jahren wegen einer Beziehung nach Stuttgart gekommen. Die ist dann, wie er erzählt, unter anderem wegen seines Studienwunsches zerbrochen. Die Freundin verstand nicht, wie man einen gut bezahlten Job aufgeben könne, um so spät noch einmal zu studieren – und damit auch etliche Jahre finanziell schlechter gestellt zu sein.

Dieses Thema hat Kuracinski auch beschäftigt. Doch er merkt, so sehr muss er sich gar nicht einschränken bisher. „Ich arbeite seit 20 Jahren, einen kleinen finanziellen Puffer habe ich mir schon aufgebaut.“ Er hat keine Schulden, keine besonderen Bedürfnisse, fährt ein günstiges Auto. Für seine 45 Quadratmeter große Wohnung in Stuttgart-Botnang zahlt Martin Kuracinski 550 Euro warm im Monat. Und er hat noch keine eigene Familie, keine sonstigen Verpflichtungen.

Finanziell ist die Veränderung zum Studierenden eine Umstellung

So unabhängig ist Christoph Weise nicht, doch auch er hat gewagt, wovon andere nur träumen. Weise, 36, studiert Agrarbiologie im ersten Semester in Hohenheim. Weise hat ein kleines Kind, das bei der Mutter lebt, für den Unterhalt, den Weise eigentlich zahlen müsste geht das Jugendamt jetzt in Vorleistung, Weise muss das irgendwann zurückzahlen. „Das finde ich in Ordnung“, sagt er.

Student Christoph Weise an der Uni Hohenheim Foto: privat

Finanziell sei die Veränderung für ihn schon eine Umstellung, sagt Weise, er bekomme aber glücklicherweise elternunabhängiges Bafög, 1250 Euro im Monat. Für sein Studium ist er von Konstanz nach Hohenheim gezogen und wohnt jetzt für 300 Euro im Monat im Studentenwohnheim, nur fünf Minuten mit dem Fahrrad braucht er von hier zur Uni. „Man muss Abstriche machen, zwei bis drei Urlaube im Jahr sind nicht mehr drin, auch beim Einkaufen achte ich auf die Preise.“

Christoph Weise hat elf Jahre lang als ausgelernter Krankenpfleger in Konstanz gearbeitet. „Bis Corona kam, hatte ich viel Spaß“, erzählt er. Damals war er in einer onkologischen Ambulanz beschäftigt. „Der Ton dort ist ohnehin schon immer rau, die Menschen sind verständlicherweise oft angespannt.“ Während der Pandemie sei das aus dem Ruder gelaufen. „Es gab Streits und Handgreiflichkeiten, weil die Leute keine Maske tragen wollten.“ Die Arbeitsatmosphäre habe seine Psyche belastet, erzählt Christoph Weise, und er wusste, so kann er nicht noch Jahrzehnte weiter machen.

Das ist ein Gedankengang, den Weise wohl mit vielen späten Studierenden teilen dürfte. Geht es auf die 40 zu, arbeitet man meist schon mehr als zehn Jahre in einem Job, dennoch liegen noch an die 30 Berufsjahre vor einem. Da kann man sich schon mal die Frage stellen: Will ich das eigentlich so lange machen? „Ich konnte mir das nicht vorstellen“, sagt Weise. „Man verbringt mehr Zeit im Job als mit der Freundin oder der Familie, da muss man sich schon fragen: Macht es Spaß oder raubt es mir zu viel Energie, ist es vielleicht sogar belastend?“

In den Semesterferien will der Student künftig jobben

Christoph Weise hatte sich schon immer für Biologie interessiert, dann entdeckte er den Studiengang Agrarbiologie in Hohenheim, den es deutschlandweit in dieser Form nur hier gibt. Weise hat Abitur, daher war es kein Problem, sich in Hohenheim einzuschreiben. Als es dort endlich losging, hatte er dennoch „Nervenflattern“, wie er erzählt. Auch der Architekturstudent Martin Kuracinski erinnert sich gut an dieses Gefühl, er sagt: „Man braucht schon Mut, aber muss es einfach ausprobieren.“

Bachelor und Master in Martin Kuracinskis Studiengang dauern zusammen fünf Jahre, in den Semesterferien will er künftig jobben, um sein Studium auch weiterhin finanzieren zu können. Sein Studium beginne er wohl auch etwas weniger blauäugig als so mancher 20-Jährige, glaubt Kuracinski. Er weiß schon genau, was er will und warum er studiert: „Mein Ziel ist es, später ein eigenes Architekturbüro zu eröffnen, das sich auf Bauen im Bestand fokussiert.“

Für ihn sind seine jüngeren Kommilitoninnen so etwas wie Arbeitskollegen

Drei Jahre Regelstudienzeit sind vorgesehen im agrarwissenschaftlichen Bachelorstudiengang von Christoph Weise. Danach könnte er sich vorstellen, bei Saatgutunternehmen oder in landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten, auch in Laboren gebe es immer mehr Jobs, erzählt Weise.

Martin Weises Mitstudierende in Hohenheim sind 16 Jahre jünger als er. „Manche fragen natürlich, wie alt ich bin, die meisten sagen dann aber, sie fänden es cool, dass ich noch studiere.“ Weise hat dort neue Freunde gefunden.

Für Martin Kuracinski sind seine jüngeren Kommilitoninnen und Kommilitonen eher so etwas wie Arbeitskollegen. Sein Alter, erzählt er, sei nach den ersten Vorlesungsstunden aber nie wieder Thema gewesen, nur eines finden die jungen Studierenden bis heute besonders kurios und unterscheidet die 20-Jährigen dann doch von ihrem etwas älteren Kommilitonen: Kuracinski nutzt keinerlei Social Media.

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