Neubebauung in Holzgerlingen Anwohner sind nicht einverstanden
Sahnestück mitten im Ort: Die geplante Bebauung des Wacker-Areals – eine ehemalige Gärtnerei – beschäftigt die Anwohner. Der Bürgermeister nimmt Stellung zu Kritikpunkten.
Sahnestück mitten im Ort: Die geplante Bebauung des Wacker-Areals – eine ehemalige Gärtnerei – beschäftigt die Anwohner. Der Bürgermeister nimmt Stellung zu Kritikpunkten.
111 neue Wohneinheiten und mehr Platz für das Berkenschulzentrum, all das praktisch mitten in der Innenstadt: Mit dem Verkauf des Wacker-Areals in Holzgerlingen soll das in den kommenden Jahren Realität werden. Anwohner haben Sorgen. Der Rathauschef weniger.
Die Aufstellung des Bebauungsplans „Berken IV“ wurde in der letzten Sitzung des vergangenen Jahres im Gemeinderat beschlossen. Doch was für Stadt, Schule und potenzielle Neubürger ein riesiger Erfolg ist, treibt manchen Anwohnern des 2,3 Hektar großen Areals zwischen Berken-, Friedhof- und Richthofenstraße die Sorgenfalten auf die Stirn. Nicht so sehr wegen des Projekts an sich. Unter anderem die sich mutmaßlich verschärfende Verkehrslage beschäftigt sie. Eine Gegenüberstellung.
Karl Straub wohnt – mit kurzen Unterbrechungen – seit fast 80 Jahren in der Richthofenstraße in Holzgerlingen. Eine weitere Anwohnerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, hat vor mehr als 30 Jahren mit ihrer Familie nahe des Wacker-Areals gebaut. Direkt angrenzend an die Gärtnerei wohnt ein Mann, der ebenfalls anonym bleiben möchte.
Die größten Bedenken von Straub und dem anderen Anwohner beziehen sich auf die verkehrliche Erschließung. Denn selbst, wenn es eine zusätzliche Straße quer durch das Gebiet geben werde, so wie es geplant ist (von der Berken- bis zur Richthofenstraße), münde diese in die Berken-, Richthofen- und in die Friedhofstraße, führt Straub aus. In der Friedhofstraße sei es in den vergangenen Monaten ohnehin sehr eng zugegangen, was parkende Autos anbelangt, bemerken alle drei Ortskundigen unabhängig voneinander. „Die Feuerwehr würde schon jetzt auf keinen Fall durchkommen.“ Für die Anwohner liegt daher auf der Hand: Die Situation werde sich durch das Baugebiet weiter verschärfen. „Ich befürchte, dass sich die Bevölkerung in diesem Viertel bei dieser umfangreichen Bebauung verdoppelt“, sagt Karl Straub. Und damit natürlich auch das Verkehrsaufkommen. Noch schlimmere Auswirkungen befürchtet der Anwohner, der anonym bleiben möchte, für diejenigen, die in den beiden Stichsträßchen von der Friedhofstraße in Richtung des Wacker-Areals wohnen, die als Erschließungsstraßen genutzt werden sollen, wie es in der jüngsten Gemeinderatssitzung hieß. Sogar der Begriff Wertverlust fällt im Gespräch.
Ioannis Delakos sagt dazu: „Die verkehrliche Situation genießt im gesamten Planungsprozess die höchste Priorität. Vor allem der Schülerverkehr belastet zu den Schulbeginn- und endezeiten die Berken- und Friedhofstraße. Hier befinden wir uns seit geraumer Zeit im Austausch mit unseren Schulen und Eltern, um die Situation zu entspannen.“ Es gebe bereits ganz konkrete Ideen, die im Laufe der kommenden Monate noch einmal ausführlich diskutiert würden, wie beispielsweise eine Einbahnstraßenregelung oder , Halteverbote und weitere. Dabei solle der gesamte Bereich Eberhard-, Berken-, Friedhof- und Goethestraße beachtet werden. „Ob die Stichstraßen durchgeführt werden, ist noch nicht entschieden und soll explizit mit den Anliegern besprochen werden“, wird der Bürgermeister zitiert.
Für eine Anwohnerin, die anonym bleiben möchte (Name ist der Redaktion bekannt), kommen die etwaigen Pläne für die Stichstraßen nicht überraschend. Schon als sie vor mehreren Jahrzehnten dort gebaut haben, war klar, dass diese – sollte das Wacker-Areal je bebaut werden – durchgezogen werden. „Wir lassen es auf uns zukommen“, meint sie deshalb ganz pragmatisch.
Zum Thema Wertverlust widerspricht der Bürgermeister der Einschätzung der Anwohner: Bei jeder größeren Baumaßnahme in den vergangenen Jahren sei das Argument des Wertverlustes der Immobilien ins Feld geführt worden, ob beim Bau des Südanschlusses oder der Flüchtlingswohnheime. „Das Gegenteil war in den vergangenen Jahrzehnten der Fall. Gerade durch die Steigerung der Attraktivität unserer Stadt haben sich die Immobilienpreise überdurchschnittlich positiv entwickelt, weshalb wir auch hier nicht sehen können, weshalb es sich in der Friedhofstraße anders verhalten sollte“, so Ioannis Delakos.
Das Wacker-Areal ist zur Friedhofstraße hin abfallend. Ein Problem im Hinblick auf die Wasser- und Abwasserversorgung? Oder gar ein Aspekt, der weitreichende Arbeiten im bestehenden Wohngebiet, beispielsweise zur Vergrößerung der Kanäle, nötig macht? Das fragt sich Karl Straub. Der andere Anwohner hat Sorge, dass durch das abschüssige Areal das ganze Regenwasser in Richtung seines Gartens und Hauses fließen könnte. Aktuell sorgt ein Mäuerchen zwischen Acker und seiner Zufahrt dafür, dass genau das nicht geschieht.
„Die Wasserver- und entsorgung für dieses Gebiet wird zu keinen großen Baumaßnahmen in den Bestandsstraßen führen“, betont Bürgermeister Ioannis Delakos. Es erfolge lediglich der Ringschluss für die Wasserleitung und der Anschluss des Schmutzwassers an den Kanal in der Friedhofstraße. Das Oberflächenwasser werde separat gesammelt und über den Graben am Grabenrainweg abgeleitet.
Ein weiterer Kritikpunkt von Karl Straub ist die Art der geplanten Bebauung: Häuser mit Flachdächern, dreigeschossig. Diese Bauweise entspreche in keiner Weise der Umgebung, sagt er. Und wird noch deutlicher: „Das ist die Kapitulation der Architektur vor dem Kommerz.“ Wenn schon Ackerland bebaut werde, hätte er sich gewünscht, dass die Stadt selbst ein Konzept entwickelt, das die städtebaulichen Aspekte vor den finanziellen in den Vordergrund rückt, argumentiert er.
„Der vorliegende Plan hat sich in mehreren Planungsphasen entwickelt“, hält Delakos dagegen. Hierbei sei die Stadt unter anderem durch ein Stadtplanungsbüro begleitet worden. „Der Abstand zur Bestandsbebauung wurde bewusst weiter gewählt. Die geplante Bebauung orientiert sich an den Schulbauten.“
Die drei Anwohner wären gerne früher in die Planungen für das Areal mit eingezogen worden. Nicht, um es zu verhindern, sondern um konstruktive Vorschläge einzubringen, betont einer. Etwa eine Bürgerfragestunde ausschließlich zu diesem Thema hätte sich Straub gewünscht. „Bisher ist alles sehr im Hintergrund abgelaufen“, findet der Ur-Holzgerlinger. Zumindest sei niemand auf einen der drei zugekommen.
Holzgerlingens Bürgermeister betont, dass Mitglieder des Gemeinderats im oder nahe an dem betreffenden Gebiet wohnen und die Situation daher „sehr gut abschätzen“ können. „Bereits in den Monaten vor dem Beschluss hat sich der Gemeinderat viel Zeit genommen, um auch mit den Anwohnern ins Gespräch zu gehen, beziehungsweise sich ein abschließendes Bild von der Situation vor Ort zu machen.“ Schlussendlich handele es sich nicht um eine öffentliche, sondern um eine private Baumaßnahme. „Bürgerinformationen oder Bürgerbeteiligungen vonseiten der Stadt sind bei städtischen Projekten üblich, nicht bei privaten Baumaßnahmen.“
Der direkte Anwohner der Gärtnerei regt an, das Areal unversiegelt zu lassen, um für kommende Generationen einen Raum zu schaffen, den sie entwickeln können. „Vielleicht ergeben sich Bedarfe, von denen wir heute noch nichts wissen können“, gibt er zu bedenken. „Dann hätte man die Flächen dafür, direkt an der Schule und nahe des Stadtzentrums.“